Der Bezirk gehörte in den Junitagen 1953 zu den wenigen Territorien der DDR, in denen nicht der Ausnahmezustand verhängt wurde. Neben den typischen sozialen und politischen Forderungen des 17. Juni spielten in den Diskussionen der Bevölkerung vor allem Zwangsumsiedlungen im Bezirk eine große Rolle. Dass der Konflikt rund um den 17. Juni nur begrenzt in Form von offenem Protest wieder aufflammte, lag auch daran, dass im Zuge der Umsiedlung die meisten der tatsächlichen oder potentiellen Regimegegner vertrieben worden waren.

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Das Bild zeigt die Bezirksverwaltung Suhl der Staatssicherheit. Es handelt sich um einen alleinstehenden Altbau mit drei Vollgeschossen. Das Dach ist mit mehreren Mansardenfenstern ausgebaut. An der Hausfront sind zwei Spruchbänder angebracht. Die Schrift lässt sich nicht entziffern. Vor dem Haus laufen einige Menschen.

Streiks, politische Forderungen und Todesopfer

[handschriftlich mit Bleistift und roten Unterstreichungen auf Pappe:  Freunde und Kameraden!  Ich rufe Euch alle auf zum großen [unterstrichen: Massenstreik]. Unsere Losung ist: 'Heruntersetzung der [unterstrichen: Preise] und besser Verteilung der Waren.'  Fort mit der [unterstrichen: H-O]! Diese Waren können der Bevölkerung für [unterstrichen: normale Preise] zugute kommen.  [doppelt unterstrichen: Gebt uns Kartoffeln!]  10 Jahre nach Kriegsende muß es uns wieder [unterstrichen: besser] gehen, und sollte es nicht gehen, dann werden wir zu anderen Mitteln greifen müssen.  Hochachtungsvoll!!!  ?]

Im VEB Werkzeugunion Steinbach-Hallenberg hatten bereits am 16. Juni sieben Arbeiter und Angestellte eine Resolution verfasst, die sie am 17. Juni anonym der Gewerkschaftsleitung übersandten. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ermittelte jedoch die Verfasser, der Betrieb entließ sie fristlos. Unbekannte setzten daraufhin am 20. Juni die DDR-Fahne im Werk auf Halbmast. In Schmalkalden streikten Teile der Belegschaft im VEB Universalwerk. Im VEB Ankerwerk versammelten sich etwa 500 Arbeiter und Angestellte zu einer Belegschaftsversammlung und verabschiedeten ebenfalls eine Resolution. Darin forderten sie unter anderem freie Wahlen und die Wiederherstellung der deutschen Einheit.

Resolutionen mit sozialen und politischen Forderungen wurden aus vielen weiteren Betrieben übermittelt, so etwa aus Sonneberg, Meiningen, Ilmenau, Neuhaus-Schierschnitz, Schmiedefeld und Hildburghausen. In Sonneberg versuchten aufgebrachte Bürger außerdem, politische Häftlinge zu befreien und zerstörten einige Fensterscheiben von HO-Geschäften. Die Befreiung der Gefangenen scheiterte jedoch, zwei Männer kamen dabei ums Leben. In der Bezirkshauptstadt Suhl kam es zwar zu kleineren Streikversuchen, die größeren Betriebe waren davon jedoch nicht betroffen. Dennoch zeigte sich der Bürgermeister von Suhl überzeugt, dass eine neue Regierung gewählt werden müsse. Dass sowjetische Truppen für ihren Machterhalt nötig seien, hätte die Unfähigkeit der Regierung bewiesen. Die Regierung blieb jedoch weiter im Amt, die sowjetischen Truppen verhinderten auch in Suhl Streiks und Demonstrationen.

LPG-Auflösungen in Südthüringen

In den ländlichen Regionen des Bezirks lösten sich unter dem Eindruck der Ereignisse im Rest des Landes elf Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften auf. Andere blieben zwar bestehen, büßten jedoch nach massenhaften Austritten von Mitgliedern ihre Arbeitsfähigkeit ein. Diese Entwicklung betraf vor allem die Landkreise Hildburghausen, Sonneberg und Meiningen. Auch in Hellingen, einer kleinen Gemeinde im Kreis Hildburghausen, waren am 17. Juni durch den RIAS und den Sender Frankfurt die Ereignisse in Berlin und den anderen Orten der DDR bekannt geworden. Die Einwohnerinnen und Einwohner fragten sich, wie es nun auf dem Lande weitergehen würde. Großes Aufsehen erregte außerdem die Verhaftung von vier Bauern in der Gemeinde.

Das letzte Jahr war für die Landwirte besonders hart gewesen. Die Pflichtablieferung ihrer Produkte zu geringen Preisen unter Androhung von Gefängnisstrafen bei der Nichterfüllung hatte ihnen arg zugesetzt. Etliche Familien waren von der am 6. Juni 1952 durchgeführten Zwangsaussiedlung betroffen. Könnte das nun wieder rückgängig gemacht werden?

Kurzfristig wurde am 17. Juni eine Einwohnerversammlung einberufen, die um 21:15 Uhr begann. Das Einleitungsreferat hielt der Referent aus der Kreisstadt. Er behandelte oberflächlich die "Gründung von Haus- und Hofgemeinschaften". Das wollten die Hellinger an diesem Tag überhaupt nicht hören. Sie erwarteten eine Stellungnahme zu den Ereignissen in Berlin und den anderen Orten.

Bäuerin beim Füttern in einer LPG in Thüringen

Eklat auf der Einwohnerversammlung in Hellingen

Es kam sofort zu Zwischenrufen und Tumulten. "Ich habe schon lange meine Haus- und Hofgemeinschaft gegründet, aber eine andere als Ihr sie wollt!" rief ein Bauer in den Saal. Alle Dämme brachen als der Referent die Diskussion mit den Worten eröffnete: "Ihr seid ja selbst daran Schuld, dass diese Fehler gemacht wurden, da Ihr nie den Mund aufgemacht habt."

Unmut und Proteste wurden laut, sogar der Sturz der Regierung gefordert. Mehrere Redner kritisierten unter großem Beifall die Politik der Regierung. Besonders die verfehlte Wirtschaftspolitik gegenüber den Bauern bei der Eintreibung des Ablieferungssolls wurde angegriffen. Es fielen auch Worte wie "Verbrechen an der Menschheit, die Bauern werden kaputt gemacht" und auch "Die Stricke liegen bereit". Die Teilnehmer verfassten eine zwölf Punkte umfassende Resolution. Sie enthielt unter anderem Forderungen nach freien Wahlen, Senkung der HO-Preise und Rückkehr der Ausgesiedelten.

Zwei Tage später, am 19. Juni, gab es wieder Aufregung in Hellingen. Bewaffnete, darunter auch Sowjetsoldaten, marschierten in den Ort. Mitarbeiter des MfS verhafteten vier Hellinger Einwohner und verhörten sie die ganze Nacht. Bereits am nächsten Tag fand der Prozess vor dem 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Suhl in Meiningen statt. Anklagevertreter war Bezirksstaatsanwalt Engelmann aus Hildburghausen.

„Ich habe schon lange meine Haus- und Hofgemeinschaft gegründet, aber eine andere als Ihr sie wollt!“

Bauer aus Hellingen
auf der Einwohnerversammlung am 17. Juni 1953

Kurzer Prozess für Hellinger Bauern

Am 22. Juni, früh um 5:30 Uhr, verkündete das Gericht im Namen des Volkes die Urteile gegen die vier Personen: zwei Bauern erhielten Gefängnisstrafen wegen Staatsverleumdung bzw. Störung einer Versammlung. Der Landwirt Knopf jedoch wurde zu zweieinhalb und der Landwirt Stärker zu eineinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Boykotthetze" verurteilt. Diese harten Urteile gegen die angesehenen Bauern lösten große Unruhe und Empörung aus, nicht nur in Hellingen. Jeder konnte sich hier vorstellen, was es bedeutet, wenn in der Erntezeit oder in der Zeit der Feldbestellung der Bauer fehlte.

Große Hoffnung kam auf, als ein Interview des DDR-Justizministers, Max Fechner, in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Darin hieß es, dass nur Mörder und Brandstifter verurteilt würden, alle anderen aber freizulassen wären. Ähnlich äußerte sich SED-Chef Walter Ulbricht in der Volkskammer. Die Partei-, Staats- und Justizorgane sahen sich gezwungen, in einer außerordentlichen Einwohnerversammlung, einer sogenannten Justizaussprache, den empörten Hellinger Bürgerinnen und -Bürgern Rede und Antwort zu stehen. Der Bezirksstaatsanwalt versuchte zu beschwichtigen. Er versprach sogar eine Überprüfung der Urteile.

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Bürgerinnen und Bürger lassen sich nicht einschüchtern

Trotz der Anwesenheit hoher Partei- und Staatsfunktionäre gelang es nicht, die Bürgerinnen und Bürger von Hellingen einzuschüchtern. Sie erklärten sich mit den Verurteilten solidarisch und forderten die Aufhebung der Urteile. Diese Blöße wollten sich die verantwortlichen Justizorgane aber nicht geben. Zwar wurden die zu geringeren Gefängnisstrafen Verurteilten Ende September 1953 entlassen. Die beiden zu längeren Haftstrafen Verurteilten blieben dagegen weiterhin in Haft. Da half es auch nicht, dass der Bürgermeister Eingaben an den Generalstaatsanwalt richtete und Vertreter aller Parteien und Organisationen des Ortes an das Oberste Gericht schrieben. Die Angehörigen wandten sich an den Präsidenten Wilhelm Pieck und an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl.

Die Ehefrauen, die immer mehr vor dem körperlichen und seelischen Zusammenbruch standen, schilderten in Gnadengesuchen an den Staatsanwalt ihre verzweifelte persönliche Lage. Doch es half alles nur wenig, 13 Monate musste der Bauer Stärker absitzen, während sich für den Bauern Knopf erst Ende August 1954 die Tore des Zuchthauses Untermaßfeld öffneten. Aus dem Schriftverkehr mit dem Generalstaatsanwalt der DDR geht hervor, dass die Urteile vorher abgesprochen waren und der Staatsanwalt Engelmann sich für eine Milderung der Urteile einsetzte.

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Literatur

Publikation

17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR

Ursachen-Abläufe-Folgen

Im Buch wird anschaulich auf der Grundlage umfangreicher Quellenüberlieferungen die gesamte Breite des Volksaufstandes vom 17. Juni geschildert. In Fallstudien rekonstruiert der Autor die Geschehnisse in sämtlichen Regionen der DDR.

  1. Schwerin
  2. Die Rolle des MfS