In der Nacht vom 16. zum 17. Juni alarmierte das Zentralkommittee der SED die Bezirksleitung in Dresden. Am nächsten Tag sei mit Demonstrationen und Unruhen zu rechnen. In den Betrieben in Dresden blieb die Situation jedoch zunächst entspannt. Aus einem Streik im Sachsenwerk in Niedersedlitz entstand auch in Dresden im Laufe des Tages eine machtvolle Protestbewegung. Besondere Kraft gewann der Aufstand ganz im Osten des Bezirks. In der Kreisstadt Niesky entwickelten sich bürgerkriegsähnliche Zustände. Höhepunkt dieses Aufstandes war die Erstürmung der SED-Kreisleitung und der Kreisdienststelle des MfS.

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DAs Schwarz-Weiß-Bild zeigt eine Menschenansammlung auf einer Straße. In den Häusern an der Straße sind verschiedene Geschäftee ansässig.

Gesamtübersicht zum 17. Juni im Bezirk Dresden

Die Stasi erstellte einen umfangreichen Bericht zu den Ereignissen vom 17. Juni 1953 und den darauffolgenden Tagen im ehemaligen Bezirk Dresden. Zum Teil wird darin offen Kritik an Partei- und Regierungsorganisationen formuliert. Auffällig ist aber auch, dass hier die Geheimpolizisten am Bild einer faschistischen Provokation festhalten und einzelne sogenannte "Rädelsführer" als Initiatoren der Streikbewegung ausmachen.

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Die Ereignisse im Sachsenwerk Niedersedlitz

In den Betrieben Dresdens blieb die Situation zunächst entspannt. Direkt vor den Toren der Elbmetropole, im SAG-Betrieb Sachsenwerk in Niedersedlitz sprach der SED-Parteisekretär des Betriebes über den Betriebsfunk zur Belegschaft und räumte Überspitzungen in der Normenfrage ein. Die Arbeiter hatten jedoch längst von den besonderen Vorgängen in Berlin erfahren. 30 von ihnen waren als Kursteilnehmer der SED-Betriebsschule auf Exkursion zur Stalinallee gewesen, um dort die fortschrittlichen Arbeitsmethoden der Bauarbeiter zu studieren und sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen. Stattdessen waren sie Zeuge der Streiks und Protestzüge geworden.

Von den Nachrichten aus Berlin ermuntert und von den Ausführungen des SED-Parteisekretärs verärgert, begannen die Arbeiter nach und nach, die Arbeit niederzulegen. Immer mehr von ihnen versammelten sich auf dem Hof des Werks. Das Sachsenwerk war der größte Industriebetrieb Dresdens, im Hauptwerk waren fast 5.500 Mitarbeiter beschäftigt. Auch Bauarbeiter der Dresdner Bauunion, die im Werk arbeiteten, schlossen sich dem Streik an. Innerhalb kurzer Zeit schwoll die Versammlung auf dem Werkshof auf 2.000 Personen an. Parteisekretär und Werksleitung versuchten noch, den Protestzug mit dem Hinweis aufzuhalten, dass die Normenerhöhung zurückgenommen sei. Das interessierte die Protestierenden jedoch nicht. Ein Teil machte sich auf, um die Belegschaften weiterer Betriebe für ihren Protest zu gewinnen.

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Etwa anderthalb Kilometer vom Sachsenwerk entfernt, befand sich der VEB Sächsische Brücken- und Stahlhochbau (ABUS). Als gegen 10:00 Uhr die Kollegen vom Sachsenwerk die ABUS-Mitarbeiter aufforderten, ebenfalls zu streiken und sich ihrem Protestzug anzuschließen, folgte ein kleiner Teil der Belegschaft. Der größere verharrte zunächst auf dem Gelände und wartete eine eilig einberufene Belegschaftsversammlung ab, auf der sich Partei- und Betriebsfunktionäre jedoch nicht durchsetzen konnten. Anschließend sprach Wilhelm Grothaus, ein kaufmännischer Angestellter, der bis 1932 der SPD und anschließend der KPD angehört hatte. Die Situation veränderte sich schlagartig. Grothaus forderte den Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen, die Freilassung aller politischen Gefangenen, die Senkung der HO-Preise sowie die Verbesserung der Sozialfürsorge. Er schlug vor, eine Streikleitung mit zehn Mitgliedern zu wählen. Die Arbeiter wählten jedoch elf Mitglieder, darunter auch Grothaus selbst.

Im Sachsenwerk versammelten sich unterdessen Arbeiter und Angestellte aus mehreren Dresdner Betrieben, es mögen bis zu 5.000 gewesen sein. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass Otto Buchwitz, Mitglied des SED-Zentralkomitees, sprechen würde. Buchwitz, ein alter Sozialdemokrat, der von den Nationalsozialisten ins Zuchthaus eingesperrt worden war, versuchte die aufgebrachten Kundgebungsteilnehmer zu beruhigen. Seine Argumente verfehlten jedoch die erwünschte Wirkung. Nun trat spontan Grothaus aufs Podium. Er berichtete von den Vorgängen bei ABUS und forderte den sofortigen Rücktritt der Regierung. Anschließend traten weitere Redner auf, die ebenfalls politische Forderungen erhoben. Nach dem Vorbild des Komitees von ABUS bildeten auch die Sachsenwerker eine zehnköpfige Streikleitung. Im Anschluss an die Rede von Grothaus kam die Idee auf, einen Demonstrationszug zu formieren und ins Zentrum der Dresdner Innenstadt zu ziehen.

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Protestbewegungen erfassen ganz Dresden

Vor und während der Vorfälle im Sachsenwerk hatten sich überall in der Stadt weitere Betriebe dem Streik angeschlossen. Aus verschiedenen Richtungen strömten Demonstrationszüge in die Innenstadt Dresdens. Darunter waren auch jene Arbeiter des Sachsenwerks und von ABUS, die schon vor der Buchwitz-Rede losgezogen waren, um andere Betriebe zu mobilisieren. Allein den Arbeitern aus Niedersedlitz schlossen sich mindestens zehn weitere größere Unternehmen an. In Sprechchören und auf Schildern forderten die insgesamt etwa 60.000 Demonstranten an verschiedenen Stellen der Stadt den Rücktritt der Regierung, Generalstreik und die Einheit Deutschlands. Vereinzelt gaben KVP-Angehörige und sowjetische Soldaten Warnschüsse ab, mehrere Jugendliche warfen Steine gegen sowjetische Panzer. Gegen 16:00 Uhr sperrten KVP und Rote Armee sämtliche Zufahrtsstraßen zum Postplatz hermetisch ab. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in dem Kessel auf dem Postplatz etwa 20.000 Personen.

Die Atmosphäre in Dresden blieb weitgehend friedlich. Zwar kam es an mehreren Stellen der Stadt zu Entwaffnungen von KVP-Angehörigen, auch zu leichteren tätlichen Angriffen, aber insgesamt blieben dies Randerscheinungen. Die wichtigsten öffentlichen Gebäude standen unter dem Schutz von sowjetischem Militär und KVP, sodass es zu keiner Erstürmung kam. Die sowjetischen Einheiten gingen relativ behutsam vor, die Panzer fuhren zumeist im Schritttempo. Einzelne Zeitzeugenberichte, denen zufolge Panzer in die Massen gerast seien, lassen sich mit schriftlich überlieferten Quellen nicht bestätigen. Sämtliche Ansammlungen waren schließlich bis 21:00 Uhr aufgelöst worden. In der Stadt herrschte wieder Ruhe. Das Militär hielt alle neuralgischen Punkte besetzt.

Am nächsten Tag wollten die Arbeiter zahlreicher Betriebe den Streik fortsetzen, als bekannt wurde, dass die Anführer der Arbeitsniederlegungen des Vortages verhaftet worden waren. Sowjetische Soldaten und Angehörige der KVP begannen jedoch damit, den SAG-Betrieb Sachsenwerk und andere Betriebe zu besetzen. Mit dieser Unterstützung gelang es den Betriebsleitungen und SED-Funktionären, allmählich die Kontrolle zurückzugewinnen. Vereinzelte Arbeitsniederlegungen beendeten sie mit der Androhung von Erschießungen. Unter diesem Druck brach die Protestbewegung schließlich zusammen.

Wilhelm Grothaus wurde in der Nacht vom 17. Juni zum 18. Juni 1953 in seiner Wohnung verhaftet. Am 5. August 1953 verurteilte ihn das Bezirksgericht zu 15 Jahren Zuchthaus – in eben jenem Saal, wo er 1944 als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime schon einmal verurteilt worden war. 1960 kam Wilhelm Grothaus frei und flüchtete in den Westen.

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Aufstand in Görlitz

Im östlichen Sachsen gingen die Aufständischen im Vergleich zu anderen Regionen mit am weitesten. Hier gelang es zumindest kurzzeitig, die SED-Herrschaft ins Wanken zu bringen und ihr eine Alternative gegenüberzustellen. Görlitz befand sich 1953 gleich in mehrfacher Hinsicht in einer besonderen Situation. Aus dem früheren Tor zu Schlesien war eine geteilte Stadt direkt an der neuen Oder-Neiße-Grenze zu Polen geworden. Es herrschte Wohnungsnot und soziale Armut. SED-Führung und Massenorganisationen hingegen residierten in den historischen Prachtbauten der Stadt. Die SED verschlimmerte die soziale Not noch durch eine rücksichtslose Enteignungspolitik.

Demonstranten reißen in einer Ladenzeile in Görlitz SED-Plakate ab.

Dem standen gewachsene Strukturen des Bürgertums gegenüber. Obwohl durch Fluchtbewegung in den Westen ausgedünnt, verfügte es nach wie vor über einen starken moralischen Rückhalt in der Stadt. Auch die Kirche hatte im Bischofssitz Görlitz eine große Bedeutung, beide Kirchen waren fest in der Bevölkerung verankert. Schließlich gab es daneben alte sozialdemokratische Strukturen, die immer noch sehr vital geblieben waren.

Auch in Görlitz war die SED-Führung vor möglichen Unruhen gewarnt worden. In der Nacht vom 16. Juni zum 17. Juni 1953 bestellte der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Görlitz deshalb den Chef der Polizei, den Leiter der Kreisdienststelle des MfS und den Oberbürgermeister zu sich, um über die Lage zu beraten. Sie wurde gründlich verkannt. Die Veranwortlichen verließen sich auf die betrieblichen Parteistrukturen, die die Lage unter Kontrolle halten sollten. Doch als die Frühschichten in den Betrieben eintrafen gab es nur ein Thema: die Vorgänge in Berlin und wie die Arbeiter sich solidarisch zeigen konnten. Im Lokomotiv- und Waggonbau Görlitz (LOWA), in dem etwa 4.000 Menschen arbeiteten, brach der erste Streik aus. Von hier breitete sich die Protestbewegung schnell auf andere Betriebe und die restliche Stadtbevölkerung aus.

Innerhalb weniger Stunden war die gesamte Stadt auf den Beinen. Bald waren alle wichtigen Gebäude und bedeutsamen Punkte in der Hand der Aufständischen. Auf einer ersten Kundgebung auf dem Obermarkt, dem damaligen Leninplatz, kamen zehntausende Görlitzer zusammen. Sie wählten den Oberbürgermeister in einer spontanen Abstimmung ab. Außerdem gab man bekannt, dass am frühen Nachmittag ein Stadtkomitee gebildet, eine Bürgerwehr aufgestellt, die bisherige Polizei entwaffnet und alle politischen Häftlinge befreit werden sollten. Gemeinsam sang die Menge das "Deutschlandlied".

Kundgebung vor der Dienststelle der Staatssicherheit auf dem Leninplatz in Görlitz.

Sturm auf die MfS-Kreisdienststelle in Görlitz

In der Folge besetzten Bürger die SED-Kreisleitung und das Rathaus. Als nächstes zogen sie zur Kreisdienststelle des MfS weiter, in dem sich die sieben Stasi-Mitarbeiter verschanzt hatten. Ihnen stand eine Menge von 4.000 Görlitzern gegenüber. In dieser Situation begannen die MfS-Mitarbeiter, entgegen geltenden Befehlen, auf die Demonstranten zu schießen. Inzwischen hatte der 1. SED-Kreissekretär kapituliert. Er forderte die Männer auf, das Feuer einzustellen und alle Gefangenen freizulassen. Überall in der DDR sähe es ähnlich aus, die Regierung sei am Ende, und nicht einmal die sowjetischen Freunde würden helfen. Es gebe keine Gefangenen im Gebäude, entgegneten die MfS-Mitarbeiter. Schließlich konnte der SED-Funktionär erwirken, dass sich eine Delegation der Demonstranten im Haus davon überzeugen durfte. Tatsächlich waren keine Gefangenen im Gebäude. Weil aber weiter Schüsse fielen, stürmte die Menge das Gebäude schließlich, während sich die Delegation noch darin befand. MfS-Mitarbeiter wurden verprügelt, Akten flogen auf die Straße. Am Ende war die gesamte Kreisdienststelle zerstört.

Währenddessen hatte sich tatsächlich ein Stadtkomitee gebildet. Das zwanzigköpfige Gremium sollte die bisherige politische Führung ersetzen und die Geschäfte der Stadt bis zur Durchführung freier Wahlen leiten. Das Stadtkomitee leitete auch die Bürgerwehr an. Sie bestand aus an weißen Armbinden erkennbaren Freiwilligen, die die Aufgaben der Polizei übernehmen und Plünderungen und sinnlose Zerstörungen verhindern sollten. Für kurze Zeit war Görlitz eine freie Stadt.

Um 15:00 Uhr verhängte die sowjetische Stadtkommandantur den Ausnahmezustand. Eine weitere Kundgebung auf dem Obermarkt fand trotz des Verbots noch statt. Um 16:00 Uhr rückten jedoch die ersten KVP-Einheiten in die Stadt ein und beendeten die Besetzung des Rathauses. Gegen 18:00 Uhr rückten sowjetische Kampfverbände in die Stadt ein. Nach 20:00 Uhr waren sämtliche Gebäude von Aufständischen geräumt und alle Ansammlungen auseinander getrieben. In der Stadt dominierte das Militär, der Aufstand in Görlitz war beendet.

Wie die Staatsmacht nach den Ereignissen gegen die Teilnehmer des Aufstandes vorging, zeigt beispielhaft das Verfahren gegen einen Elektroschweißer des LOWA. Er hatte sich an der Demonstration auf dem Leninplatz beteiligt und ein paar Worte zu den Demonstranten gesprochen. Andere Beteiligte, die in das Gebäude des MfS eindrangen, wurden zu noch höheren Haftstrafen verurteilt.

Chef der Garnison Dresden Nr. 1 der Stadt Dresden  Dresden den 17.06.1953  1. Ab 15 Uhr dem 17. Juni 1953 wird für die Stadt und den Kreis Niesky der  Ausnahmezustand verhängt bis weitere Befehle folgen.  2. Kategorisch wird verboten: a) Demonstrationen b) Meetings c) Versammlungen d) Zusammenkünfte und jegliche Ansammlungen von Bürgern. Theater, Kinos und Lokale müssen um 21 Uhr geschlossen sein.  3. Die Bürger haben das Recht, sich auf dem Territorium der Stadt und des Kreises Niesky nur ab 5 Uhr bis 11 Uhr aufzuhalten. Nach dieser Zeit ist jeglicher Verkehr untersagt. Personen, die diesem Befehl zuwiderhandeln, werden streng nach den Gesetzen des Ausnahmezustandes bestraft.  Chef der Garnison der Stadt Dresden Generalmajor Schmyrnow  Militärkommandant der Stadt Dresden Bogdanow

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Bürgerkriegsähnliche Zustände in Niesky

In der nördlich von Görlitz gelegenen Kreisstadt Niesky entwickelte sich eine geradezu bürgerkriegsähnliche Situation. In der Kleinstadt mit etwa 9.000 Einwohnerinnen und Einwohnern existierten zwei Betriebe (LOWA und Stahlbau), die die bedeutendsten Arbeitgeber in der Region mit insgesamt 4.000 Arbeitsplätzen darstellten. Schon am Morgen traten einzelne Belegschaften in beiden Betrieben sowie auf Baustellen in den Ausstand. Gegen Mittag, die Situation hatte sich nicht wesentlich verändert, berichtete im Werk LOWA ein Mann, der gerade aus Leipzig gekommen war, über die Vorgänge in Berlin, Leipzig und Görlitz und forderte freie Wahlen. Dafür erhielt er später vier Jahre Zuchthaus. Die Arbeiter zogen nach seiner Rede geschlossen aus dem Werk und marschierten zum Stahlbau, um die dortigen Kollegen für eine Demonstration ins Stadtzentrum zu gewinnen.

Zunächst begab sich daraufhin eine vierköpfige Delegation zum Ratsvorsitzenden und überbrachte die Forderungen. Zeitgleich begann sich auf der Straße die Situation zuzuspitzen. Polizisten wurden mit Steinen beworfen, die örtliche SED-Kreisleitung gestürmt und verwüstet, die meisten Funktionäre tauchten ab. Andere, die versuchten, sich zu wehren, bekamen es mit Arbeiterfäusten zu tun. Höhepunkt der Ereignisse war jedoch der Sturm auf die MfS-Kreisdienststelle.

Menschenansammlung vor der Dienststelle der Staatssicherheit in Niesky.
Ein verwüstetes Büro in der Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Niesky. Ein Fenster im oberen rechten Teil des Bildes ist weit offen, auf den zwei Schreibtischen und auf dem Boden liegen einige Gegenstände und Papier.

Nach 15:00 Uhr versammelten sich immer mehr Menschen vor dem verhassten Gebäude der Staatssicherheit. Bald waren hier über 1.200 Menschen versammelt, darunter viele Frauen und Kinder. Die zehn MfS-Mitarbeiter im Haus waren völlig unvorbereitet. Sie mussten, so lautete der Befehl, das Gebäude unter allen Umständen verteidigen, durften aber nicht schießen. Sie verbarrikadierten sich in den oberen Stockwerken. Es herrschte ein großes Durcheinander. Später erzählte beinahe jeder MfS-Mitarbeiter eine andere Version der Vorgänge. Sie waren sich nicht einmal einig, ob ihr Chef befohlen hatte, jeden zu erschießen, der ins Haus gelangt, oder ob er sagte, geschossen werde nur auf seinen ausdrücklichen Befehl hin.

Wie in Görlitz erhielt ein Bürger Zugang zum Haus, um sich davon zu überzeugen, dass es keine Gefangenen gebe. Die anderen Demonstranten glaubten seiner Aussage nicht und begannen, das Haus zu erstürmen. Einige Demonstranten legten im Keller Feuer. Die MfS-Mitarbeiter bekamen Angst und forderten Polizeiunterstützung an. Ein Kommando mit etwa 20 Polizisten, ausgerüstet mit Karabinern, bahnte sich einen Weg durch die Menge. Als sie Warnschüsse abgaben, bemerkte die Menge jedoch, dass die Gewehre mit Platzpatronen geladen waren. Die Aufständischen entwaffneten die Polizisten, verjagten und verfolgten sie bis zum Volkspolizeikreisamt. Die Aufständischen zerschlugen die erbeuteten Waffen.

Das MfS im Hundekäfig

Die Flucht der Polizisten ermutigte die Demonstranten, ihren Sturm auf die MfS-Kreisdienststelle fortzusetzen. Nach weiteren zwei Stunden war der letzte Widerstand gebrochen. Das MfS-Gebäude befand sich in der Hand freier Bürger Nieskys. Sie nahmen den Dienststellenleiter und drei weitere MfS-Mitarbeiter gefangen und sperrten sie in einen Hundezwinger. Dort "sollten sie ein rotes Fahnentuch auffressen". Um den Hohn perfekt zu machen, setzten sie ihnen Futternäpfe mit Hundefutter vor.

Etwa um 20:00 Uhr räumten herbeigerufene KVP-Einheiten das MfS-Gebäude. Gegen 22:00 Uhr herrschte wieder Ruhe in der Kleinstadt. Sowjetische Truppen hatten in Niesky nicht wesentlich eingegriffen. Angeblich standen keine Dolmetscher zur Verfügung, die eine entsprechende Anforderung hätten übermitteln können. Wie in Görlitz hatte sich auch im Landkreis Niesky der Aufstand auf viele kleine Städte und Gemeinden ausgebreitet. Hier wie in einigen Betrieben blieb es noch einige Tage unruhig. Als die sowjetischen Stadtkommandanten mit Erschießungen drohten, gaben auch die letzten Arbeiter ihre Streiks auf. Erst am 19. Juni war der äußere Anschein von Ruhe wiederhergestellt, auch wenn es unter der Oberfläche weiter brodelte.

Stürmung der Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Niesky am 17. Juni 1953. Auf dem Schwarz-Weiß-Bild sieht man eine Gruppe von Menschen, die sich vor einem umzäunten Haus versammelt hat. Im Vordergrund stehen junge Männer, die ihren Blick auf das Gebäude richten. Neben ihnen liegt ein kleiner Haufen Holzscheite. Einer der Männer wirft einen Stein.

Die Vorkommnisse dienten der politischen Führung dazu, für eine harte Bestrafung der Angeklagten zu plädieren. Die hohen Haftstrafen für die Beteiligten wurden trotz zahlreicher Proteste nicht revidiert. Der Prozess fand vom 13. Juli bis 18. Juli 1953 am Bezirksgericht Dresden statt. Gegen 16 Angeklagte wurde einmal lebenslänglich und insgesamt 71 Jahre Zuchthaus verhängt. Die meisten Verurteilten verbüßten mehr als zwei Drittel der Strafe.

Der selbstständige Fotograf Lothar Markwirth wurde von den Staatsorganen zum Haupträdelsführer bei den Ereignissen in der Dienststelle des MfS in Niesky gemacht. Im August 1956 wurde seine lebenslange Haftstrafe in 15 Jahre Zuchthaus umgewandelt. Am 14. August 1964 wurde er als letzter der Verurteilten des 17. Juni 1953 in Niesky entlassen.

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Literatur

Publikation

17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR

Ursachen-Abläufe-Folgen

Im Buch wird anschaulich auf der Grundlage umfangreicher Quellenüberlieferungen die gesamte Breite des Volksaufstandes vom 17. Juni geschildert. In Fallstudien rekonstruiert der Autor die Geschehnisse in sämtlichen Regionen der DDR.

  • Roth, Heidi: Der 17. Juni 1953 in Sachsen, Köln/Weimar/Wien 1999
  1. Cottbus
  2. Erfurt