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Mielke schwenkt eine Freundschaftsfahne '25 Jahre Dynamo DDR – Dynamo UdSSR', 1970er Jahre

"Botschafter im Trainingsanzug"

Am 27. März 1953 entstand die Sportvereinigung "Dynamo" aus dem Zusammenschluss der Sportvereine der Stasi, des Ministeriums des Innern und der Zollverwaltung, getreu dem sowjetischen Vorbild. Mit ihren Clubs dominierte die Sportvereinigung fortan den Sport in der DDR und machte mit zahlreichen Weltmeistern und Olympiasiegern international Furore. Die Athleten wurden von der Stasi protegiert, wer aber aus der Reihe tanzte oder sich in den Westen absetzen wollte, wurde als "Sportverräter" verfolgt.

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Im Dienste des Klassenkampfes

Die Staats- und Parteiführung der DDR sah im Leistungssport eine wichtige Möglichkeit, sich international zu profilieren. Davon zeugt zum Beispiel die vielgebrauchte Bezeichnung der Spitzensportler als "Botschafter im Trainingsanzug".

Sport war ein wichtiges Instrument des "Klassenkampfes", sowohl weltweit als auch zwischen den beiden deutschen Staaten. So erklärt sich der ungeheure Aufwand in personeller, finanzieller und materieller Hinsicht, den die Partei- und Staatsführung der DDR betrieb. Zuletzt wurden im Jahre 1989 allein für Zuwendungen an Sportler und für Löhne im unmittelbaren Trainingsbereich über 190 Millionen Mark ausgegeben. Die Ausgaben für den Bau und die Unterhaltung der Trainingsobjekte sowie der Finanzierung die Forschung umfassten ein Vielfaches davon.

Wie bedeutsam die Vorgaben der Partei auch im Bereich Sport für das MfS waren, zeigt die Dienstanweisung Nr. 4/71 über die politisch-operative Arbeit im Bereich Körperkultur und Sport: "Die Beschlüsse des VIII. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Beschluß des Staatrates über die Aufgaben der Körperkultur und des Sports bei der Gestaltung der entwickelten Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik erhöht die Anforderungen an die Heranbildung und Erziehung sozialistischer Sportlerpersönlichkeiten, die als Repräsentanten des sozialistischen deutschen Staates die DDR würdig im Ausland vertreten" (Quelle: MfS ZA Dokumentenstelle 100600).

Gründungskonferenz der SV Dynamo am 27.03.1953 im Gesellschaftshaus Berlin-Grünau mit Erich Mielke als erstem Vorsitzenden, Edith Baumann im Auftrag des ZK der SED, Chefinspekteur Herbert Grünstein und Kurt Edel (1. Präsident des NOK der DDR).

Sportvereinigung "Dynamo"

Eine Sonderstellung nahm daher die Sportvereinigung "Dynamo" ein. Sie agierte fast uneingeschränkt innerhalb des DDR-Sportsystems und verfolgte einen eigenen, sportpolitischen Kurs. Der Sportvereinigung kam dabei eine besondere Vorbildwirkung zu, festgelegt in der Satzung der SV Dynamo. Mitglieder sollten sich auszeichnen

  • durch "tiefe Liebe zu ihrem sozialistischen Vaterland, Treue zum Arbeiter-und-Bauern-Staat und zur Partei der Arbeiterklasse",
  • durch "Standhaftigkeit, Mut, Kühnheit, Ausdauer und Entschlußkraft",
  • durch "revolutionäre Wachsamkeit und hohe Einsatzbereitschaft zur Verteidigung des Friedens gegen die Feinde der Menschheit" und
  • durch "ihr Eintreten für Humanismus und Völkerfreundschaft im Geiste der hohen Ideale der olympischen Idee".

Von der Gründung der SV Dynamo im Jahr 1953 bis 1989 war Erich Mielke der 1. Vorsitzende der SV, den 2. Vorsitzenden stellte das Ministerium des Innern. Die finanzielle und materielle Ausstattung der SV Dynamo erfolgte fast ausschließlich durch das MfS. Mit zuletzt 278.000 Mitgliedern und 380 Sportgemeinschaften war sie die zahlenmäßig stärkste und erfolgreichste Sportvereinigung innerhalb des Deutschen Turn und Sportbundes (DTSB).  

Der größte Sportclub in der Sportvereinigung Dynamo war der Sportclub Dynamo Berlin (SC Dynamo), der fast alle olympischen Disziplinen trainierte. Aus ihm gingen weitere Sportclubs hervor, darunter der SC Dynamo Berlin-Hoppegarten, der BFC Dynamo, die Kinder - und Jugendsportschule Dynamo, die Sportstätten des Sportforums Berlin und einige mehr. Darüber hinaus bestanden in der SV Dynamo einige Sportgemeinschaften, die gleichermaßen wie die Sportclubs gefördert wurden und unter Profi-Bedingungen zahlreiche DDR-Meister, Weltmeister und Olympiasieger hervorbrachten.

„"Die Sport­vereinigung Dynamo leistet in enger Verbundenheit mit den Werktätigen und in kamerad­schaftlicher Zusammenarbeit mit den demokratischen Massen­organisationen einen aktiven Beitrag zur Lösung der Aufgaben des sozialistischen Aufbaus und zur weiteren Festigung und Stärkung der Deutschen Demokratischen Republik."“

Auszug aus der Satzung der Sportvereinigung Dynamo

Das MfS und der Sport

Bei der Durchsetzung der DDR-Sportpolitik nahm das MfS eine Schlüsselposition ein. Hauptaufgabe der Stasi in diesem Bereich war es unter anderem, die Doping-Praxis zu verschleiern, umfassende Informationen über die Sportler zu sammeln und Republikfluchten von Spitzensportlern zu verhindern. Trotz des hohen Einsatzes an hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern flüchteten in den Jahren 1950 bis 1989 insgesamt 615 Personen des DDR-Sports, vor allem aus den Bereichen Leichtathletik, Fußball und Rudern. 25 Jahre lang führte das MfS den Zentralen Operativen Vorgang (ZOV) "Sportverräter". In ihm wurde in 50 Teilvorgängen insgesamt 63 Personen bearbeitet, die zwischen 1960 und 1987 die DDR verlassen hatten. Besonders betroffen davon waren die Sportclubs in Leipzig, der TSC Berlin und der SC Dynamo Berlin.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Das Ende der SV Dynamo

Am 17. November 1989 wurde das Ministerium für Staatssicherheit in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannt. Nur kurze Zeit später, am 13. Januar 1990, beschloss der Ministerrat die Auflösung des AfNS. Im selben Jahr wurde auch die Sportvereinigung abgewickelt. "Durch die Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit hat die Sportgemeinschaft "Dynamo" Berlin - Hohenschönhausen für die Weiterführung der Sportarbeit ihre Trägerdienststellen verloren ...", heißt es in einer Erklärung der SG "Dynamo" Berlin-Hohenschönhausen zur Situation nach der Auflösung des AfNS.