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'Plan der Verteidigung' für den Bereich rund um das Tor Ruschestraße am 'Dienstobjekt Berlin-Lichtenberg', der Stasi-Zentrale, vom 4.April 1986

"Kontrollkennwort: Raketenstart"

Was tun, wenn der Klassenfeind kommt? Wie jedes "bewaffnete Organ" der DDR auch hatte die Stasi verschiedene Pläne für den Kriegsfall in der Schublade – vom Rückzug in unterirdische Bunker bis zur Verteidigung im Straßenkampf.

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Wäre der Kalte Krieg heiß geworden, hätte das Ministerium für Staatssicherheit alles daran gesetzt, weiter einsatzfähig zu bleiben. Denn auch im Kriegsfall wäre der Stasi eine wichtige Rolle in der DDR zugekommen. Dazu hätten die Aufklärung des Gegners genauso gehört wie die Einrichtung und der Betrieb von Isolierungslagern für Ausländer und "politisch unzuverlässige" Personen.

Eine wichtige Grundlage für die Planungen des MfS für den Ernstfall war die Direktive 1/67 des Ministers für Staatssicherheit aus dem Jahr 1967. Darin legte Erich Mielke neben den wichtigsten Aufgaben der Geheimpolizei auch fest, wie das Ministerium unter "komplizierten Lagebedingungen" zu arbeiten habe. So sollten die Dienststellen auf Ausweichquartiere im Umland Berlins ausweichen und dezentral untergebracht werden. Außerdem fordert das Papier die Einrichtung von "Operativen Ausweichführungsstellen" in Schutzbauten. Aus diesen speziell ausgestatteten Bunkern sollte es den Offizieren des MfS möglich sein, auch nach einem Atomschlag ihre Aufgaben weiterzuführen.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

"Schutzbauwerke" für den Ernstfall

Wie im Westen auch sollten in der Folge in Neubauten stets auch "Schutzbauwerke" mit vorgesehen werden. Die in den in den 70er Jahren in der Stasi-Zentrale neu errichteten Bürogebäude zum Beispiel hatten jedoch lediglich verstärkte Kellergeschosse als "Trümmer- und Strahlenschutzräume". Hier gab es zwar verstärkte Wände, Trockentoiletten, gasdichte Türen und eine eigenständige Wasserversorgung. Bunker im eigentlichen Sinne waren diese Räume jedoch nicht, und schon gar keine Befehlsstände für Krise oder Krieg.

Ab 1974 begannen deshalb die Planungen für einen Stasi-Bunker bei Biesenthal im Norden von Berlin. Dieses "Objekt 17/5005" sollte auf über eintausend Quadratmetern Nachrichtentechnik, Arbeitsräume für Stasi-Offiziere und einen modern eingerichteten Lageraum für Besprechungen des Ministers mit seinem Stab bereithalten. Das Projekt konkurrierte jedoch mit anderen Bunkerbauten für die Staatsführung der DDR und hatte früh mit Verzögerungen zu kämpfen.

Ein Bunker für die Stasi-Zentrale

Daher lag es nahe, eine zusätzliche "Ausweichführungsstelle" direkt in der Stasi-Zentrale einzurichten. Nach längerer Suche nach einem Standort beschloss man 1979, einen Bunker in den Neubau eines Archivgebäudes zu integrieren, in dem die Unterlagen der Stasi untergebracht werden sollten. Der nördliche Teil des Kellers des späteren "Haus 9" erhielt ein weiteres Untergeschoss, der Standort für den Bunker war gefunden.

Doch auch dieser Bau war problematisch, es kam immer wieder zu Verzögerungen. Erst Ende 1984 konnte das Archivgebäude fertiggestellt werden. Darunter, im Bunker, gingen die Arbeiten jedoch weiter, und das wohl immer langsamer. Denn offenbar genoss der Bau ab Mitte der 80er Jahre immer weniger Priorität. Das dürfte zum Einen mit der nachlassenden Leistungsfähigkeit der DDR-Volkswirtschaft zu tun haben, was auch im MfS zu Sparmaßnahmen führte. Zum Anderen hatten andere Bunkerbauten in der für die Ausführung des Bunkers in der Stasi-Zentrale zuständigen Abteilung AGM/B mittlerweile größere Bedeutung, so wie vermutlich auch der Bunker in Biesenthal, der sich zwischenzeitlich ebenfalls seiner Fertigstellung näherte.

Am Ende sollte der Bunker in der Stasi-Zentrale zum 40. Jahrestag des MfS fertig werden. Der wäre am 8. Februar 1990 gewesen. Dazu kam es nicht mehr.

Pläne für den Häuserkampf

Ohnehin vollzog sich 1987 ein Strategiewechsel im Ostblock und in der DDR, der Bunkerbauten immer weniger Bedeutung zukommen ließ. Der Nationale Verteidigungsrat und mit ihm die Stasi legte seinen Planungen nun weniger das Szenario eines atomaren Showdowns zugrunde. Den Gegner erwartete man nun viel näher: Auf den Straßen, im Häuserkampf in den Großstädten.

Über den Anlass für diesen Strategiewechsel lässt sich nur spekulieren: So war es in den Beziehungen der Supermächte USA und Sowjetunion Ende der 80er Jahre zu einer zunehmenden Entspannung gekommen, was einen nuklearen Angriff aus dem Westen weniger wahrscheinlich machte. Gleichzeitig gärte es in den Gesellschaften des Ostblocks angesichts der Mangelwirtschaft nun spürbar.

In jedem Fall legte Minister Mielke nun fest, dass "die Diensteinheiten […] aus ihren eigentlichen Dienstobjekten [heraus] handeln müssen.“ Die Stasi-Zentrale sollte sich zu einer mit militärischen Mitteln verteidigten Festung vewandeln. Die Planungen sahen vor, dass die Außenfassaden und Dächer der mit Maschinengewehrnestern auszustatten waren, von denen aus die umliegenden Straßen unter Feuer genommen werden konnten. Die Häuser und Stellungen sollten, "hartnäckig und unnachgiebig" verteidigt werden.

Die 'Skizze zum Kräfteeinsatz' am Tor zur Ruschestraße der Stasi-Zentrale zeigt, wie massiv die Verteidiger ihre Stellung ausbauen wollten

Militärisch verteidigte Festung

Konkrete Planungen, die in den Stasi-Unterlagen überliefert sind, zeigen das Ausmaß der Bewaffnung. Allein rund um das Tor an der Ruschestraße und in dessen Vorfeld sollten acht leichte und schwere Maschinengewehre sowie vier leichte Panzerbüchsen zur Abwehr gepanzerter Fahrzeuge postiert sein. An die zur Verteidigung abgestellten Stasi-Mitarbeiter waren Handgranaten auszugeben. Am Tor selbst sollte ein Spähpanzer vom Typ PSH postiert werden.

Als "Sperr – und Einsatzmittel" standen der Berliner Zentrale außerdem unter anderem 6.800 Sandsäcke, 31 Stacheldrahtrollen und 38 Straßensperrgitter zur Verfügung. Hinzu kamen umfangreiche Mittel zum Abschuss von Reizgas, um Menschenmengen auseinanderzutreiben.

Der Befehl zur "Herstellung der vollen Einsatzbereitschaft" lag jederzeit in versiegelten Umschlägen mit regelmäßig wechselnden Kontrollkennworten in der Schublade. Im Ernstfall hätte es genügt, das Kennwort zu übermitteln, und die Stasi-Mitarbeiter hätten ihre Verteidigungsstellungen bezogen.

In einem versiegelten Umschlag hinterlegter Befehl zur Herstellung der vollen Einsatzbereitschaft von 1989

Ende ohne Gewalt

Am Ende waren alle Vorkehrungen für den Ernstfall umsonst. Der nukleare Schlagabtausch zwischen den Supermächten war ausgeblieben, die Bunkerbauten waren nie benötigt worden. Und auch die Pläne für den Häuserkampf blieben Theorie, der Befehl zur Verteidigung erging nicht. Als die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 von Bürgerinnen und Bürgern der DDR in Besitz genommen wurde, hatte die Geheimpolizei jeden Gedanken an gewaltsamen Widerstand bereits aufgegeben.

Am 15. Januar 1990 versammelten sich einige tausend Demonstranten vor der Stasi-Zentrale in Berlin Lichtenberg. Christian Halbrock, Historiker beim BStU und damals Zeitzeuge, schildert die Ereignisse dieses Tages.

Publikationen zur Stasi-Zentrale

Publikation

Mielkes Revier

Stadtraum und Alltag rund um die MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg

Die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg bildete bis 1989 eine hermetisch abgeschottete Stadt in der Stadt. Bis zu 7 000 Geheimpolizeimitarbeiter gingen in dieser misstrauisch bewachten Sperrzone ein und aus.

Publikation

Stasi-Stadt

Die MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg - Ein historischer Rundgang

Die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg war bis 1989 ein geheimnisumwitterter Ort. Der knapp zwei Quadratkilometer große Komplex zerschnitt ein historisch gewachsenes Wohngebiet und war hermetisch abgeriegelt.