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Aktion "Flamme"

Die DDR entsandte 1972 erstmals eine Mannschaft unter Präsentation der eigenen Staatssymbole zu den olympischen Spielen. Spiele, die ausgerechnet im westdeutschen München stattfanden.

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Die sportlichen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten hatten sich bis dahin schwierig gestaltet: Zwischen 1956 und 1964 trat eine gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft an. Diese trug jedoch nicht dazu bei, dass sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR auf sportlichem Gebiet verbesserten. Es zeigte sich, dass der Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik und das Bemühen der DDR um Anerkennung ihrer Eigenstaatlichkeit nicht zu vereinbaren waren. Dann entsandte die DDR 1968 zu den Olympischen Spielen in Mexiko zwar eine eigene Mannschaft, ließ diese aber unter der Olympischen Fahne mit der Olympia-Hymne ("Ode an die Freude") teilnehmen. Erst zu den Spielen in München erhielt die DDR die volle Anerkennung vom Internationalen Olympischen Komitee und durfte die eigene Flagge und Hymne verwenden.

Bei den Olympischen Spielen vom 26. August bis 11. September 1972 prallten daher gegensätzliche Ansprüche aufeinander: Die DDR wollte sich und damit den Sozialismus so vorteilhaft wie möglich mit ihren Sportlern, ihren Staatssymbolen und ausgewählten Zuschauern als zuverlässigen Schlachtenbummlern präsentieren. Die Bundesrepublik versuchte, die Repräsentationsmöglichkeiten der DDR so weit wie möglich einzuschränken und sich selbst als modernen, weltoffenen und demokratischen Staat zu zeigen.

Aktion "Flamme"

Für die Stasi bedeuteten die Spiele in München ein umfangreiches Bündel an Maßnahmen, die bereits weit im Vorfeld beginnen mussten. Stasi-intern liefen diese Vorbereitungen unter dem Namen Aktion "Flamme". Dazu gehörte die Prüfung der Mannschaft und der potentiellen Touristen und ihre Überwachung durch Inoffizielle Mitarbeiter. Außerdem mussten die Bürger der DDR vor westdeutscher Propaganda in Sachen Olympia abgeschirmt werden. So wurde vom Zoll bereits 1971 eine steigende Tendenz bei der Einfuhr von Gegenständen mit Olympiawerbung festgestellt. Angeblich sollte das gezielt aus Westdeutschland versandte Material bei den DDR-Bürgern "negative Einstellungs- und Verhaltensweisen" hervorrufen. Insbesondere Bilder aus Schokoladenpackungen zog der Zoll aus dem Verkehr, weil die Darstellung eine "Diskriminierung" der DDR enthielt. Die Bilder zeigten sowohl ost- als auch westdeutsche Sportlerinnen und Sportler nebeneinander und widersprachen somit der Eigenstaatlichkeit der DDR. Die eingezogenen Materialien, besonders das so gewonnene Adressmaterial, wurden dem Staatssicherheitsdienst zur Auswertung zur Verfügung gestellt.

Auswahl des Publikums

Zur Repräsentationsstrategie gehörte es, nur ausgewählte und speziell geschulte Zuschauerinnen und Zuschauer nach München zu schicken. Der DDR stand laut offiziellem Verteilerschlüssel des Internationalen Olympischen Komitees ein Kontingent von 100.000 Karten zu. Die sogenannte Touristendelegation umfasste jedoch nur knapp 2.000 Mitglieder. In den SED-Bezirksleitungen bildeten sich Kaderkommissionen, um die Reisenden nach strengen Kriterien auszuwählen. Das Mindestalter lag bei 25 Jahren, FDJ-Angehörige kamen schon ab 20 Jahren in die Auswahl. Die Teilnehmer mussten verheiratet sein. Westverwandtschaft, laufende Ermittlungsverfahren, ein "unmoralischer Lebenswandel" und politische Unzuverlässigkeit waren Ausschlusskriterien. Mit Einheimischen sollte die Touristendelegation so wenig wie möglich in Kontakt kommen. Unterkünfte in Privatquartieren kamen daher nicht in Frage. Stattdessen fand man geeignete Bleiben in den Orten Oberaudorf, Mühlbach und Kiefersfelden, die alle weit außerhalb Münchens liegen. Unter den ausgewählten Schlachtenbummlern befanden sich auch Inoffizielle Mitarbeiter, die über die Delegation berichten sollten.

Sicherheitsanalysen

Analysiert wurden auch die Sicherheitsmaßnahmen der bundesdeutschen Behörden zum Schutze von Sportlerinnen und Besuchern. Für die Stasi von Interesse war unter anderem, mit welchen Maßnahmen sich westdeutsche Nachrichtendienste auf gegnerische, sozialistische Geheimdienste und andere sozialistische Gruppierungen einstellten. Die Stasi vermutete außerdem Aktionen rechtsradikaler und nationalistischer Organisationen gegen sozialistische Staaten, insbesondere gegen Sportler und Staatssymbole der DDR.

Da es für Sportlerinnen und Sportler, Sportfunktionäre und ausgewählte DDR-Touristen in das "kapitalistische Ausland" gehen sollte, galten hohe Sicherheitsstandards. Die Stasi untersuchte daher die Aktivitäten von westlichen Geheimdiensten, bundesdeutschen Regierungsstellen und anderer Einrichtungen auf geplante Maßnahmen gegen die DDR während der Olympischen Spiele. Befürchtet wurden ideologische Einflussnahme und Abwerbung von Spitzensportlerinnen und -sportlern.

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Auf 13 Seiten listete die Stasi akribisch ihre Erkenntnisse über die "gegnerischen Aktivitäten" auf. Empfänger der Ausarbeitung waren laut Verteiler nicht nur der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) Manfred Ewald und Rudolf Hellmann, der leitende Sportfunktionär im Zentralkomitee der SED. Das Schreiben ging in Kurzfassung auch an die sozialistischen "Bruderstaaten".

All die Sicherheitsmaßnahmen, die Beobachtungen der westdeutschen Geheimdienste und die Erkenntnisse aus der rechtsradikalen Szene konnten allerdings das Attentat auf die israelische Mannschaft am 5. September nicht vorhersehen oder verhindern. Nach den Spielen in München besorgte sich die Hauptabteilung XXII (Terrorabwehr) des MfS den Erfahrungsbericht des Bayerischen Staatsministeriums, um von Erfahrungen der Westdeutschen zu profitieren. Die Archivabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gab die Akte im Jahr 2000 an das Bayerische Staatsministerium München zurück.

Repräsentationsmöglichkeiten

Zwar gab die Bundesrepublik 1969 den Alleinvertretungsanspruch auf, aber der DDR sollte trotzdem so wenig Raum wie möglich für staatliche Repräsentation gegeben werden. Die Spiele mussten also in ihrem Zeremoniell stark entnationalisiert werden. Gestaltung und Durchführung sollten außerdem dafür sorgen, dass Erinnerungen an die Spiele von 1936 gar nicht erst aufkamen. Es sollten "heitere Spiele" werden, die eine demokratische, weltoffene Bundesrepublik Deutschland zeigten. Überschattet wurden diese "heiteren Spiele" vom Attentat auf die israelische Mannschaft.

Neun Tage nach dem Ende der Spiele verschickte Erich Mielke ein Dankschreiben an alle Bereiches seines Ministeriums. Glücklich und erleichtert konstatierte er, dass die "bedeutsame Bewährungsprobe" auf dem "Territorium des westdeutschen Imperialismus, im Revanchisten- und Subversionszentrum München" bestanden sei.

Der Blick der Stasi auf das Olympia-Attentat von München

Am 5. September 1972 um 5 Uhr morgens überfielen acht Terroristen der palästinensischen Gruppe "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf. Sie erschossen zwei Sportler und nahmen neun Geiseln. Ihr Ziel war die Freipressung von über 200 Palästinensern in israelischen Gefängnissen sowie die Freilassung der bundesdeutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Am späten Abend missglückte der Rettungsversuch der bayerischen Polizei auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck. Alle neun israelischen Geiseln, ein Polizist und fünf der acht Palästinenser kamen ums Leben. Drei Terroristen wurden festgenommen.

Zum Zeitpunkt der Geiselnahme hatte die Stasi willige Helfer in der Nähe, die aus erster Hand Berichte lieferten. Drei Journalisten der DDR beobachteten das Geschehen aus dem Quartier der DDR-Mannschaft. Ihr Bericht findet sich in den Stasi-Unterlagen.

Durch die Funküberwachung der Abteilung III (Spezialfunkdienste) war es der Stasi gelungen, das westdeutsche Funk- und Fernsprechnetz umfassend zu den Olympischen Spielen abzuhören. In einem 140-seitigem Bericht "Politisch-operative Ergebnisse der Aufklärungstätigkeit der Spezialfunkdienste während der Aktion Flamme" sind Verbindungsskizzen (Funknetze) aller während der Olympiade beteiligten Sicherheitskräfte einschließlich des olympischen Organisationskomitees aufgeführt. Auch die Strukturen, Weisungsebenen und die personelle Besetzung der verschiedenen Einsatzstäbe aller an den Olympischen Spielen beteiligten "BRD-Organe" finden sich im Bericht wieder.

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Auch während der Spiele informierte ein Netz aus Spitzeln und Informanten das MfS. Am 08. September 1972, unmittelbar nach dem Terroranschlag, berichtete eine "zuverlässige inoffizielle Quelle" der Hauptabteilung XX/3- Politische Repression und Überwachung/Abteilung Sport, dass es im Vorfeld Hinweise auf den bewaffneten Überfall gegeben hätte. Quelle sei ein westdeutscher Wirtschaftsjournalist. Das MfS prüfte sofort die Information. Anfragen bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN, im IPW, und beim Rundfunk- und Fernsehen des DDR ergaben jedoch keinerlei weitere Kenntnisse von Hinweisen auf einen geplanten Terrorakt während der Olympischen Spiele.