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"Ich wurde zur Republikflucht ausgebildet"

Axel Mitbauer war 1969 aus der DDR "gekrault" - 25 Kilometer durch die Ostsee. In der Außenstelle Leipzig der Stasi-Unterlagen-Behörde berichtete er über seine Flucht und die Folgen.

Eigentlich stand ihm eine Karriere als DDR -Spitzensportler bevor. Schon mit 12 Jahren war Axel Mitbauer in den nationalen Schwimmkader der DDR aufgenommen worden und errang zwei DDR-Meistertitel über 400 Meter Freistil. Doch 1968 nahm er während eines Wettkampfes in Ungarn unerlaubt Kontakt zu einem westdeutschen Schwimmer und dessen Trainer auf und kam in Stasi-Gewahrsam. Nach siebenwöchiger Untersuchungshaft wurde er unter "Stasi-Aufsicht" entlassen und mit einem lebenslangen Start- und Sportstättenverbot belegt. Auch das Verbot eines Studiums war die Folge.

In seiner Verzweiflung reiste Mitbauer im August 1969 an die DDR-Ostseeküste. Um seine mitreisenden Beschatter abzuschütteln, sprang er bei Schwerin aus dem fahrenden Zug und versteckte sich auf einem Zeltplatz. Am 17. August 1969 stieg er mit Beginn der Dämmerung bei Boltenhagen in die Ostsee. Ohne Orts- und Wetterkenntnis schwamm er 25 km in Richtung Westen und orientierte sich dabei an den Sternen. Mitternacht erreichte er eine Leuchtboje in der Lübecker Bucht und wurde am Morgen von der Besatzung einer Fähre entdeckt.

Als "Sportverräter" bezeichneten ihn anschließend SED und Stasi und übten Druck auf seine seine Angehörigen aus. Seine Mutter verlor ihren Arbeitsplatz in der DDR, weil sie sich weigerte, eine Erklärung zu unterschreiben, nie einen Sohn besessen zu haben. Nach Mitbauers Flucht verschärfte die DDR-Geheimpolizei die Überwachung von Spitzensportlern, um Fluchtabsichten früh zu erkennen.

Im Rahmen der Ausstellung "ZOV Sportverräter", die noch bis zum 1. Juli 2012 in der Außenstelle Leipzig des BStU besichtigt werden kann, berichtete Axel Mitbauer am 14. Juni über seine abenteuerliche Flucht und die Folgen. Mit-Diskutant war der ehemalige DDR-Kanute, Dr. Siegwart Karbe, er ist heute Vizepräsident Breitensport vom Stadtsportbund Leipzig. Außerdem nahm Dr. Jutta Braun vom Zentrum deutsche Sportgeschichte e.V. an der Diskussion teil, sie ist die Kuratorin der Ausstellung "ZOV Sportverräter".

Diskutanten in der Leipziger Außenstelle des BStU (v.l.n.r.): Ausstellungskuratorin Jutta Braun, der ehemalige DDR-Kanute Siegwart Karbe, der Schwimmer Axel Mitbauer und Moderator Siegbert Schefke vom MDR.

Siegwart Karbe und Axel Mitbauer veranschaulichten den immensen Druck und die Repressionen im Leistungssport der DDR, die für beide Sportler zum Motiv wurden, über eine Flucht nachzudenken. Beide beschrieben es als zermarternde Entscheidungen, zu fliehen oder zu bleiben. Dr. Karbe entschied sich aus persönlichen Gründen für ein Bleiben in der DDR, Axel Mitbauer wagte die Flucht. Dazu entschlossen habe er sich, weil er aufgrund seines intensiven Langstreckentrainings genug Selbstvertrauen besaß, die mehr als 20 Kilometer lange Flucht-Strecke durch die Ostsee schwimmend zu überstehen. "Ich wurde zur Republikflucht ausgebildet", merkte Mitbauer ironisch an.

Bedrückend wirkten Schilderungen der Ausstellungs-Kuratorin Braun, die vom mühsamen Prozess berichtete, weitere Sportler, denen eine Flucht aus der DDR gelang, für eine Mitarbeit an der Ausstellung zu gewinnen. Aus Angst vor Nachwirkungen auf ihr Leben in der Gegenwart hätten viele der Angefragten abgesagt.

Weiterführende Informationen

In der Mediathek: Übergreifender Bericht über Republikfluchten nach dem Mauerbau

Der Bau der Mauer am 13. August 1961 verringerte die Republikfluchten zunächst nur bedingt. In den Monaten August und September gab es im Sperrsystem noch erhebliche Lücken. Der vorliegende Bericht vom Januar 1962 dokumentiert diese Entwicklungen bis zum Ende des Jahres 1961. Er zeigt auch, dass die steigende Anzahl an Fahnenfluchten nach dem 13. August zu einem ernsthaften Problem wurde. 

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen