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Aus rosafarbenem Papier ausgeschnittene Buchstaben 'F', auf einem Tisch verteilt

Ein Umschlag voller "Hetzbuchstaben"

Am 10. Juli 1950 fanden Volkspolizisten in Leipzig auf der Straße verteilt 30 aus rosafarbenem Papier ausgeschnittene Buchstaben "F". Die Volkspolizisten stellten das Papier sofort sicher. Das "F" stand für "Freiheit", und war Anfang der 50er Jahre durch westliche Flugblätter und Broschüren als Symbol in DDR-Oppositionskreisen populär geworden. Eine zufällige Festnahme brachte die das Ministerium für Staatssicherheit auf die Spur der Urheber.

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Video zum Fundstück

Rund 30 Buchstaben fallen aus dem grauen Umschlag, der säuberlich in eine Akte der Allgemeinen Personenablage der BV Leipzig geheftet ist. 30-mal der Buchstabe F: allesamt um die 7 Zentimeter groß, aus rosafarbenem Papier ausgeschnitten, das manchmal noch seine frühere Funktion als Formularblatt erkennen lässt, bei einigen ist der obere Querbalken des jeweiligen Buchstabens länger als der untere.

Drei Leipziger Volkspolizisten hatten die bunten Zettelchen am 10. Juli 1950 um 0.10 Uhr in der Dresdner Straße gefunden und als "Hetzbuchstaben" identifiziert – die eigentümlichen Lettern standen für die "Freiheit", nach der sich die Hersteller der Zettelchen sehnten. Die Täter hatten eine im Westen initiierte Darstellungsform aufgegriffen – zahlreiche Flugblätter und Broschüren machten in dieser Zeit das besondere "F" in oppositionellen Kreisen populär.

„Für die Stasi war diese Forderung nach Freiheit ein Akt des Widerstandes, den es zu bekämpfen galt.“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Eine zufällige Verhaftung

Da die Urheber zunächst nicht ermittelt werden konnten, wurde der Fall im September vorläufig abgelegt. Doch bereits einen Monat später konnte das MfS den Fall als gelöst betrachten. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober wurden die beiden Studenten Herbert Belter und Helmut du Menil-Schürer von Volkspolizisten "zugeführt", da sie keinen Personalausweis bei sich trugen. Während du Menil-Schürer – versehentlich – entlassen wurde und in den Westen fliehen konnte, begann für seinen Freund ein Leidensweg, der schließlich mit der Hinrichtung am 28. April 1951 in Moskau enden sollte. Zum Verhängnis war Belter ein Brief geworden, der in seiner Tasche gefunden wurde. Ein in den Westen geflohener Schulfreund hatte ihm geschrieben: "Man kann wieder frei u[nd] ungezwungen wissenschaftlich arbeiten, ohne mit politischen Phrasen belastet zu sein. Von mir ist ein richtiger Alpdruck gewichen."

Die implizite Kritik an der DDR ließ die Ermittler aufmerksam werden. Bei der anschließenden Durchsuchung von Belters Zimmer, das nur wenige Straßen vom Fundort der Buchstaben entfernt lag, stellten die Volkspolizisten umfangreiches "Hetzmaterial" sicher. Dabei handelte es sich vor allem um Flugschriften und Broschüren, die sich kritisch mit dem SED-Regime auseinandersetzten. Auch zahlreiche Tarnschriften befanden sich darunter, also kleinformatige Broschüren, die beispielsweise auf dem Umschlag "Rätsel der menschlichen Natur" von Dr. med. Elfriede Kauffmann ankündigten, tatsächlich aber den Erlebnisbericht "Als Gefangene bei Stalin und Hitler" von Margarete Buber-Neumann enthielten. Folgt man Belters Geständnis vom 5. Oktober 1950, so hatten er und du Menil-Schürer seit Mai 1950 Kontakt zu Gerhard Löwenthal, der ihnen das Material nach Leipzig hatte schicken lassen. Der später vor allem als ZDF-Journalist bekannt gewordene Löwenthal baute in dieser Zeit in West-Berlin sowohl die Freie Universität als auch den Rundfunksender "RIAS" mit auf und war durch seine eigenen Erfahrungen als Student an der Ost-Berliner Humboldt-Universität eine wichtige Stimme für den studentischen Widerstand in der DDR. Belter und du Menil-Schürer hatten die Schriften heimlich verteilt.

Bei der Durchsuchung der Zimmer fielen den Ermittlern auch Namen und Adressen anderer Beteiligter in die Hände, sodass schließlich neben Belter neun weitere junge Männer verhaftet wurden. Vier Tage später übergab das MfS die Inhaftierten den "Freunden", wie die sowjetischen Geheimpolizisten von ihren ostdeutschen Kollegen zumeist genannt wurden. Das weitere Schicksal der sogenannten "Belter-Gruppe", deren Mitgliedern man "antidemokratische Umtriebe" vorwarf, war damit vorgezeichnet. Am 20. Januar 1951 wurden die zehn DDR-Bürger von einem sowjetischen Militärgericht in Dresden verurteilt: acht der Angeklagten zu 25 Jahren Zwangsarbeit, einer zu zehn Jahren und Herbert Belter zum Tod durch Erschießen.

Jahrelange Ungewissheit für die Angehörigen

Wie in dieser Zeit und bei derartigen Verfahren üblich, wurden die Angehörigen der Betroffenen oft jahrelang in Ungewissheit über das Los der Inhaftierten gelassen. So sandte Karl Belter, der zusammen mit seiner Ehefrau in Rostock lebte, am 21. Oktober 1950 ein Telegramm an seinen Sohn, in dem er fragte: "Warum schreibst du nicht?" Offensichtlich waren die Eltern in großer Sorge um ihren Sohn, der – wie sie nicht wissen konnten – bereits seit über zwei Wochen im Gefängnis war. Am 4. November wandte sich der Vater schließlich an das Leipziger Polizeipräsidium und bat darum, einen "Bescheid [...] über den Verbleib" des Sohnes zu erhalten.

Auch die Eltern der übrigen Verhafteten mühten sich verzweifelt, Informationen über ihre Kinder zu bekommen. Martha Scharf, die Mutter des 20-jährigen Studenten Hans-Dieter Scharf, stellte "Anzeige gegen Unbekannt wegen Menschenraubes", da ihr keine Behörde, die sie befragte, Auskunft geben konnte – oder wohl vielmehr wollte. Im Juli 1951 konnte sie ihre Sorgen offenbar sogar persönlich dem Polizeipräsidenten vortragen, doch auch dies blieb erfolglos. In einem Schreiben an den Polizeipräsidenten vom November 1951 notierte sie: "Sie versicherten mir damals, sich der Sache anzunehmen [...]. Da ich bis heute ohne jegliche Nachricht bin und in meiner Not und Sorge um meinen Sohn nicht mehr ein und aus weiß, erlaube ich mir, an unser damaliges Gespräch zu erinnern und zu bitten, mir doch das Ergebnis Ihrer Bemühungen bekannt zu geben. Sie werden einer unglücklichen Mutter die Sorge und den Kummer nachfühlen können und mir deshalb meine nochmalige Bitte nicht verübeln." Auch dieses Schreiben reichte der Polizeipräsident an das MfS weiter.

Hans-Dieter Scharf und die übrigen Mitglieder der "Belter-Gruppe" kamen 1953 bzw. 1955 aus den sowjetischen Straflagern zurück. Das Schicksal Herbert Belters konnte erst 1994 geklärt werden, als russische Archive Einblick in ihre Bestände gaben. Nach seiner Hinrichtung 1951 war seine Asche in einem Massengrab auf einem Moskauer Friedhof bestattet worden.

Publikation zur Serie

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Verschluss-Sachen

Eine Streichholzschachtel mit vermeintlichem Urangestein, ein Briefumschlag mit "Hetzbuchstaben", ein heimlich kopierter Wohnungsschlüssel - das sind unerwartete Fundstücke aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit.