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Unterlagen und aufgefundene Kärtchen mit Schmährufen auf den BFC Dynamo Berlin.

"Schild und Schwert" des BFC Dynamo

"Ha Ho He Scheiss BFC" oder "1FC Union Berlin / Scheiss BFC" heißt es auf acht kleinen Kärtchen, gefunden in Berlin-Friedrichshain am 9. Dezember 1979. Jeder Fußballfan in der DDR wusste, dass der BFC Dynamo Berlin das sportliche Aushängeschild des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war. Die Stasi verpackte die Kärtchen sorgfältig, legte in einer Akte ab und archivierte sie.

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Video zum Fundstück

Nur wenig größer als Visitenkarten sind die acht kleinen Kärtchen aus hellbraunem Karton, die – vom bearbeitenden MfS-Mitarbeiter sorgfältig in einem halbierten Briefumschlag verpackt – in einer Akte der Abteilung XX der BV Berlin liegen. 160 Fußspuren deuten darauf hin, dass sie einstmals auf der Straße gelegen haben müssen.

Ein wenig Aufschluss über die archivierten Kärtchen gibt das beiliegende Begleitschreiben der KD Friedrichshain. Der bearbeitende MfS-Leutnant berichtet darin, dass die Zettel am 9. Dezember 1979 gegen 21.45 Uhr durch einen inoffiziellen Mitarbeiter seiner Diensteinheit an der Gürtelstraße/Ecke Scharnweberstraße in Berlin-Friedrichshain gefunden worden seien. "Zwecks Schriftprobe und Einspeicherung" sandte die KD die Kärtchen am Tag darauf an die für die Überwachung der Opposition zuständige Abteilung der BV Berlin.

Den Grund für das Interesse der Staatssicherheit an den schmutzigen Papierdokumenten musste der MfS-Leutnant in seinem Begleitschreiben den vorge-setzten Kollegen der BV nicht näher erklären: "Auf den Zetteln", so heißt es in seinem Bericht schlicht, "befinden sich Aufdrücke, die sich gegen den BFC Dynamo richten."

„Für die Stasi waren Proteste gegen Dynamo Berlin hochbrisant, und jegliche Kritik an Dynamo wurde als Kritik am MfS verstanden.“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Hass auf den "Stasi-Verein"

Jeder MfS-Mitarbeiter und vermutlich auch jeder Fußballfan in der DDR wusste, was dies bedeutete: Der BFC Dynamo Berlin war das sportliche Aushängeschild des MfS. Die Geheimpolizei unterstützte den Verein "personell, organisatorisch und finanziell", 96 Prozent der fördernden Mitglieder gehörten dem MfS an. Der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke, der sich selbst gern als Fußballfan inszenierte, fungierte jahrzehntelang als Vorsitzender des Vereins und ließ sich nach gewonnenen Meisterschaften auch persönlich feiern und mit entsprechenden Medaillen ehren.

Nicht nur wegen der absoluten Dominanz des Vereins in der DDR-Oberliga war der BFC Dynamo bei den meisten Fans anderer Fußballvereine verhasst. Auch eine Einflussnahme der Staatssicherheit auf die Schiedsrichter vermuteten viele und brachten deshalb offenkundige Fehlentscheidungen mit der Staatssicherheit in Verbindung. Insbesondere die Konkurrenz der beiden wichtigsten Ost-Berliner Fußballclubs, des BFC Dynamo und des 1. FC Union Berlin, schürte den Hass auf den "Stasi-Verein" – eben den "Scheiss BFC", wie es der unbekannte Urheber der Kärtchen formulierte.

Die Konkurrenz der beiden Vereine wurde auch dadurch befeuert, dass viele Anhänger des 1. FC Union sich und ihren Club als eigensinnig und unangepasst verstanden, ein Image, das allerdings nicht mit tatsächlichem Widerstand verwechselt werden darf. Auch verfügten die Union-Fans über eine breite und gut vernetzte Basis, der das MfS vor allem im Zuge der gewalttätigen Ausschreitungen im DDR-Fußball in den 1980er-Jahren besonders misstrauisch gegenüberstand.

Der Zeitpunkt des Kärtchen-Fundes durch den IM war wenig überraschend. Am 9. Dezember 1979, also wenige Stunden zuvor, hatte der BFC im Stadtderby den 1. FC Union mit 2:0 besiegt. Erneut hatte der MfS-Verein vor 20.000 Zuschauern im Stadion der Weltjugend seine Überlegenheit demonstrieren können. "Der Kontrahent wurde größtenteils klar beherrscht", urteilte BFC-Trainer Jürgen Bogs nach dem Spiel. Sein Kollege Heinz Werner vom 1. FC Union wirkte trotz des Misserfolgs recht zufrieden, da die Niederlage nicht so hoch wie in den vorangegangenen Derbys ausgefallen sei und seine Mannschaft "eine geschlossene Mannschaftsleistung" geboten habe. Am Ende der Saison konnte Minister Erich Mielke erneut die Meisterschaft seines Vereins feiern (wie in den darauffolgenden acht Jahren auch), während der 1. FC Union in die DDR-Liga absteigen musste.

Wie ein Angriff auf die Stasi selbst

Der Umgang des MfS mit den Kärtchen, die der Union-Anhänger auf dem Weg vom oder zum Stadion verstreut haben dürfte, mutet auf den ersten Blick recht absurd an. Doch verbergen sich dahinter wesentliche Merkmale der Vorgehensweise und des Selbstverständnisses der DDR-Geheimpolizei. Das MfS wertete eine derartige, zudem auch anonym vorgebrachte Kritik an "seinem" Verein als Angriff eines Feindes auf das "Schild und Schwert der Partei". Der Fundort befand sich nur wenige hundert Meter südwestlich der MfS-Zentrale an der Normannenstraße und innerhalb eines Wohngebietes von zahlreichen MfS-Mitarbeitern, was die Staatssicherheit in ihrer Einschätzung bestärkt haben dürfte.

Eine intensivere Ermittlung zu den Kärtchen scheint es allerdings nicht gegeben zu haben. Offensichtlich ging es eher darum, die Schrift in der "Tatschriftensammlung" der Abteilung XX zu überprüfen und die Materialproben verfügbar zu halten, um notfalls darauf zurückgreifen zu können. Hätten beispielsweise schon ähnliche Beweisstücke vorgelegen oder wären noch weitere dazugekommen, bei denen der Urheber – wie hier vermutlich – einen Kinder-Stempelkasten benutzt hatte, wäre ihm das MfS vielleicht doch noch auf die Spur gekommen.

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Verschluss-Sachen

Eine Streichholzschachtel mit vermeintlichem Urangestein, ein Briefumschlag mit "Hetzbuchstaben", ein heimlich kopierter Wohnungsschlüssel - das sind unerwartete Fundstücke aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit.