Direkt zum Seiteninhalt springen

Forschungsarbeiten der Juristischen Hochschule des MfS zum Thema Grenzsicherung

Die hier erstmals vollständig veröffentlichten Forschungsarbeiten entstanden an der Juristischen Hochschule des MfS und wurden aus über 200 einschlägigen internen Studien zum Themenkreis Grenzsicherung ausgewählt.

Zum Inhalt springen

Einführung

Die überwiegend hochrangigen Leitungskader des MfS erhoben mit ihren Arbeiten den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Diese waren als geheime Verschlusssachen selbst innerhalb des MfS nicht frei zugänglich. Die Autoren belegen darin, dass im Umgang mit Fluchtversuchen, den sogenannten Grenzverletzungen, politische Aspekte stets im Mittelpunkt standen.

Die Arbeiten ermöglichen authentische Einblicke in das "Rechtsverständnis" des MfS (vgl. Ehrhardt u. a.) und in dessen Sicht auf die Ursachen und Motive für Fluchten (vgl. Schabert/Spalteholz). Sie beschreiben auch den maßgeblichen offiziellen und inoffiziellen Einfluss des MfS auf die hauptsächlich für die Grenzsicherung zuständigen "Sicherheitsorgane". Als sogenannte "Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens" arbeiteten diese eng mit dem MfS zusammen.

Das betraf vor allem die DDR-Grenztruppen (vgl. Dietze u. a.) und die Deutsche Volkspolizei (vgl. Speckhardt/Gruska), die bei der präventiven Verhinderung von Fluchten eine wichtige Rolle spielte (vgl. Hummitzsch u. a.). Die Autoren unterstreichen unmissverständlich die klare Ausrichtung aller Handlungen auf die Wahrung der politischen Interessen der SED (vgl. Pyka u. a.). Das gilt besonders hinsichtlich der von den Spezialkommissionen der Linie IX des MfS geführten Untersuchungen politisch brisanter Fluchtversuche mit Verletzten und Toten.

Auf besonders zynische Art und Weise wird dies im eklatant unterschiedlichen Umgang mit den im Dienst getöteten Grenzsoldaten deutlich. Diese wurden überwiegend im Zuge von Fahnenfluchten getötet, im Nachhinein aber in der DDR zu Märtyrern erklärt. Gewaltsame Fahnenfluchten wie die des NVA-Soldaten Werner Weinhold, der im Dezember 1975 bei seiner erfolgreichen Flucht zwei Grenzsoldaten erschoss, wurden als Rechtfertigung der weiten Auslegung der sogenannten Schusswaffengebrauchsbestimmungen ("Schießbefehl") instrumentalisiert.

Die getöteten Grenzsoldaten waren eine vergleichsweise kleine Gruppe von Grenzopfern. Diese wird bis heute aber häufig von den früheren Verantwortlichen herangezogen, um den rechtswidrigen und würdelosen Umgang mit den überwiegend jugendlichen und unbewaffneten Fluchtopfern und deren Angehörigen zu relativieren. Dass auch in der Bundesrepublik mit Waffengewalt erzwungene Fluchten nicht straffrei blieben und beispielsweise Weinhold wegen Totschlags rechtskräftig verurteilt wurde, wird von ihnen oft - wie seinerzeit in den DDR-Medien - verschwiegen.

Verschwiegen wird auch die konspirative Verfolgung von geflüchteten "Verrätern" durch das MfS, seien es Deserteure aus den eigenen Reihen, Spitzensportler wie der Fußballer Lutz Eigendorf oder Fluchthelfer wie Wolfgang Welsch. "Verräter" und vor allem von der DDR als Terroristen betrachtete Feinde der DDR mussten mit Mordanschlägen rechnen.

Zu den sogenannten "terroristischen Gewaltakten" gegen die Grenzsicherung (vgl. Ziegenhorn u. a.) gehörte für das MfS beispielsweise der gefahrvolle Abbau einer der offiziell geleugneten Selbstschussanlagen durch den ehemaligen DDR-Flüchtling Michael Gartenschläger. Er wurde durch eine Einsatzkompanie des MfS bei einem weiteren Versuch, ein solches Gerät abzubauen, erschossen. Erinnert sei auch an die radikalen Proteste des Westberliners Bernd Moldenhauer gegen die Berliner Mauer und seine Ermordung im Jahr 1980 durch einen inoffiziellen Mitarbeiter des MfS.

"Jeder Tote war einer zu viel", sagte der letzte, nach mehreren Instanzen rechtskräftig verurteilte Regierungschef der DDR Egon Krenz, denn "der DDR haben diese Toten geschadet" (In seiner Verteidigung im Prozess gegen die Befehlsgeber des Politbüros der SED und des Nationalen Verteidigungsrats der DDR am 24.7.1997). Diese Worte waren wohl weniger ein Zeichen der Empathie für die Opfer der innerdeutschen Grenze. Sie bezeugen vielmehr das politische Interesse an den hier dokumentierten "wissenschaftlich fundierten" Methoden des Täuschens und Vertuschens der Todesfälle.

Forschungsarbeiten

Datum Titel des Dokuments Autoren Signatur
Februar 1966 Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit  (PDF, 2.59 KB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Karl-Otto Schabert; Walter Spalteholz BStU, MfS, ZAGG 2002, 427 Seiten
Mai 1968 Das politisch-operative Zusammenwirken des Dezernates II der Abteilung Kriminal­polizei der Bezirks­behörde der DVP mit der BV des MfS bei der Untersuchung ungesetz­licher Grenz­übertritte (PDF, 5.05 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Rudolf Stammwitz BStU, MfS, JHS, MF 567, 116 Seiten
Oktober 1968 Die Ausschöpfung der kriminalistischen Möglichkeiten, Mittel und Methoden bei der Aufklärung und Untersuchung von versuchten Grenz­durchbrüchen - dargestellt am Beispiel der Staatsgrenze West des Bezirkes Magdeburg (PDF, 5.84 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Harri Radtke BStU, MfS, JHS, MF 633, 82 Seiten
Oktober 1970 Die Gestaltung effektiver Informationsbeziehungen im Grenzsicherungssystem zwischen der Abteilung VII/Referat GS der BV und den KD der Grenzkreise sowie die sich aus der Federführung der Linie VII ergebenden Erfordernisse (PDF, 3.60 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Hugo Eichler BStU, MfS, JHS, MF, VVS 160-119/70, 63 Seiten
Dezember 1970 Die Aufgaben der Spezialkommission der Abteilung IX der BV Suhl bei der Führung des 1. Angriffes in Fällen von staats­feindlichen Handlungen und anderen Vorkomm­nissen, die die Sicherheit an der Staatsgrenze-West der DDR gefährden (PDF, 21 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Lothar Luck; Klaus Fahrenbach BStU, MfS, JHS, MF, VVS 275/70, 125 Seiten
Juni 1975 Organisierung der Vorbeugung, Aufklärung und Verhinderung des ungesetz­lichen Verlassens der DDR und der Bekämpfung des staats­feindlichen Menschen­handels  (PDF, 6.19 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)

enthält Teilforschungsthema
Manfred Hummitzsch; Heinz Fiedler; Rolf Fister; Gerhard Teichmann; Peter Winkler; Lutz Beckert; Werner Paulsen BStU, MfS, JHS 21845, 227 Seiten (VVS JHS 001-206/75)
Juni 1975 Teilforschungsthema: Die weitere Erhöhung der Wirksamkeit der Volkspolizei und anderer Organe des MdI im operativen Zusammen­wirken durch die Linie VII des MfS zur rechtzeitigen Vorbeugung, Aufklärung und Verhinderung des ungesetzlichen Verlassens der DDR sowie des staatsf­eindlichen Menschenhandels  (PDF, 10.10 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Speckhardt; Manfred Gruska; Heinz Roth BStU, MfS, JHS 21847, 225 Seiten (VVS JHS 001-209/75)
Juli 1975 Die völker- und staatsrechtlichen Grundfragen der Staatsgrenzen. Die Grenze zwischen der DDR und der BRD, zur Ostsee und um Westberlin und die politisch-operativen Aufgaben zu ihrer Sicherung, Band 1 (PDF, 18.59 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)   Heinz Ehrhardt; Willy Woythe; Bruno Mangold; Klaus Emmerich BStU, MfS, JHS 21847, Bd. 1, 462 Seiten, Bd. 2 u. 3, S. 463-891 (JHS, MF, VVS 001-208/75)
September 1975 Die sich aus den aktuellen und perspektivischen gesellschaftlichen Bedingungen ergebende Notwendigkeit der weiteren Erhöhung der Wirksamkeit der Untersuchung von politisch-operativen Vorkommnissen. Die Vorkommnisuntersuchung als ein allgemeingültiges Erfordernis für alle Linien und Diensteinheiten des MfS. Die besondere Bedeutung der operativen Grundprozesse sowie der klassischen tschekistischen Mittel und Methoden für eine umfassende und gesellschaftlich wirksame Aufklärung von Vorkommnissen, Band 1 (PDF, 8.54 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)

Band 2  (PDF, 8.54 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)
Ewal Pyka; Georg Blumenstein; Manfred Andratschke BStU, MfS, JHS 21866, Bd. 1-2, 586 Seiten (VVS JHS 001-218/75)
Januar 1979 Die Erhöhung der politisch-operativen Wirksamkeit der Diensteinheiten der HA I/KGT beim Schutz der GT der DDR und das ZW mit ihnen zur Aufdeckung, Vorbeugung und Bekämpfung subversiver Angriffe gegen die Staatsgrenze der DDR zur BRD und zu Westberlin; die Verantwortung der HA I/KGT für die ZA mit anderen operativen Linien und Diensteinheiten des MfS bei Schutz der GT und der Staatsgrenze der DDR und für die Aufklärung des Grenzvorfeldes, Band 1 (PDF, 7.28 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)   Manfred Dietze; Günter Nieter; Werner Pytul; Siegfried Weiße; Erwin Zillich; Reckhart Härtel; Jürgen Föhr BStU, MfS, JHS 21878, Bd. 1-4, 740 Seiten (VVS JHS 001 - 256/78)
März 1982 Die Abwehr von Terror- und anderen politisch-operativ bedeutsamen Gewaltakten gegen Grenz­sicherungs­kräfte sowie deren Objekte und Einrichtungen an der Staatsgrenze der DDR (PDF, 13.39 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Rudi Ziegenhorn; Erwin Zillich; Uwe Hemann; Rainer Drenkwitz BStU, MfS, JHS 21922, 462 Seiten (VVS JHS 001-236/82)
Januar 1987 Die Verantwortung und die Aufgaben des Leiters einer Unterabteilung Abwehr der Hauptabteilung I beim Kommando der Grenztruppen für die qualifizierte Durchsetzung der inoffiziellen Zusammenarbeit mit inoffiziellen Mitarbeitern in Schlüsselpositionen, die gleichzeitig Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens sind (PDF, 21 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Reiner Lojewski BStU, MfS, JHS 21038, 63 Seiten (JHS, MF, VVS 001-334/87)
Mai 1988 Probleme der Gestaltung der operativen Zusammenarbeit und des politisch-operativen Zusammenwirkens bei der Untersuchung politisch-operativ bedeutsamer Vorkommnisse im Grenzgebiet  (PDF, 1.08 MB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm) Frank Weingardt BStU, MfS, JHS 21223, 47 Seiten (JHS, MF, VVS 001-355/88)