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Bericht von IME 'Zentrum' über eine Begegnung mit einem Archivdirektor des Bundesarchivs

Die Stasi in Rheinland-Pfalz: Koblenz

In Koblenz interessierte sich die Stasi u.a. für die Arbeit des Bundesarchivs, das dort seinen Hauptsitz hat. Sie wurde aktiv, als eine Reisegruppe der Volkshochschule Untermosel (bei Koblenz) in die DDR reiste. Als umgekehrt eine Jugendreisegruppe der DDR in Koblenz Halt machte, gab auch das Arbeit für die Stasi.

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Das Bundesarchiv in Koblenz

Das Bundesarchiv, das u.a. das Schriftgut der Bundesrepublik Deutschland, der NS-Zeit, des Deutschen Reichs und diverser Militärarchive verwahrt, stand im Visier der Stasi. Insbesondere wurden einzelne Personen, die am Koblenzer Standort des Bundearchivs arbeiteten, in den Blick genommen. Ende der 80er Jahre war ein Archivar des DDR-Staatsarchivs als IM für die Stasi unterwegs und berichtete von seinen Arbeitsbesuchen.

Im "Treffbericht" (dem Bericht vom Treffen eines Führungsoffiziers mit seinem Inoffiziellen Mitarbeiter) vom 20. Juni 1989 wurde festgehalten, wie die bevorstehende Begegnung des IM mit dem Decknamen "Zentrum" und einem Archivdirektor des Bundesarchivs zu planen sei. IME steht dabei für "inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz". Die Ehefrau des IME war zuvor schon zu Besuch im Westen unterwegs gewesen und berichtete, dass sie eine Pro-Gorbatschow-Stimmung wahrgenommen habe. Beeindruckt zeigte sie sich vom Konsumangebot in den Läden.

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Der handschriftliche Vermerk vom 29.08.1989, nach dem West-Besuch des IME, war von der Hauptabteilung (HA) VII, Abteilung 7 verfasst. Die HA VII war zuständig für die Überwachung des Ministeriums des Innern der DDR und dem ihm unterstellten Archivwesen. Die Abteilung 7 der HA VII führte den dort arbeitenden IME "Zentrum". Ihre Aufgabe war es, nicht nur die heimischen Archivare, sondern auch das westliche Archivwesen in den Blick zu nehmen. Die Erkenntnisse aus dem engen Kontakt zwischen dem IME und der "Zielperson" im Bundesarchiv erschienen dem MfS vielversprechend, sodass das „Dossier“ in den Jahresarbeitsplan 1990 aufgenommen werden sollte.

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Reisegruppe der Volkshochschule Untermosel in der DDR

Westdeutsche Reisegruppen in der DDR wurden routinemäßig von der Stasi observiert. Dabei gab es eine Abfolge des Vorgangs: Informationssammlung zur Anbahnung der Reise, Planung der Beobachtung, Ausführung während des Besuches und schließlich Beendigung der Aktion in einem "Abschlussbericht".

Der Stellvertreter des Leiters der Hauptabteilung (HA) VI (zuständig für Grenzkontrollen, Reise- und Touristenverkehr) fasste hier die für die Stasi relevanten Ereignisse des DDR-Aufenthaltes einer Reisegruppe der Volkshochschule Untermosel zusammen. Die Gruppe bestand hauptsächlich aus Mitgliedern des Sportvereins. Wenige Monate vor der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall wurde festgehalten, dass mehrere Teilnehmer der Ansicht waren, "dass eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten unausbleiblich ist, ohne sich dabei zeitlich festzulegen". Abgelegt wurde das Dokument im Zentralen Operativstab (ZOS), dem Lagezentrum der Stasi.

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Flucht über Koblenz

Auch Reisegruppen aus der DDR, die in die Bundesrepublik reisen durften, wurden von der Stasi überwacht. Die Teilnehmer wurden meist vorab u.a. durch das MfS auf ihre "Zuverlässigkeit" überprüft. Dennoch ging man auf Nummer Sicher und durchsetzte die Reisegruppen oft zusätzlich mit IM. Die Gefahr, dass sich Reisende in die Bundesrepublik absetzen könnten, war für die Entscheidungsträger immer präsent. So geschah es in Koblenz im Oktober 1988.

Der "Bericht über durchgeführte Jugendtouristreise Bonn – Trier/BRD" vom 1. November 1988 wurde von der Kreisdienststelle Meißen verfasst. Sie war Teil der Bezirksverwaltung (BV) Dresden des MfS. Hier war die regionale Überwachung der Grenzkontrollen, des Reise- und Touristenverkehrs angesiedelt, als Abteilung VI der BV. Da die Organisation der Reisegruppe von Meißen aus erfolgte, war auch die dortige Kreisdienststelle zuständig. Grundlage des Berichtes waren die Aussagen von "IMK Paul". IMK ist die Abkürzung für "Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens".

Das wesentliche Ereignis der Reise war die Flucht eines damals 23-jährigen DDR-Bürgers, der einen Aufenthalt am Hauptbahnhof Koblenz zur Flucht nutzte. Zuvor hatte der junge Mann noch "die Politik der Partei- und Staatsführung lebendig vertreten", um "die Aufmerksamkeit der Reiseleitung und des Parteibeauftragten von sich abzulenken, "da diese sich vorrangig um politisch noch nicht reife Jugendliche kümmerten".

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