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Regale im Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin

Lehrstoff "staatsfeindliche Gruppen"

Ist die Rede vom Universitätskomplex Potsdam-Golm, dann verbindet die junge Studentengeneration damit überwiegend den Campus der Universität Potsdam. Dass auf diesem Gelände zu DDR-Zeiten die Stasi ihre zentrale Bildungs- und Forschungsstätte, die sogenannte Juristische Hochschule (JHS) beherbergte, ist insbesondere den heute Heranwachsenden oft nicht bekannt.

Die Uni Potsdam informiert in einer Wanderausstellung über den Einfluss des MfS auf Lehre und Forschung und erhellt, was hinter den Kulissen der Potsdamer Hochschule geschah, ihr Titel: "Der Standort Potsdam-Golm 1935-1991“. Die Außenstelle des BStU in Chemnitz und das Universitätsarchiv der Technischen Universität Chemnitz hatten die Ausstellung bis Ende Februar gezeigt.

Vielen ist die Universität aus dem Kinofilms "Das Leben der Anderen" bekannt. Die Anfangsszene zeigt Ulrich Mühe als MfS-Hauptmann, der an der Juristischen Hochschule des MfS über Verhörmethoden doziert.

Lehrmaterial aus der Stasi-Hochschule Potsdam, das es an keiner anderen Uni gab

Die Juristische Hochschule des MfS

Die Existenz der MfS-eigenen Schule unterlag strengster Geheimhaltung. Eine Auflistung der 1951 gegründeten Einrichtung im offiziellen Hochschulverzeichnis der DDR blieb folgerichtig aus. Obwohl der Name "Juristische Hochschule" die Vermittlung juristischer Lehrinhalte vermuten lässt, hatte der Lernstoff wenig mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.

Das Studium an der JHS gliederte sich in verschiedene Lehrgebiete. Unter anderem sollte der Stasi-Nachwuchs eine "marxistisch-leninistische Grundlagenbildung" erfahren und "politisch-operative Spezialdisziplinen" erlernen. Dazu kamen noch militärische Ausbildung und Sport. Nach erfolgreichem Studium durften die Absolventen den akademischen Titel "Diplom-Jurist" führen. Um der allgemeinen Hochschulordnung der DDR partiell gerecht zu werden, erhielten die ursprünglichen Prüfungsgebiete Tarnbezeichnungen. Eine Prüfung im Fach "Bearbeitung operativer Vorgänge" wurde beispielsweise etikettiert mit "System der Rechtspflege der DDR".

Der Einfluss der Partei auf den Wissenschaftsbetrieb

Der Einfluss der Stasi auf den wissenschaftlichen Betrieb an den Hochschulen der DDR ist bislang kaum erforscht, auch nicht an der ehemaligen Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt. Auf diese Forschungslücke wies bei einer Podiumsdsikussion der Leiter des Universitätsarchives der TU Chemnitz Stephan Luther hin. Seine bisherigen Recherchen beim BStU ergaben, dass es eine Fülle einschlägiger MfS-Unterlagen gibt. Bisher aber habe sich kaum jemand für das Zusammenspiel von Staatssicherheit und Partei interessiert.

Welchen Einfluss die SED auf die Berufsbiographien von Wissenschaftlern haben konnte, schilderten aus eigenem Erleben die Wissenschaftler Dr. Werner Abel und Dr. Paul-Willy Heilmann. Beide waren an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt tätig. Und beide büßten ihre wissenschaftliche Karriere in der DDR nach einem politisch motivierten Parteiausschlussverfahren ein.

"Der Parteiprozess war für mich tödlicher als die Stasi-Methoden"

Dr. Werner Abel, ab 1972 Mitglied der Sektion Marxismus-Leninismus der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, musste schmerzlich erfahren, was die eigene Meinung im wissenschaftlichen Diskurs mit sich bringen konnte. Von der Überzeugung geprägt, die Wissenschaft böte eine gute Basis, um Probleme offen ansprechen zu können, wurde er für Stasi und SED zum "Staatsfeind". Schnell wurde aus einer Operativen Personenkontrolle (OPK) ein Operativer Vorgang (OV). Sein Vergehen: eine öffentliche Stellungnahme zur Biermann-Affäre. Es folgten eine konspirative Wohnungsdurchsuchung, die Beschlagnahmung seiner Privat-Bibliothek sowie im Januar 1980 schließlich die Festnahme.

Siegfried Lorenz, erster Sekretär der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, forderte für Abel die "härtesten Strafen". Gemäß Strafgesetzbuch der DDR wurde Dr. Abel der "staatsfeindlichen Hetze" nach Paragraph 106 des DDR-Strafgesetzbuchs bezichtigt. Auf dem Fuße folgten die Ausschlüsse aus Partei und Hochschule. "Das ausgesprochene Berufsverbot und dessen Folgen kosteten mich zehn Jahre meiner wissenschaftlichen Arbeit", so Abel. Der Paragraph 106 hatte folgenden Wortlaut: "Wer mit dem Ziel, die sozialistische Staats- oder Gesellschaftsordnung der Deutschen Demokratischen Republik zu schädigen oder gegen sie aufzuwiegeln, Schriften, Gegenstände oder Symbole, die die staatlichen, politischen, ökonomischen oder anderen gesellschaftlichen Verhältnisse der Deutschen Demokratischen Republik diskriminieren, einführt, herstellt, verbreitet oder anbringt wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft."

In diesem Zusammenhang fügte Abel hinzu, dass es in der DDR keine Diskurs-Ethik an den wissenschaftlichen Einrichtungen gegeben habe. Die Dogmen der Einheitspartei seien die rote Linie gewesen, die es nicht zu überschreiten galt, auch wenn wissenschaftliche Befunde dies erfordert hätten. Dr. Heilmann, der ebenfalls seine wissenschaftliche Karriere zu Beginn der 1980er Jahre unterbrechen musste, fasste seine Erfahrungen zusammen und resümierte: "Uns zum Verhängnis wurde, dass wir Kritik am System übten und bereits zehn Jahre vor der Wende die Notwendigkeit der Veränderung sahen."

Besonders die anwesenden Studenten beteiligten sich an diesem Abend rege an der sich anschließenden Diskussion. Im Fokus stand die Frage nach dem Einfluss von Partei und MfS auf den Alltag der damaligen Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt – und wie wenig bislang darüber geforscht worden ist.

Beispiel einer Arbeit der Juristischen Hochschule des MfS

Anforderungen und Wege der weiteren Qualifizierung der Arbeit mit Führungs-IM

Das Dokument ist eine Forschungsarbeit (über 350 Seiten) zum Umgang mit Führungs-IM. Diese Inoffiziellen Mitarbeiter sollten andere IM und andere Zuträger der Stasi führen, und die hauptamtlichen Mitarbeiter so entlasten. Die Autoren, alle mit einem Doktorgrad für Rechtswissenschaften der JHS ausgestattet, befassen sich mit allen Aspekten der Arbeit mit Führungs-IM. Ihre Untersuchungen und Empfehlungen reichen von der Gewinnung geeigneter Personen für diese Aufgabe bis hin zu Sozialleistungen und Motivationsmöglichkeiten für hauptamtliche IM in dieser Funktion.

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