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Erkennungsdienstliche Fotos

Irokese und Sicherheitsnadel

Die Möglichkeiten in der DDR gegen das bestehende Gesellschaftssystem zu opponieren, waren sehr gering. Meist wurden solche Bestrebungen im privaten, anonymen Raum konspirativ geplant bzw. bekundet. Nur selten wurde die Ablehnung der gesellschaftlichen Verhältnisse offen und direkt gezeigt. Mit einer Ausnahme: den Punks.

Und so musste diese aus England stammende Subkultur von den SED-Herrschern als absolute Provokation betrachtet werden. Das auffallende Äußere, die ablehnende Haltung gegenüber jeder Obrigkeit und das offen ausgelegte Freiheitsgefühl der Punks machte diese bald zum Angriffspunkt für das MfS.

Über die Kollision dieser in den achtziger Jahren in der DDR entstehenden Jugendbewegung mit dem Konformitätszwang des SED -Staates berichtete auf Einladung der BStU-Chemnitz die Historikerin Dr. Wiebke Janssen, sie lehrt im Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Halle. Im voll besetzten Alten Heizhaus der TU Chemnitz sprachen die Ex-Punkerin Kim Pickenhain, der Pfarrer Stephan Brenner, der ehemalige Superintendent Christoph Magirius und der Historiker Dr. Peter Wurschi (Stiftung Ettersberg) über ihre Erlebnisse innerhalb und mit der damaligen Karl-Marx-Städter Punk-Szene.

Das erste große DDR Punktreffen

Die Szene erlangte landesweite Aufmerksamkeit durch ein Punkkonzert am 11. Juni 1983 im Rahmen eines kirchlichen Jugendtreffens in der Karl-Marx-Städter St. Michaeliskirche. Hieran nahmen über 200 junge Menschen teil. Der damalige Pfarrer der Gemeinde, Stephan Brenner, betonte in diesem Zusammenhang, dass jene Freiräume für "nicht-konforme" Jugendliche rar gesät waren. Selbst unter dem Dach der Kirche fanden Punks nicht überall einen Raum, um sich in der DDR verwirklichen zu können. Spätestens durch das Konzert gerieten die Punks in Karl-Marx-Stadt ins Visier der Staatssicherheit. Allen voran: Kim Pickenhain.

Sie wurde von der Geheimpolizei als "Extrem-Punkerin" wahrgenommen und als Anführerin der Punkszene in Karl-Marx-Stadt identifiziert.

Operativer Vorgang "Park"

So soll Kim Pickenhain entscheidenden Einfluss auf dieses Gruppe "negativ-denkender Jugendlicher" gehabt haben. Fortan wurde die junge Frau von der Stasi massiv bespitzelt, schikaniert und kriminalisiert. Die Staatssicherheit dokumentierte diese Aktionen im Operativen Vorgang "Park".

Für die SED und ihre Geheimpolizei stellten die Punks eine ungeheure Provokation dar. Sie wurden als "Rowdys" und "Asoziale" bezeichnet. Zwar gab es weitere jugendliche Subkulturen mit eigenen Dresscodes, Musikrichtungen und Verhaltensweisen wie beispielsweise die Anhänger des Heavy Metal, die Gruftis oder auch Skinheads. Letztere wurden vom DDR-System im Gegensatz zu den Punks geduldet, da sie als diszipliniert und fleißige Arbeiter galten. Bei der Punkerin Kim Pickenhain sah die Stasi es ganz anders.

Im OV "Park" plante sie die zielgerichtete Zersetzung der vermeintlich von ihr geführten Punk-Szene in Karl-Marx-Stadt. Der Maßnahmekatalog der Stasi reichte von der bloßen Überwachung der Szene über die Unterwanderung durch MfS-Spitzel (IM), bis hin zum Spinnen von Intrigen und der Verbreitung von Missgunst und Misstrauen innerhalb der Punkgruppe.

In der Stasi-Mediathek

Punks, Skinheads, Popper: Aus Erfahrungsberichten von Inoffiziellen Mitarbeitern stellte die Stasieine Übersicht zu Merkmalen von verschiedenen Jugendkulturen in der DDR zusammen.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Abschiebung in den Westen als Problemlösung für die Stasi

Punkerin Kim Pickenhain konnte sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen der DDR nicht verwirklichen. Obwohl sie und ihre Freunde nur auffallen, anders und eigen sein wollten, wurde die Punk-Szene durch das MfS politisiert. Daher stellte sie einen Antrag auf Übersiedlung nach West-Berlin. Doch jenes Anliegen wurde ihr zunächst verwehrt. Bis sie im Juni 1985 plötzlich die DDR verlassen musste. Ihre Abschiebung in den Westen war aus Sicht der Herrschenden "die beste Lösung" gewesen, erinnert sich Kim während des Gesprächs mit dem Chemnitzer Publikum: "Die Stasi dachte ja, wenn sie mich los wird, dann ist sie das Punk-Problem los".

Unvergesslich bleibt Kim Pickenhain der Tag, an dem sie beim BStU Einsicht in ihre Stasi-Akte und die Unterlagen des OV "Park" nehmen konnte. Erschreckend sei es gewesen, zu erfahren, welche Maßnahmen gegen sie und ihre Freunde ergriffen wurden. Noch schlimmer aber war es zu erfahren, dass einige jener Freunde gemeinsame Sache mit dem MfS gemacht und diesem zugearbeitet hatten. Allerdings ist sie im Nachhinein froh darüber, den Schritt der Akteneinsicht gegangen zu sein.

Exemplarisch stehen die Punkerin Kim Pickenhain und der OV “Park“ für den repressiven Umgang mit den Andersdenkenden und den anders Aussehenden in der DDR. Das dieses Thema spannungsgeladen ist, zeigten die zahlreichen Wortmeldungen der 140 Gäste und der große Diskussionsbedarf über das Veranstaltungsende hinaus.

Weitere Informationen

Im Frühjahr 1989 filmte die Stasi im Umfeld eines Punkkonzertes in der Berliner Erlöserkirche.

Die in den 1980er Jahren aufkommende Jugendsubkultur der Punks fand auch in der DDR Anhänger. Sich auf diese Weise der Bevormundung durch Staat und Gesellschaft zu entziehen, war in Ostdeutschland jedoch besonders unerwünscht. Einen gewissen Schutzraum und Versammlungsort bot da die Kirche, die größte unabhängige Einrichtung in der DDR.