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Zu sehen ist eine Gruppe von sechs Männern. Im Vordergrund steht Willy Brandt mit einem Megafon in der Hand, in das er gerade hineinspricht. Am linken Bildrand sieht man Günter Guillaume mit Brille und gemusterter Krawatte.

Die Affäre Guillaume

Als am 24. April 1974 der Referent im Kanzleramt, Günter Guillaume, in seiner Wohnung in Bonn festgenommen wurde, löste das einen der größten Skandale der alten Bundesrepublik aus. Guillaume, Jahrgang 1927, war nämlich Offizier im besonderen Einsatz (OibE) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

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Die Stasi bildete Günter Guillaume und seine Ehefrau Christel in den 50er Jahren in der DDR zu Überläuferkandidaten aus. 1956 siedelte das Ehepaar dann tatsächlich nach Frankfurt/Main über. Die Guillaumes wurden Mitglieder der SPD und waren aktiv in Hessen. Besonders Günter Guillaume machte schnell in der hessischen SPD Karriere.

Als Günter Guillaume sich 1969 im Wahlkampf-Organisationsteam des damaligen Bundesministers für Verkehr, Georg Leber, bewährte, schlug Leber ihn für eine Position im Kanzleramt vor. So geriet Guillaume schließlich in die Nähe des Bundeskanzlers. 1970 wurde er als "Referent für die Verbindungen zu den Gewerkschaften" eingestellt. 1972 stieg er dann zum "Parteireferenten" auf. Für die Hauptverwaltung A (HV A), die Abteilung für Auslandspionage im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), war der unentdeckte Aufstieg ihres Spions in den inneren Kreis der Bonner Machtzentrale ein Triumph – bis zu seiner Enttarnung. Dann verwandelte sich der vermeintliche Coup in ein Eigentor. Der darauffolgende Rücktritt Willy Brandts war nämlich auch ein Rückschlag für die neue Deutschlandpolitik der DDR, die sie seit Beginn der 70er Jahre verfolgte.

Aufnahme mehrerer Sitzreihen bei einer Wahlkampfveranstaltung. Vorn sitzt Bundeskanzler Willy Brandt mit verschränkten Armen. Schräg hinter ihm sitzt Günter Guillaume. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille.

Die Stasi-Akten zum Fall Guillaume

In den heute noch zur Verfügung stehenden Stasi-Akten schlägt sich die Tätigkeit Günter Guillaumes nur eingeschränkt nieder. Weil die HV A ihren gesamten Aktenbestand während der Auflösung des MfS 1989/90 vernichten durfte, sind die Überlieferungen dürftig. Vor allem die in den 90er Jahren von Archivaren des Stasi-Unterlagen-Archivs entschlüsselten Datenverarbeitungsprogramme der HV A, die SIRA-Teildatenbanken, geben zumindest einen Einblick in die Tätigkeit der Guillaumes.

Überliefert sind dort die beiden Decknamen "Hansen" (Günter Guillaume) und "Heinze" (Christel Guillaume) sowie ihr Erfassungsdatum bei der HV A: 9. September 1954 für "Hansen" und 30. Oktober 1958 für "Heinze". Auch die Anzahl der von ihnen gelieferten Informationen und deren Inhalt sind über diverse SIRA-Teildatenbanken zu finden. Insgesamt war der nachrichtendienstliche Wert von Guillaume für das MfS nicht herausragend, er war zweifellos keine Spitzenquelle. Vom 30. Juli 1969 bis 8. April 1974 übermittelte Guillaume in 23 Fällen SPD-Interna, in zwölf Informationen zu Fragen der Regierungspolitik und in neun zu Gewerkschaftsfragen.

Auswirkung der Affäre in West und Ost

Die Festnahme von Günter und Christel Guillaume wurde in der DDR offiziell als große Leistung zweier überzeugter Kommunisten gefeiert, die für die große Sache des Sozialismus lange Phasen ihres Lebens geopfert haben. Intern geriet das MfS gegenüber der Partei- und Staatsführung jedoch in Erklärungsnot und musste sich für den Fehlschlag und dessen Konsequenzen rechtfertigen. Im Dezember 1975 wurde Günter Guillaume zu 13, seine Frau Christel zu acht Jahren Haft wegen Landesverrats verurteilt. 1981 wurden sie vorzeitig entlassen und kehrten in die DDR zurück. Das MfS feierte sie mit einem zweistündigen Dokumentarfilm ("Auftrag erfüllt"). Günter Guillaume hielt über seinen Einsatz mehrfach Vorträge an der MfS-Schule, die im Stasi-Unterlagen-Archiv dokumentiert sind.

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Den auf die Guillaume-Affäre folgende Rücktritt des Bundeskanzlers Willy Brandt hingegen dokumentierte die Stasi verhalten und ohne ein eigenes Schuldeingeständnis. Sie sammelte Informationen über die Stimmung in der DDR, denn Brandt genoss auch in der DDR-Bevölkerung hohes Ansehen. Dabei analysierte die Geheimpolizei, wie hoch der Anteil der Entdeckung des Kanzleramtsspions am Rücktritt Brandts war und kam zu dem durchaus zutreffenden Schluss: "Der Fall Guillaume war nur der äußere Anlaß zum Rücktritt Brandts von seiner Funktion als Bundeskanzler." Gleichwohl hatte die Stasi den Anlass für Brandts Sturz geliefert, nachdem sie ihm zwei Jahr zuvor sein Amt noch gerettet hatte: 1972 hatte die Stasi zwei Bundestagsabgeordnete bestochen, mit deren Stimmen Willy Brandt ein Misstrauensvotum der CDU/CSU überstand.

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Jahre später beschrieb der letzte HV A-Chef Werner Großmann in seinen Memoiren den Effekt der Affäre beim Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker als "Guillaume-Syndrom". In seinem unbedingten Willen, der Bundesrepublik einen Staatsbesuch abzustatten, fürchtete Erich Honecker nichts mehr als einen zweiten Fall und bat daher Erich Mielke weitere Spione im Kanzleramt abzuschalten (zitiert nach Herbstritt, "Bundesbürger im Dienst der DDR Spionage", S. 312). Guillaume starb am 10. April 1995 in Eggersdorf bei Berlin.

Weiterführende Literatur

Publikation

Kampagnen, Spione, geheime Kanäle

Die Stasi und Willy Brandt

Die Publikation beleuchtet anhand des Themas "Die Stasi und Willy Brandt" auf exemplarische Weise zentrale Aspekte einer vierzigjährigen deutsch-deutschen Teilungsgeschichte, die immer auch eine Geschichte von Verflechtungen war.

Publikation

Das Gesicht dem Westen zu ...

DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland

Der Band gibt einen Überblick über die Quellenlage zur MfS-Westarbeit und über Stand und Perspektiven der Forschung. Einzelne Themenschwerpunkte wie politische Spionage, Militär- und Wirtschaftsspionage werden ausführlich behandelt.

Publikation

Hauptverwaltung A (HV A)

Aufgaben - Strukturen - Quellen

Im Zentrum des Handbuchkapitels zur Hauptverwaltung A (HV A) steht die Rekonstruktion von Aufgaben, Strukturen und Quellen sowie die informationsbeschaffende Tätigkeit der Diensteinheit. Dies geschieht mit Blick auf die Zentrale in Berlin wie auch auf die Bezirksverwaltungen des MfS.

Publikation

Der Deutsche Bundestag 1949 bis 1989 in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR

Gutachten für den Deutschen Bundestag gemäß § 37 (3) des Stasi-Unterlagen-Gesetzes

Erstmals wird mit dem Gutachten eine umfassende Dokumentation und grundlegende Forschungsarbeit zu dieser Thematik vorgelegt. Die Untersuchung zeigt den Umfang der Spionageaktivitäten des MfS auf Basis der relevanten Aktenbestände des Archivs des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen.

Publikation

West-Arbeit des MfS

Das Zusammenspiel von "Aufklärung" und "Abwehr"

Im vorliegenden Band wird geschildert, wie die DDR-Staatssicherheit gegen Parteien und Organisationen, Unternehmen und staatliche Einrichtungen, Journalisten und SED-Kritiker, Fluchthelfer und Geheimdienstmitarbeiter im Westen vorging.