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Misstrauen hinter Gittern

Jeder 20. Häftling in DDR-Haftanstalten war im Jahr 1989 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit verpflichtet. Die Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei ist unter den repressiven Bedingungen der Haft anders zu werten, als die in Freiheit. Besondere Umstände galten sowohl für die Anwerbung von Häftlings-IM als auch für die Auswirkungen ihrer Berichte. Je nach Inhalt konnten diese zur Verlängerung der Haft oder sogar zur erneuten Verurteilung von Mithäftlingen führen.

Spitzel, die aus eigenem Antrieb spionierten, wurden von den Betroffenen als "Zinker" bezeichnet und von der Staatssicherheit als IM geführt. Wer dagegen mit einem Spitzelauftrag versehen von einer Zelle in die nächste verlegt wurde, hieß im Häftlingsjargon "Zellenrutscher" und wurde vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als "Zelleninformator" (ZI) bezeichnet. Sie kamen hauptsächlich in den Untersuchungshaftanstalten zum Einsatz.

Häftlings-IM wurden sorgfältig ausgewählt. Sie mussten u.a. über eine hohen Bildungsgrad und Kontaktfreude verfügen sowie vielfältig einsetzbar sein. Politische Häftlinge waren als Spitzel begehrt, ließen sich aber schwerer anwerben. Häftlinge, die nicht aus politischen Gründen inhaftiert waren, spitzelten oftmals bereitwilliger, bekamen aber schwerer Anschluss an die politischen Gefangenen.

Die IM berichteten über alles, was für die Stasi von Interesse sein konnte. Welche Mitgefangenen planten Ausbrüche, wer betrieb ein Ausreiseersuchen, wer hielt auf welche Art Verbindungen nach draußen? Planten einige Insassen gemeinsame Aktionen wie einen Hungerstreik? Darüber hinaus informierten die Spitzel über eventuelle "Sabotageakte", beispielsweise absichtliches langsames Arbeiten.

Zellengang in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Gera.
Inhaftierte Person im Zellenhaus.

In den Strafvollzugsanstalten war Gemeinschaftsunterbringung die Regel. Deshalb reichten wenige Spitzel unter den Gefangenen aus, um alle unter Kontrolle zu halten. Allerdings wäre es zu auffällig gewesen, schriftliche Berichte offen in den Zellen zu verfassen. Aus diesem Grund berichteten die Häftlings-IM meist mündlich. Das war notwendig, weil innerhalb der Haftanstalten eine Atmosphäre des Misstrauens herrschte.

Häftlinge, die mit dem MfS zusammenarbeiteten, versprachen sich persönliche Vorteile von einer Kooperation. Meist spekulierten sie auf einen Strafnachlass. Das Anbieten eines solchen "Strafrabatts" war den Mitarbeitern der Staatssicherheit eigentlich per Dienstanweisung verboten. Oft ließen sie diese Vergünstigung in einem Gespräch trotzdem anklingen, um den Kandidaten einen Anreiz zu geben. Tatsächlich wurden diese dann keineswegs alle vorzeitig entlassen. Denn die Staatssicherheit war daran interessiert, einen gut arbeitenden IM so lange wie möglich hinter Gittern zu belassen.

Stasi-Mitarbeiter konnten außerdem Arreststrafen, die Aufseher gegen Gefangene ausgesprochen hatten, wieder aufheben. Anreize lagen außerdem in vergleichsweise bescheidenen materiellen Vorteilen, wie einem Päckchen Tee.

Die Hauptverantwortung für die Überwachung der Gefangenen trugen jedoch die Aufseher der Volkspolizei. Sie nahmen repressive Funktionen im Strafvollzug wahr. Als Spitzel waren sie zudem begehrter als die Häftlinge, weil sie sowohl über die Gefangenen als auch ihre Kollegen berichten konnten und meist zur Zusammenarbeit bereit waren. Sie bewachten und kontrollierten die Häftlinge und ließen sich auch einige Übergriffe zu Schulden kommen.

Hinzu kamen eine Reihe Hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS, die in den Haftanstalten arbeiteten. Sie führten vor Ort Gefangene und Aufseher als IM. Psychologisch gut geschult, verstanden sie es, Häftlinge für ihre Zwecke anzuwerben. So boten sie sich als Ansprechpartner an und forderten die Gefangenen bei der Kontaktaufnahme auf, zunächst Aufseher zu denunzieren. Für die Gefangenen war es auch schwer, sich dem Druck der Stasi zu entziehen.

Die Geheimpolizei setzte die "operative Bearbeitung" einzelner Häftlinge auch nach dem Urteilsspruch in den Strafvollzugsanstalten fort. Die Häftlings-IM waren dabei ein unentbehrliches Mittel, um Gerüchte zu streuen oder bestimmte Gefangene gezielt zu diskreditieren.

Das Thema "Inoffizielle Mitarbeiter im DDR-Strafvollzug" thematisierte die Außenstelle Gera in einem Vortrag und einem Gespräch mit dem Wissenschaftlichen Mitarbeiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Dr. Tobias Wunschik.

Weiterführende Informationen

  • Publikation: Die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Rostock. Ermittlungsverfahren, Zelleninformatoren und Haftbedingungen in der Ära Honecker