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40 Dinge 1989 - Hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen

Major Lothar Fröhner, stellvertretender Referatsleiter in der HA PS, dürfte zufrieden gewesen sein. An der »politisch-operative[n] Situation im Handlungsraum Tribüne Karl-Marx-Allee und Umgebung« hatte sich zwischen April und September 1989 nämlich nichts Wesentliches verändert.

 

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So musste er niemanden mehr rausschicken, um noch einmal die Wohnblöcke an der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee zu fotografieren. Fröhner konnte also die Aufnahmen, die einige Monate zuvor im Vorfeld der traditionellen 1.-Mai-Demonstration gemacht worden waren, erneut verwenden, um die Wohnungen »operativ bedeutsamer Einzelpersonen« darauf einzutragen – verbunden mit der entsprechenden Nummer aus einer zugehörigen Personenliste und einem über die Blöcke gelegten Raster. Zusammen mit Porträtfotos, die die Betroffenen selbst zeigten, wurden sie an MfS-Mitarbeiter verteilt.

Aus Sicht des MfS ging von den Betroffenen eine potenzielle Gefahr für das zentrale Großereignis der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung aus: für die »Ehrenparade der NVA« vor führenden Repräsentanten des SED-Staates. Man befürchtete, dass einzelne Oppositionelle die große »Bühne« nutzen könnten, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. So kam es, dass Menschen, die zum Beispiel einen Ausreiseantrag gestellt oder die »mehrmals mündlich-negative Äußerungen [...] gegen Mitglieder unserer Partei« gemacht hatten, vor und während der Parade besonders überwacht wurden.

Insgesamt war das MfS zwar mit der Lage im Wohngebiet zufrieden: »Bei den Anwohnern handelt es sich zum überwiegenden Teil um positiv eingestellte Personen, welche der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltungen aufgeschlossen gegenüberstehen und diese unterstützen.«

„Die Fotos zeigen vielmehr auch die Agonie in der sich das System in dieser Zeit schon befand“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Offensichtlich konnte man sich auf die Mehrheit der dort wohnenden Menschen verlassen, da die Wohnungen in den zehngeschossigen Neubaublöcken in den 1960er-Jahren vorwiegend politisch zuverlässigen Menschen zugeteilt worden waren. Doch vereinzelt lebten in den Häusern, die ursprünglich zu Vorzeigebauten der sozialistischen Wohnungsbaupolitik zählten, auch Personen, die nicht dem MfS-Ideal entsprachen. Bei der Kontrolle des Gebietes griff die Geheimpolizei auch auf Informationen über »Schwerpunkte der Reisetätigkeit« aus den vorangegangenen Monaten zurück. Damit waren Besuche westlicher Ausländer bei Einwohnern der betroffenen Wohnblöcke gemeint. Da die »Kontakte [...] verwandtschaftlichen Charakter« trugen, hielt das MfS diese Westbesuche jedoch für ungefährlich.

Der Ort für die Großdemonstrationen und Truppenparaden war dabei nicht zufällig gewählt. Mit der Errichtung von Wohnhäusern und Konsumeinrichtungen an der innerstädtischen Magistrale hatte man unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Die damals noch »Stalinallee« genannte Karl-Marx-Allee entwickelte sich zu einem städtebaulichen Vorzeigeprojekt, mit dem die Überlegenheit des Sozialismus demonstriert werden sollte. Dies galt auch für die in den 1960er-Jahren errichteten Wohnblöcke der dritten Bauphase, die als architektonische Zeugnisse zwar weniger bekannt sind als die »Arbeiterpaläste« aus dem Jahrzehnt davor. Doch als Staffage für Großdemonstrationen eigneten sie sich wohl besser, da solche oder ähnliche Häuser – anders als der »Zuckerbäckerstil« der 1950er-Jahre – in der DDR weit verbreitet waren und somit gleichsam die gesamte Republik »Kulisse« stand. Bei genauer Betrachtung dokumentieren die Aufnahmen, die Major Fröhner seiner »Vertraulichen Verschlusssache« beigab, nicht nur die Wohnungen potenzieller Gefahrenquellen. Wohl eher zufällig, möglicherweise aber auch, um den Kontext von »Störer«-Wohnung und Aufbauten zu zeigen, vielleicht aber auch als Legende für den Einsatz des Fotografen, fotografierte der MfS-Offizier ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Tribünen für die Zuschauer der Parade errichtet wurden. Auf einigen Aufnahmen der sieben Fotos umfassenden Serie sind vorbereitende Verkehrsabsperrungen zu sehen, auf anderen Gerüstbauer, die Metallstangen für die meterhohen Propagandaplakate montieren. Die zur Absicherung der Militärparade gedachten Aufnahmen lassen sich somit auch als Ausdruck der Agonie des SED-Herrschaftssystems lesen. Während vorn noch an den propagandistischen Durchhalteparolen gewerkelt wurde, begannen sich in der »Kulisse« bereits Menschen zu wehren und zumindest gedanklich gen Westen abzusetzen – so wie Tausende anderer DDR-Bürger, die in jenen Monaten über Ungarn und Polen in die Bundesrepublik flohen.

Auch wenn Major Fröhner die einige Monate alten Fotos bei den Vorbereitungen der zweiten Großparade des Jahres 1989 erneut einsetzen konnte, das System, das er mit seiner Geheimpolizeiarbeit schützen sollte, hatte sich in dieser kurzen Zeit weiter seinem Ende entgegenbewegt. Die Militärparade fand am 7. Oktober 1989 offenbar ohne Zwischenfälle statt. »An der Spalierstrecke zwischen Strausberger [Platz] und Alexanderplatz hatten sich traditionell Zehntausende Berliner und Besucher unserer Stadt eingefunden, um ihren Friedenswillen, wie ihn unser Staat und die Nationale Volksarmee verkörpern, zu bekunden«, meldete anschließend die Berliner Zeitung. Ein letztes Mal hatte das MfS den obersten Führungszirkel der DDR davor bewahren können, den Unmut der Bevölkerung zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Publikation zur Serie

Publikation

Verschluss-Sachen

Dokumente, Fotos und Objekte aus dem Archiv der Staatssicherheit

Eine Streichholzschachtel mit vermeintlichem Urangestein, ein Briefumschlag mit "Hetzbuchstaben", ein heimlich kopierter Wohnungsschlüssel - das sind unerwartete Fundstücke aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit.