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Fotos aus einem Album, das Erich Mielke zum Geburtstag geschenkt wurde

Der Kiez des kleinen Erich

Zum 70. Geburtstag erhielt der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke ein besonderes Geschenk. Es waren Fotos, die den West-Berliner Stadtteil Wedding zeigen. Denn dort, im Wedding, war Mielke einst aufgewachsen – eine Heimat im Westen, die der Stasi-Chef nun nicht mehr besuchen konnte.

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Video zum Fundstück

Als der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke am 28. Dezember 1977 seinen 70. Geburtstag beging, sandten ihm wie üblich zahlreiche MfS-Diensteinheiten, staatliche Institutionen, Bekannte und Freunde ihre Glückwünsche. Viele Gratulanten schickten dem Minister auch Präsente, die anschließend fotografiert und archiviert wurden. So schenkte ihm die BV Erfurt eine elektrisch betriebene Quarztischuhr, die statt der Stundenzahlen Jagdmotive zeigte. Das Büro der Leitung II sandte eine blaue Kristallvase und wünschte Mielke "vor allem beste Gesundheit und Schaffenskraft, damit Sie noch viele Jahre Ihre hohen verantwortungsvollen Funktionen in der Parteiführung und an der Spitze unseres Ministeriums zum Wohle unserer sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik ausüben können". Die für Untersuchungshaft und Strafvollzug zuständige Abteilung XIV überreichte einen Wandteppich mit dem Motiv eines Fischreihers – verbunden mit dem Versprechen, auch weiterhin "unter Einsatz unseres Lebens, jeden gestellten Kampfauftrag in Ehren zu erfüllen und mit unseren spezifischen Mitteln dazu beizutragen, alle Feinde des Friedens und des Sozialismus ihrer gerechten Strafe zuzuführen".

„Für Mielke als Geheimpolizei-Chef war es ein Ding der Unmöglichkeit, seine alte Heimat in West-Berlin zu besuchen.“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Ein eher ungewöhnliches Geschenk

Blieben derartige Präsente und Wünsche noch im üblichen Rahmen, so machte der Vertreter des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer (KdaW), Fritz Reuter, dem Minister – im Auftrag von Mielkes "langjährigen Kampfgenossen" – ein eher ungewöhnliches Geschenk. Der 66-jährige Reuter war in sei ner wechselvollen Karriere unter anderem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden und Mitglied des Zentralkomitees der SED, bevor er 1972 zum KdaW ging – der Nachfolgeorganisation der 1953 zwangsaufgelösten Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Vor allem aber: Mielke und Reuter kannten sich schon sehr, sehr lange. In den 1920er-Jahren hatten die beiden in Berlin als Funktionäre der kommunistischen Arbeiterbewegung gedient; Reuter unter anderem als Org.-Leiter des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) im Unterbezirk Berlin-Wedding. Von dort, aus dem "roten Wedding", stammte auch Mielke. Seine Bekannt schaft mit Reuter war also über 50 Jahre alt. Gefestigt worden sein dürfte ihre Verbundenheit in der Zeit der Emigration. Beide waren in den 1930er-Jahren Schüler an der Moskauer Lenin-Schule, der wichtigsten "Kaderschmiede" für die später in der DDR herrschende Partei- und Staatselite.

Mit seinem Geschenk knüpfte Reuter an die gemeinsame Zeit in Berlin-Wedding an. Er schenkte dem Minister eine Serie von sechs Farbfotografien, die er vermutlich selbst während eines West-Berlin-Besuchs kurz vor dem Geburtstag geknipst hatte. Die Aufnahmen zeigten vor allem das Haus in der Stettiner Straße, in dem Mielke seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Als Dreijähriger war Mielke mit seinem Vater, seiner Stiefmutter und seinen drei Geschwistern in eine kleine Wohnung in der dritten Etage im ersten Hinterhof gezogen – eine Lebenssituation, die für Arbeiterfamilien in dieser Zeit nicht untypisch war.

Unerwartete Begegnung mit der Vergangenheit

Mielkes politische Karriere nahm ihren Anfang, als er mit 14 Jahren einer Schulzelle des KJVD beitrat. Nun wuchs er in eine Zeit hinein, die durch die  Straßen schlachten mit den Nationalsozialisten, aber auch durch den Kampf gegen das demokratische Staatswesen und für ein nach sowjetischem Vorbild umgestaltetes Deutschland geprägt war. Seine Beteiligung an der von zunehmender Gewalt bestimmten Auseinandersetzung der politischen Lager erreichte für den "Revolverhelden" Mielke und die anderen "jugendlichen Politrowdies" ihren vorläufigen Höhepunkt, als er am 9. August 1931 am Berliner Bülowplatz gemeinsam mit Komplizen zwei Polizisten erschoss und anschließend in die Sowjetunion floh. "Bis zum 22. Januar 1947", so Mielkes Biografin Wilfriede Otto, "blieb die Stettiner Straße 25 die offiziell eingetragene Anschrift für Erich Mielke."

Auch wenn Mielkes Reaktion auf das Geschenk seines "alten Kampfgenossen" nicht überliefert ist, lässt sich annehmen, dass es für ihn eine unerwartete Begegnung mit seiner Vergangenheit gewesen sein dürfte. Er residierte zwar nur wenige Kilometer weiter östlich, doch blieb ihm ein persönlicher Besuch seines alten Kiezes spätestens seit Gründung des MfS im Jahr 1950 verwehrt. Als Geheimpolizist durfte er aus konspirativen Gründen nicht nach West-Berlin. Anhand von Reuters Aufnahme der Straßenkreuzung Bellermannstraße/Stettiner Straße konnte sich Mielke einen Eindruck davon verschaffen, wie sich seine frühere Wohngegend gewandelt hatte. Der Neubau auf der gegenüberliegenden Straßenseite dürfte ihn kaum an die Vorkriegsbebauung erinnert haben. Ganz anders allerdings der Blick in den Hinterhof des Hauses Stettiner Straße 25: Hier hatte sich seit den 1930er-Jahren augenscheinlich nur wenig verändert.

Die Fotos "seines" Kiezes nahm Mielke offenbar nicht an sich, wie er es bei anderen Geschenken durchaus praktizierte. Stattdessen wanderten sie in die Ablage des Ministeriums, in der solche Geschenke Jahr für Jahr archiviert wurden.

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Verschluss-Sachen

Eine Streichholzschachtel mit vermeintlichem Urangestein, ein Briefumschlag mit "Hetzbuchstaben", ein heimlich kopierter Wohnungsschlüssel - das sind unerwartete Fundstücke aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit.