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Seite einer Foto-Dokumentation des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin

"Agentenschleuse" und "Gespensteröffnung"

Der Bahnhof Friedrichstraße war die wichtigste Grenzübergangstelle in Berlin zwischen 1961 und 1990. Sie hatte für die Stasi eine zentrale Bedeutung. Es galt, Fluchtversuche zu verhindern, eigene Agenten in den Westen und zurück zu schleusen und "feindliche Kräfte" am Eintritt in die DDR zu hindern. Fotografieren war an diesem gesicherten Bahnhof nicht erlaubt – nur die Stasi dokumentierte den Ort mit ihren Kameras.

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"Komplizierteste[s] Bahnhofslabyrinth der Welt", "Gespensteröffnung zwischen beiden Teilen Berlins", "Bahnhof der Tränen" – an Versuchen, das Außergewöhnliche der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße in Worte zu fassen, mangelte es in den Jahren zwischen 1961 und 1990 nicht. Mit immer neuen Bildern, die das Besondere dieses wichtigsten Berliner Grenzübergangs begreifbar machen sollten, bemühten sich Schriftsteller, Journalisten und andere Reisende, ihre Erlebnisse in diesem Zwischenraum zwischen Ost und West zu veranschaulichen.

In der Sprache der Organisatoren des Grenzregimes, den Angehörigen der Passkontrolleinheit des MfS, war der Bahnhof Friedrichstraße dagegen "Schwerpunkt bei der Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung im Zentrum der Hauptstadt" und ein "Zielobjekt des Feindes für seine subversiven und öffentlichkeitswirksamen Angriffe gegen die Sicherheit der DDR".

„Der Bahnhof Friedrichstraße war einer der ungewöhnlichsten Orte Berlins während der deutschen Teilung.“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Ein Westbahnhof östlich der Mauer

Das Außergewöhnliche an der Grenzübergangsstelle war, dass der Bahnhof rund anderthalb Kilometer östlich der Mauer lag und trotzdem Teil des West-Berliner Nahverkehrssystems war. Ohne Grenzkontrollen konnte man hier von der S- in die U-Bahn steigen, die dann ohne Halt an den "Geisterbahnhöfen" wieder in den Westen fuhr. Erst bei der Einreise nach Ost-Berlin musste man die furchteinflößenden Schleusen der Passkontrolleinheit und des Zolls passieren – falls es denn gestattet wurde. Aus Richtung Osten konnte der Bahnhof ebenfalls mit der S-Bahn erreicht werden. Die Weiterfahrt nach Westen war jedoch unmöglich.

Als Grenzübergangsstelle hatte der Bahnhof für das MfS eine zentrale Bedeutung. Dabei ging es nicht nur um die Verhinderung von Fluchtversuchen, die trotz des stetig ausgebauten Grenzregimes immer wieder von Menschen aus der DDR oder aus anderen osteuropäischen Staaten unternommen wurden. Die Kontrollen der Geheimpolizei dienten auch dazu, die Daten der Reisenden zu erfassen und für andere Zwecke zu nutzen. Nicht selten nahmen hier bei DDR-Besuchern, die dem MfS verdächtig erschienen, Beschattungsaktionen ihren Anfang. Darüber hinaus diente der Bahnhof auch den Spionen der HV A als mit Abstand wichtigste "Agentenschleuse". Tagtäglich wechselten hier die "Kundschafter" ins "Operationsgebiet" oder kehrten von dort zurück. Als "unseren sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad" bezeichnete Markus Wolf, der Chef der DDR-Auslandsspionage, den Verkehrsknotenpunkt in der Mitte Berlins und bezog sich dabei auf den legendären, weitverzweigten Nachschubweg, über den während des Vietnamkriegs die kommunistischen Truppen Nordvietnams bei ihrem Kampf gegen die USA versorgt wurden.

Aus Furcht vor westlichen Geheimdiensten, aber auch um Vorbereitungen für Fluchtversuche zu erschweren, war das Fotografieren am Bahnhof nicht erlaubt. Reisende wie beispielsweise ausländische Touristen, die aus Unwissenheit trotzdem den Fotoapparat zückten, wurden aufgefordert, den Film zu belichten. Zahllose Touristen fanden auf diese Weise Eingang in die Akten des MfS, etwa die 28-jährige Sabine N., die ein Erinnerungsfoto ihrer Schwester vernichten musste, oder der britische Berlin-Besucher Gregory W., der ebenfalls seinen Film aus der Kamera nehmen und belichten musste.

Stasi-Fotos des "Labyrinths" Friedrichstraße

Fotografische Quellen zur Geschichte des Bahnhofs in den Jahren von 1961 bis 1989 stammen deshalb fast ausschließlich – abgesehen von einigen Aufnahmen der Deutschen Reichsbahn und einer Handvoll heimlicher Fotografien – aus den Hinterlassenschaften des MfS. Diese Bilder waren oft Teil umfangreicher Fotodokumentationen. Offenbar musste auch die Geheimpolizei den eigenen Mitarbeitern das "Labyrinth" der Grenzübergangsstelle, das immer wieder ergänzt oder umgebaut wurde, erläutern. Die drei offenkundig konspirativ aufgenommenen Aufnahmen aus dem Jahr 1985 gehören zu einem derartigen Dossier. Es umfasst neben Fotos und einem erläuternden Text auch mehrere handgezeichnete Pläne der Umgebung des Bahnhofs und der östlichen Bahnhofshalle. Die Fotos zeigen Orte am Bahnhof, die die Grenze des "west-östlichen Zwischenraums" markierten. Das Schild "Ausreise" zeigt die Umgebung vor dem Gebäude, durch das in der Regel die Reisenden nach West-Berlin ausreisten. Seit den 1980er-Jahren wird dieser Pavillon häufig als "Tränenpalast" oder "Tränenbunker" bezeichnet – Ausdruck der Trauer über den Abschied von Freunden und Verwandten. Vor dem Schild ließen sich oft auch dauerhaft ausreisende DDR-Bürger noch einmal fotografieren, bevor sie für immer das Land verließen.

Das Wort "Ausreise" prangt auch über dem Eingang zu dem Flachbau, der seit 1974 offiziell als "Wetterschutzgebäude", tatsächlich aber zur besseren Absicherung des Eingangs zur Grenzübergangsstelle diente. Doch nicht nur in deutscher, sondern auch in vier weiteren Sprachen ist das Wort zu lesen. Auch Millionen ausländische Reisende wurden am Bahnhof Friedrichstraße kontrolliert.

Die dritte Aufnahme schließlich ist ein äußerst seltenes Fotodokument jener Tür, durch die Reisende nach den intensiven Kontrollen durch Zoll-Mitarbeiter und Angehörige der Passkontrolleinheit aus Richtung Westen nach Ost-Berlin gelangten. Hier, hinter einer Absperrung, warteten Freunde und Verwandte oft stundenlang auf die mit Geschenken oder Einkäufen schwer bepackten Reisenden. Für viele Menschen aus Ost und West ist die Erinnerung an den Alltag der deutschen Teilung mit der Erinnerung an das Durchschreiten dieser Stahltür verbunden.   

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