Zwischen dem 17. und 21. Juni 1953 kam es in über 150 brandenburgischen Städten und Gemeinden zu Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen. Brandenburg war flächendeckend vom Volksaufstand erfasst. Im Bezirk Potsdam fanden Demonstrationen und Aufstände vor allem in den größeren Orten mit Industrieansiedlungen statt. 

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Demosntrationszug an einem Bahnhof

In den Akten der Staatssicherheit sind für die Kreise des Bezirks die sogenannten Sofortmeldungen für den Zeitraum vom 17. bis zum 19. Juni 1953 überliefert. Verfasst von Volkspolizei und Stasi sollten sie eigentlich den SED-Oberen dabei helfen, einen schnellen Überblick über die Lage zu erhalten und geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten. Stattdessen belegen sie, wie überrascht die Führung von den Ereignissen war. So zeigte sich die SED bis zum Nachmittag nahezu handlungsunfähig. Auf die massenhaften Proteste in ihrem Bezirk fanden die Funktionäre keine passende Antwort.

Zu einem der bekanntesten Ereignisse des Volksaufstandes im Bezirk wurde der Marsch von über 10.000 Arbeitern aus Hennigsdorf, Hohenschöpping / Velten, Oranienburg und anderen Orten am nördlichen Rand Berlins durch die Westsektoren der Stadt ins Zentrum von Ost-Berlin. Bereits am 16. Juni hatten Belegschaftsversammlungen in den großen Hennigsdorfer Betrieben, dem Stahl- und Walzwerk "Wilhelm Florin", im Lokomotivbau-Elektronische Werke "Hans Beimler" sowie auf den Baustellen der Reichsbahn-Bau-Union stattgefunden. Die Arbeiter erhoben soziale und politische Forderungen. Am nächsten Tag dominierten dann die Forderungen nach freien und geheimen Wahlen sowie dem Rücktritt der SED-Regierung.

Der Marsch aus Hennigsdorf

Bereits in der Nacht zum 17. Juni kam es zu weiteren Arbeitsniederlegungen. Zu Beginn der Morgenschicht standen schließlich alle Räder still. Die SED-Funktionäre, von denen die Belegschaften Rechenschaft verlangten, reagierten mit den üblichen Propagandareden und fachten so den Zorn der Kollegen noch weiter an. Die Arbeiter öffneten die Werktore gewaltsam und strömten nach draußen, um zu demonstrieren. Unter den Demonstranten befanden sich etliche hundert Stahlwerker in ihren klappernden Holzpantinen, die sie sonst vor dem flüssigen Stahl schützten. Obwohl diese Schuhe für einen Marsch denkbar ungeeignet waren, machten sich die Arbeiter auf den 27 Kilometer langen Weg nach Ost-Berlin.

RIAS-Reportage über die Stahlwerker aus Hennigsdorf

Dieser Weg führte, von Heiligensee bis zur Chausseestraße in Berlin-Mitte, quer durch den französischen Sektor West-Berlins. An den Sektorengrenzen vertrieben die Arbeiter die Grenzpolizisten und rissen die Absperrungen ein. Die West-Berliner Polizei ließ die Menge nach anfänglichem Zögern passieren und schirmte selbst den Verkehr ab. In militärähnlicher Marschformation bewegten sich die Arbeiter singend durch die Straßen. Es stellte für sie keinen Widerspruch dar, die "Internationale" ebenso zu singen wie die dritte Strophe des "Deutschlandliedes". Die Bevölkerung des Westsektors reichte den Demonstranten Kaffee, Kuchen, Schokolade und Zigaretten. Einige Wirtshäuser am Weg sollen sogar Freibier ausgeschenkt haben.

Gegen 14.00 Uhr erreichte der Zug die Innenstadt Ost-Berlins und bewegte sich weiter über die Friedrichstraße bis zum Potsdamer Platz. Sämtliche Propagandaplakate und Bilder von SED-Funktionären wurden zerstört. Am damaligen Walter-Ulbricht-Stadion (heute das Areal am U-Bahnhof Schwarzkopffstraße) ließen die Demonstrierenden besonders ihre Wut aus. Unter dem Jubel der Massen wurden die riesigen Namenslettern des verhassten SED-Generalsekretärs abgeknickt und heruntergeworfen. Am Potsdamer Platz endete der Marsch jedoch jäh. Dort standen die Demonstranten vor Soldaten und Panzern der russischen Armee, die den Platz gewaltsam räumten und über ihre Köpfe hinweg schossen.

Die Hennigsdorfer zogen sich deshalb schnell in das sichere West-Berlin zurück. Der Rückweg nach Hennigsdorf gestaltete sich einfacher, denn Sonderbusse der West-Berliner Verkehrsbetriebe brachten viele Demonstranten zurück. In Hennigsdorf war alles von Militär und Polizei abgesperrt. Die Arbeiter mussten in Einzelreihen an den Kontrollposten vorbeigehen und wurden gefilzt. Dabei wurden viele der Geschenke konfisziert, die die Arbeiter in West-Berlin erhalten hatten. Doch trotz der hohen Militärpräsenz streikten sie teilweise bis zum 20. Juni weiter. Manche Arbeiter kehrten aus Angst vor Verhaftungen erst am 18. oder 19. Juni nach Hennigsdorf zurück. Die Sofortmeldungen von MfS und Volkspolizei dokumentieren die Ereignisse im Kreis Oranienburg/Henningsdorf.

Prügelei mit der Volkspolizei im Kreis Nauen

Ausgangspunkt für den Volksaufstand im Kreis Nauen waren der Streik der Arbeiter des Bahnbaubetriebes sowie der Streik der Belegschaft des Gummiwerkes VEB Kautas in Brieselang. Es kam außerdem zu Streiks in Nauen und Falkensee. In Friesack besetzten Aufständische das Rathaus und prügelten sich mit der Volkspolizei. Erst ein herbeigerufenes Kommando der kasernierten Volkspolizei (KVP) und sowjetische Soldaten konnten das Rathaus wieder räumen. Als die Truppen wieder abgezogen waren, formierte sich in den Abendstunden ein weiterer Demonstrationszug. Trotz des bereits angeordneten Ausnahmezustandes forderten sie die Freilassung der am Nachmittag verhafteten Arbeiter. Die Streiks im Kreis Nauen zogen sich mindestens bis zum 19. Juni hin. Die Meldungen der VP und des MfS beschreiben die Ereignisse.

Streiks und Demonstrationen im Kreis Zossen

Streikende Bauarbeiter der Bau-Union Potsdam / Betriebsteil Ludwigsfelde lösten um 7:30 Uhr die Streikbewegung im Kreis Zossen aus. Ihrem Streik schlossen sich gegen 9:00 Uhr die Elektrofahrer des großen Industriewerkes Ludwigsfelde an. Um 11:00 Uhr beschloss die gesamte Belegschaft des Industriewerkes, in den Streik zu treten. Eine Streikleitung aus insgesamt 27 Personen wurde gebildet. Sie erhielt den Auftrag, mit der Werkleitung über die Forderungen der Belegschaft zu verhandeln. Da diese Verhandlungen nicht erfolgreich verliefen, beschlossenen die Streikenden, ihre Demonstration aus dem Werk auf die Straße zu verlegen. Gegen 15:00 Uhr setzt sich ein etwa 3.000 Mann starker Demonstrationszug in Bewegung. Um 21:30 Uhr versuchten Teile der Demonstranten und Traktoristen der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) Ludwigsfelde, das Industriewerk zu besetzen. VP und sowjetische Armee verhinderten die Aktion gewaltsam. Angehörige der KVP und sowjetische Soldaten besetzten daraufhin das Industriewerk. Um 22:00 Uhr erfolgte die Festnahme der Streikleitung. Am 18. Juni 1953 wollten die Arbeiter des Werkes mit einer Demonstration in Ludwigsfelde die Freilassung ihrer verhafteten Kollegen erreichen. Diese Demonstration wurde gegen 10:00 Uhr gewaltsam aufgelöst.

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Funktionäre in Königs Wusterhausen halten Arbeiter auf

Die Streiks in Wildau im Kreis Königs Wusterhausen gehörten zu den größten im Bezirk Potsdam. Die Arbeiter des Schwermaschinenbaubetriebes "Heinrich Rau" in Wildau hatten, auf Initiative von Beschäftigten der Bau-Union im Werk, in den frühen Morgenstunden die Arbeit niedergelegt und eine Versammlung einberufen. Gemeinsam wollten die Arbeiter nach Berlin marschieren und sich mit der Protestbewegung dort solidarisieren. Gewerkschaftsvertretern gelang es jedoch auf der Versammlung, den Zug nach Berlin zu verhindern. Es kam jedoch auf den Straßen Wildaus, in umliegenden Gemeinden wie Niederlehme und Königs Wusterhausen, aber auch in weiter entfernt liegenden Gemeinden wie Bestensee und Oderin, zu Demonstrationen und Kundgebungen.

Protestmarsch von Niemegk nach Belzig

In Niemegk im südwestlichen Brandenburg legten schon in den frühen Morgenstunden Gleisbauarbeiter der Deutschen Reichsbahn die Arbeit nieder. Auch in der VEB Ziegelei traten die Arbeiter in den Streik. Am Vormittag bildete sich ein Demonstrationszug, dem sich Arbeiter weiterer Baustellen und Betriebe anschlossen. Nach 10:00 Uhr hatte sich auf dem Marktplatz des kleinen Ortes mit nicht einmal 3.000 Einwohnern eine Menge von 1.000 Menschen versammelt. Hier trat ein Gleisbauarbeiter auf und hielt eine Rede. Der 26-Jährige war durch seine zuverlässige und vertrauensvolle Art bei den Kollegen der Reichsbahn Bau-Union in Niemegk sehr beliebt. Deshalb hatten sie ihn auch zum Mitglied des Streikkomitees gewählt.

Das Komitee stellte mithilfe der Belegschaften der Bau-Union, der Ziegelei und der MTS Niemegk einen Katalog mit politischen Forderungen zusammen. Eine Abordnung des Streikkomitees sollte die Forderungen dann dem Rat des Kreises Belzig überbringen. Die Forderungen der Arbeiter beinhalten unter anderem die Haftentlassung ihrer wegen politischer Vergehen verurteilten Arbeitskollegen der Bau-Union und der eingesperrten Bauern. Außerdem forderten sie die Herabsetzung der Normen, die Abschaffung des Spitzelsystems, freie Wahlen und Abzug aller Besatzungstruppen in ganz Deutschland. Der Glesibauarbeiter blieb zunächst bei den wartenden Demonstranten in Niemegk. Doch bald wurden immer mehr Stimmen laut, die die Demonstration direkt in Belzig fortsetzen wollten. Von der Stasi beschlagnahmte Fotos des Tischlermeisters Paul Jäger aus Niemegk dokumentieren die Ereignisse.

Viele Teilnehmer der Versammlung marschierten daraufhin zu Fuß in die acht Kilometer entfernte Kreisstadt. Der Gleisbauarbeiter organisierte außerdem einen Sonderzug aus offenen Güterwaggons und einem geschlossenen Waggon für die Schüler zweier Schulklassen. In Belzig formierte er den Demonstrationszug. In Höhe der Wiesenburger Brücke wollten russische Soldaten auf einem Mannschaftswagen den Demonstrationszug mit Warnschüssen aufhalten. Er verhandelte mit dem russischen Kommandeur und die Demonstranten durften schließlich weiterziehen. Während des Zuges versuchte er, Ausschreitungen gegen SED-Funktionäre zu verhindern. Das gelang nicht immer. Die Demonstranten trieben den Kreisstaatsanwalt vor sich her, der für seine besonders drastischen Urteilsforderungen bekannt war. Bauern verprügelten den Kreisvorsitzenden der VdgB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe).

Vor dem Rat des Kreises Belzig vereinigt sich der Demonstrationszug aus Niemegk mit den demonstrierenden Bauern aus der Umgebung und Teilen der Belziger Bevölkerung. Der Gleisbauarbeiter erläuterte den Demonstranten, auf einer Mauer stehend, noch einmal die 19 Punkte umfassenden Forderungen. Danach begab er sich mit einer Verhandlungsdelegation in das Gebäude des Rates. Inzwischen waren jedoch weitere sowjetischer Mannschaftswagen in Belzig angekommen. Zwei sowjetische Offiziere vertrieben die Delegation aus dem Rat des Kreises. Wieder vor der Tür gab er resignierend bekannt: "Die Russen haben uns raus geschmissen." Schließlich wurden die Demonstranten von den Offizieren unmissverständlich aufgefordert, den Platz vor dem Rat des Kreises zu räumen. Damit waren die Unruhen praktisch beendet. Die Streiks im Bezirk zogen sich jedoch noch bis zum Mittag des 18. Juni hin. Ein Schwerpunkt war hier abermals Niemegk.

Das Schicksal eines Streikführers

Als die Ordnung wieder hergestellt war, machte sich die Staatsmacht an die Verfolgung vermeintlicher Hintermänner. Als einziger des vierköpfigen Streikkomitees wurde ein Streikführer am 19. August 1953 vom I. Strafsenat des Bezirksgerichts Potsdam wegen Verbrechens nach Artikel 6 der Verfassung der DDR zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit erhielt er die höchste Freiheitsstrafe die im Bezirk Potsdam im Zusammenhang mit den Ereignissen des 17. Juni 1953 ausgesprochen wurde. Trotz mehrerer Gnadengesuche konnte Verurteilte erst am 19. November 1960 das Zuchthaus Brandenburg verlassen. Sein Schicksal ist in den Unterlagen der Stasi gut dokumentiert.

„Warum haben Sie sich in die Streikleitung wählen lassen?“

Vernehmer im Verhör

„Ich fühlte mich durch den Vorschlag geehrt!“

Streikführer im Verhör

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Kreis und Stadt Brandenburg als Zentrum des Aufstands

Die Stadt Brandenburg war der größte Industriestandort im Bezirk Potsdam. Hier lebten 1953 etwa 90.000 Menschen. In Brandenburg begannen die Demonstrationen mit den Arbeitsniederlegungen der Bauarbeiter. Ausgehend von der Baustelle des Stahl- und Walzwerkes, das nach Demontagen der sowjetischen Militäradministration wieder aufgebaut werden musste, breitete sich der Streik zunächst auf alle anderen Baustellen der Stadt aus. Bereits kurz nach 7:00 Uhr formierte sich ein erster Demonstrationszug mit etwa 3.000 Teilnehmern, der zunächst zu Baustellen und Betrieben zog und die dortigen Belegschaften zum Streik aufforderte. Dem Zug schlossen sich unter anderem die Beschäftigten der Thälmann-Werft und des Schlepperwerkes an.

Um 8:00 Uhr bildete sich im Brandenburger Volkspolizeikreisamt ein Krisenstab. Ihm gehörten der Oberbürgermeister, der Polizeichef, der Leiter der MfS-Kreisdienststelle, der Chef der örtlichen KVP und die wichigsten SED-Funktionäre aus Stadt und Kreis an. Dem Stab gelang es jedoch nicht, der Lage Herr zu werden. Schon kurz nach 9:00 Uhr standen tausende Menschen vor dem Kreisgericht, in dem sich auch eine Untersuchungshaftanstalt befand. Sie erwirkten die Freilassung von insgesamt 42 Häftlingen. Gegen 10:00 Uhr stürmten mehr als 1.000 Demonstranten die SED-Kreisleitung. Die Inneneinrichtung wurde demoliert, Dokumente und SED-Unterlagen flogen zum Fenster hinaus. Auch die Gebäude des FDGB, der FDJ, der KVP-Kreisregistrierabteilung und des Rates des Kreises wurden gestürmt. Immer wieder kam es zu tätlichen Übergriffen auf Funktionäre. Die Polizei zeigte sich total überfordert und zog sich ins Volkspolizeikreisamt zurück.

Schilderungen der Geschehnisse in Brandenburg

Gegen 12.00 Uhr lösten sowjetische Kampfverbände die Demonstration vor dem Gerichtsgebäude auf. Die Lage in der Stadt war damit jedoch längst nicht unter Kontrolle. Nach 12.00 Uhr sammelten sich immer mehr Menschen vor dem Volkspolizeikreisamt, in dem sich Krisenstab und Polizei verschanzt hatten. Kurz vor 13.00 Uhr standen vor dem Gebäude zwischen 6.000 und 10.000 Menschen. Die Feuerwehr versuchte, die Massen mit Wasser zurückzudrängen. Aus dem Gebäude heraus schossen Polizisten und verletzten zwei Demonstranten. Die Aufständischen ließen daraufhin ein regelrechtes Steinbombardement auf das Gebäude niedergehen. Die Polizei versteckte sich vor dem Zorn der Menschen im Keller.

Erneut mussten sowjetische Einheiten eingreifen und die Menge auflösen. Über 50 Demonstranten wurden festgenommen, kamen jedoch nach Aufnahme der Personalien wieder auf freien Fuß. Erst gegen 19.00 Uhr kehrte in Brandenburg allmählich Ruhe ein. Inzwischen war der Ausnahmezustand verhängt worden. In den folgenden Tagen streikten immer noch einige tausend Arbeiter in der Stadt und der Umgebung. Nachdem sich die Lage einigermaßen normalisiert hatte, brachen am 20. Juni erneut Streiks aus. Vereinzelt versuchten Belegschaften, wiederum Streikleitungen zu wählen. Das unterbanden die Ordnungskräfte jedoch sofort, das MfS verhaftete die Rädelsführer.

Lynchjustiz in Rathenow

In der Kreisstadt Rathenow nördlich von Brandenburg kam es zu einer extremen Form des Wutausbruchs unter der Bevölkerung. In ihrem Zorn malträtierten die Bürger hier einen besonders verhassten ehemaligen MfS-Mitarbeiter so schwer, dass er später seinen Verletzungen erlag. Der Aufstand in Rathenow begann zunächst wie in den meisten anderen Städten mit Streiks der örtlichen Industriebetriebe. In den Morgenstunden hatte sich ein aus etwa 8.000 Personen bestehender Demonstrationszug von Mitarbeitern der Optischen Werke und der Bevölkerung gebildet. Die Demonstranten gingen zu einer Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz. Die Belegschaft des Kunstseidenwerkes Premnitz hatte bereits um 7:30 Uhr desselben Tages geschlossen die Arbeit niedergelegt. Ihren Forderungen schlossen sich auch die Arbeiter des Kraftwerkes Premnitz an. Meldungen des operativen Stabes des VPKA Rathenow und der Kreisdienststelle Rathenow des MfS zeigen den Verlauf der Ereignisse in Rathenow.

Während der Demonstration, die sowjetische Truppen zunächst vergeblich einzudämmen versuchten, kam es immer wieder zu Angriffen auf die Polizei. Rathenower Demonstranten hatten Polizisten entwaffnet, ihnen Fahrzeuge und Motorräder weggenommen und eine Einheit regelrecht aufgerieben. Während auf dem Marktplatz eine zentrale Kundgebung stattfand, holte gerade Wilhelm Hagedorn, der Leiter des HO-Betriebsschutzes, seine Frau im HO-Kaufhaus ab. Hagedorn war bereits kurz nach Kriegsende Mitarbeiter der politischen Polizei geworden und hatte von 1949 bis 1951 als Kommissar für das MfS gearbeitet. In Rathenow war er verhasst, ihm wurde nachgesagt, die Bevölkerung auszuspionieren.

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Als das Ehepaar die HO verließ, geriet es schnell in die Fänge der Aufständischen. Wilhelm Hagedorn wurde verprügelt, genau wie seine Frau. Während die Angreifer die Frau schließlich sich selbst überließen, wurde Hagedorn durch die Stadt getrieben. Schläge prasselten auf ihn nieder, eine Frau schrie, Hagedorn habe ihren Mann ins Zuchthaus gebracht. Mindestens zwei Mal versuchte Hagedorn, zu entkommen – beide Male vergeblich. Zunächst wollte die aufgepeitschte Menge ihn hängen sehen. Als sich das jedoch als zu kompliziert erwies, sollte Hagedorn im Kanal ertränkt werden. Im Wasser versuchte er noch einmal, davonzukommen und sich ans andere Ufer zu retten. Dort fingen ihn jedoch mehrere junge Männer ab. Erst bei ihrem zweiten Versuch, den verhassten Spitzel zu ertränken, kam die Polizei dazu, rettete Hagedorn und brachte ihn ins Krankenhaus. Dort starb er nur wenig später. Die Stasi hat den Fall später untersucht. Ihr zusammenfassender Bericht ist überliefert.

Gestoppte Züge im Kreis Kyritz / Wusterhausen

In Wusterhausen und Bantikow im Kreis Kyritz gingen Demonstrationen vor allem von Bauern aus. In Bantikow versuchten die Einwohner sich gegen die drohende Niederschlagung ihrer Erhebung zu wehren und kappten alle Telefonleitungen des Dorfes. In Wusterhausen demonstrierten Arbeiter und große Teile der übrigen Bevölkerung vor dem Rathaus. Sie forderten unter anderem freie und geheime Wahlen. Einige Demonstranten hielten die Interzonenzüge an, um mit den Fahrgästen über ihre Forderungen zu diskutieren und sie aufzufordern, sich den Demonstrationen anzuschließen. Damit erreichten die Streikenden eine große Öffentlichkeitswirksamkeit für ihre Forderungen. Wusterhausen wurde durch die Operativstäbe von Polizei und MfS zum "Krisen-Schwerpunkt" erklärt.

Begrenzte Streiks im Kreis Potsdam

Am 17. Juni 1953 traten um 07:50 Uhr die Arbeiter der Reglerabteilung des Askania-Werkes Teltow in den Streik. Zwei Beschäftigte des VEB Harzzerkleinerung Teltow waren ins Askania-Werk gekommen und hatten die Arbeiter zum Streik aufgerufen. Die betriebsfremden "Aufrührer" wurden sofort im Werk von der VP verhaftet. Die Belegschaft des Karl-Marx-Werkes "Lokomotivbau Babelsberg" hatte erst gegen 15:00 Uhr die Arbeit niedergelegt. Am 18. Juni wiederholte sich die Arbeitsniederlegung im Karl-Marx-Werk. Etwa 1.500 Arbeiter sammelten sich zu einer Demonstration im Werk und forderten freie und geheime Wahlen sowie eine sofortige Senkung der Normen und der HO-Preise. Die Omnibusfahrer der Verkehrsbetriebe Potsdam erklärten sich mit den Streikenden des Karl-Marx-Werkes solidarisch und legten gegen 13:00 Uhr ihre Fahrzeuge still. Sie versuchten auch, die Straßenbahnfahrer zum Streik zu bewegen. Die Belegschaft des Dralowid-Werkes Teltow beteiligte sich geschlossen am Streik.

Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt zwei sowjetische Soldaten, erhöht auf einem Eisenbahnwaggon stehend. Sie tragen Maschinengewehre bei sich. Rings um Sie herum stehen Zivilisten und blicken auf die Soldaten.

Verhaftungswelle im Bezirk Potsdam nach dem Aufstand

Während der ersten Verhaftungswelle bis zum 21. Juni 1953 wurden im Bezirk Potsdam 136 Personen vom MfS festgenommen. Davon wurden 15 Personen sowjetischen Kommandanturen übergeben. Die Volkspolizei verhaftete im gleichen Zeitraum 439 Personen. Davon wurden 145 Personen an das MfS und 17 Personen an die sowjetischen Kommandanturen übergeben. Der 6. Strafsenat des Bezirksgerichts Potsdam fällte bereits am 22. Juni die ersten Todesurteile. Diese Todesurteile wurden später vom Obersten Gericht der DDR in jeweils 15-jährige Zuchthausstrafen umgewandelt. Am 20. Juni wies die Bezirksleitung der SED Berlin die einzelnen SED-Kreisleitungen an, eine aus neun Punkten bestehende Gesamtanalyse der Ereignisse um den 17. Juni 1953 anzufertigen.

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Literatur

Publikation

Die DDR im Blick der Stasi 1953

Die geheimen Berichte an die SED-Führung

1953: Im Juni löste der Volksaufstand in der Stasi eine intensive Stimmungs- und Lageberichterstattung aus, die innerhalb von wenigen Wochen in ein geregeltes Informationswesen mit festen Strukturen und einem vorgegebenen Berichtskanon mündete.

Publikation

17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR

Ursachen-Abläufe-Folgen

Im Buch wird anschaulich auf der Grundlage umfangreicher Quellenüberlieferungen die gesamte Breite des Volksaufstandes vom 17. Juni geschildert. In Fallstudien rekonstruiert der Autor die Geschehnisse in sämtlichen Regionen der DDR.

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