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Siemens-Großrechner des MfS Anfang der 70er Jahre

SIRA - System der Informationsrecherche der HV A

Ende 1998 gelang es dem Stasi-Unterlagen-Archiv, die verschiedenen Puzzleteile der Datenbank "SIRA" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zusammenzufügen.

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Zu den Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Stasi-Unterlagen-Archiv gehörten auch einige wenige Datenträger der HV A, der Auslandsspionage der Stasi, die Anfang 1990 aufgelöst wurde. Ende 1998 gelang es einem Mitarbeiter des Stasi-Unterlagen-Archivs, die verschiedenen Puzzleteile der zerstörten Datenbank "SIRA" des MfS zusammenzufügen. Damit wurde ein Zugang zu den Daten der SIRA-Teildatenbanken wieder möglich.

Die somit eröffneten Recherchemöglichkeiten lassen recht genaue Aussagen über die Tätigkeit des Spionageapparats der HV A zu. Auf Grundlage des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) können seither Nutzerinnen und Nutzer auch Informationen aus den elektronischen Datenbanken der Spionageabteilung des MfS einsehen. Der Name der Datenbank SIRA steht für "System der Informationsrecherche der HV A".

In den SIRA-Teildatenbanken 11 bis 14 verzeichnete die HV A dabei  im Wesentlichen alle Informationen, die sie im Rahmen ihrer Spionagetätigkeit weltweit beschaffte. So lässt sich heute mit Hilfe dieser Datenbanken recht einfach feststellen, welches geheime NATO-Dokument oder welche politische Insiderinformation aus Bonn zu welchem Zeitpunkt der HV A vorlag. Da die Informationen, wie in der Schule, mit Noten von 1 bis 5 bewertet wurden, kann man außerdem erkennen, welchen Wert die HV A einer Information beigemessen hatte.

Bei jedem Informationseintrag sind die Registriernummer und der Deckname des Agenten (IM) angegeben, der die Information beschafft hat. Dies ermöglicht beispielsweise eine quantitative Auswertung aus Sicht des Systems der HV A darüber, welcher Spion besonders viele oder besonders wertvolle Informationen lieferte.

Die Angaben in der SIRA-Teildatenbank 21 ermöglichen Aussagen über die Anzahl der Agenten, die die HV A zu einem bestimmten Zeitpunkt führte. Es fehlen allerdings Angaben darüber, bei welchem Agenten es sich um einen West-IM und bei welchem um einen DDR-IM handelte.

 

Die Arbeit des MfS mit SIRA - Informationsauswertung

Die Auswertung von Informationen war ein zentraler Bestandteil der Arbeit der HV A. Die Abteilungen V, VII, VI/B/3 und IX/C der HV A hießen im Sprachgebrauch des MfS auch "informationsauswertende Diensteinheiten", kurz "IADE". Weil diese vier Abteilungen mit der Auswertung von Informationen befasst waren, arbeiteten auch nur sie unmittelbar mit dem SIRA-Datenbanksystem.

Gegenstück zu den informationsauswertenden Diensteinheiten waren die "operativen Diensteinheiten", also diejenigen Abteilungen, die beispielsweise Inoffizielle Mitarbeiter (IM) führten, darunter insbesondere Spione in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland. Die Informationen, die diese IM aus aller Welt beschafften, mussten von den operativen Diensteinheiten zum Zwecke der Informationsauswertung an die IADE weitergereicht werden. Zu einem geringeren Teil werteten die IADE auch Informationen aus, die sie von anderen Diensteinheiten des MfS und von befreundeten Geheimdiensten, vor allem dem KGB, erhielten. Wenn beispielsweise ein IM der HV A  seinem Führungsoffizier ein kopiertes NATO-Dokument übermittelte oder über eine Militärübung berichtete, musste der Führungsoffiziers dann nicht nur anschließend einen Treffbericht für die Akte des Agenten schreiben, sondern auch das beschaffte NATO-Dokument bzw. den Bericht über die Militärübung an die zuständige Auswertungsabteilung (IADE) weiterleiten.

Wie diese Weiterleitung zu geschehen hatte und welche begleitenden Angaben zu jeder Informationsübergabe gemacht werden mussten, war durch Richtlinien und Dienstanweisungen der HV A festgelegt. Die letzte gültige Dienstanweisung (DA) hierfür war die DA 1/88 der HV A. Der grundsätzliche Ablauf wurde darin folgendermaßen festgelegt:

Zu jeder übergebenen Information hatte die beschaffende Diensteinheit einen sogenannten Informationsbegleitbogen (IBB A) auszufüllen. Auf diesem Vordruck mussten unter anderem Angaben wie Eingangsdatum, Absender (Diensteinheit/Mitarbeiter, d. h. Führungsoffizier), Quelle (Zuverlässigkeit/ Registriernummer/Deckname), Form (Anzahl/Datenträger), Art der Information (Bericht des IM, beschafftes Dokument, Funktionsmuster o. a.), Verteiler und ein kurzer Titel der Information vermerkt werden.

 

Stephan Konopatzky, Mitarbeiter des Stasi -Unterlagen-Archivs im Bereich MfS-Datenträger über die Funktionierungsweise der SIRA -Datenbank.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Als Durchschlag fand ein weiterer Vordruck (IBB B) Verwendung, der noch zusätzliche Felder mit spezifischen Angaben der IADE enthielt, die erst im Zuge der Auswertung ausgefüllt wurden. Das Original (IBB A) verblieb als Beleg beim Absender, die Durchschrift (IBB B) wurde zusammen mit der Information (Bericht, Dokument, Muster) an die zuständige IADE geschickt. Es konnten auch mehrere Informationen auf einmal übergeben werden (dann mit mehreren IBB). Für jede Übergabe musste zusätzlich noch eine Informationsbegleitliste (IBL) ausgefüllt werden, auf der die laufenden Nummern der übergebenen Informationen vermerkt wurden.

Die auf dem IBB (B) erhaltenen Angaben wurden von der Auswertungsdiensteinheit im Zuge der Informationsauswertung durch weitere Deskriptoren, Namen von Personen usw. ergänzt. Auch die Benotung (Im Rahmen der Auswertung erhielten die Informationen eine Note zwischen 1 (sehr wertvoll) und 5 (ohne Wert)) der Information wurde eingetragen. Hierfür dienten die spezifischen Felder auf diesem Vordruck.
Auf Grundlage des nun vollständig ausgefüllten IBB (B) erfolgte die Dateneingabe in die entsprechende SIRA-Teildatenbank. Die vergebenen Noten wurden auf der Informationsbegleitliste für jede einzelne Position vermerkt und an die Absenderdiensteinheit zurückgeschickt.

Das eigentliche Dokument bzw. der Bericht wurde im Archiv der Auswertungsabteilung abgelegt. In der Abteilung V des Sektors Wissenschaft und Technik wurden die entgegengenommenen Dokumente und Materialien auch direkt an die Empfänger in der Industrie der DDR weitergereicht ohne archiviert zu werden. Hier handelte es sich oft um hochspezielle technische Dokumentationen, Geräte, Bauelemente u. ä., die in Forschung und Industrie benötigt wurden, und die im Rahmen der Wirtschaftsspionage, teilweise auf direkte Anforderung der Betriebe hin, gezielt im Westen beschafft worden waren. Insofern profitierten im Bereich des SWT hauptsächlich Industrie und Forschungseinrichtungen von der HV A-Spionage. Die Weitergabe der Dokumente wurde auch in SIRA vermerkt.

Zur Auswertung der beschafften Unterlagen gehörte es auch, die gewonnenen Erkenntnisse zusammenzufassen bzw. aufzubereiten und die so entstehenden Informationen an einen festgelegten Empfängerkreis weiterzuleiten.
Die Erkenntnisse zu politischen (außen-, wirtschafts- und militärpolitischen) und militärischen Fragen fasste die HV A - Abteilung VII fortlaufend und getrennt nach Themen und Inhalten zu Informationsberichten von durchschnittlich 3 bis 6 Seiten Umfang zusammen und reichte sie täglich an führende SED-Funktionäre und Regierungsmitglieder weiter. Für jeden Informationsbericht legte die Abteilung VII den Empfängerkreis neu fest, und die Empfänger waren gehalten, die Berichte nach Kenntnisnahme an die HV A zurückzugeben. In SIRA registrierte die Abteilung VII, welche dieser Informationsberichte ("Ausgangsinformationen") an wen weitergereicht wurden.

 

ESER-Rechner des MfS

Stephan Konopatzky, Mitarbeiter des Stasi-Unterlagen-Archivs im Bereich der MfS-Datenträger über das Lesbar-Machen der Überlieferung der Datenträger der HV A.

Überlieferung und Rekonstruktion der Daten des SIRA-Systems

Dass bedeutende Teile der Daten des SIRA-Systems erhalten geblieben sind und heute für die Recherche im Stasi-Unterlagen-Archiv genutzt werden können, ist in vielfacher Hinsicht eine Besonderheit, waren sie doch mehrfach Ziel von Vernichtungsmaßnahmen während der Auflösung des MfS bzw. der HV A im Jahr 1990:

Nachdem die Überlieferung der Stasi weitgehend unter die Kontrolle von Bürgerkomitees und Auflösungskomitees geraten war, beschloss das damalige verantwortliche politische Organ, der Zentrale Runde Tisch, am  19. Februar 1990 auf seiner 13. Sitzung die Löschung und physische Vernichtung aller magnetischen Datenträger des MfS. Bereits vier Tage später, am 23. Februar, genehmigte die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches die Selbstauflösung der HV A, in deren Folge der allergrößte Teil der HV A-Unterlagen vernichtet wurde.

Obwohl die HV A-Datenträger unter beide Regelungen fielen, überstand ein Teil von ihnen die Wirrungen der Stasi-Auflösung unversehrt. Hierfür gab es verschiedene Ursachen:

Einige EDV-Projekte, die für den Auflösungsprozess relevante Daten über die hauptamtlichen Mitarbeiter und die Finanzen des MfS enthielten, wurden noch unter der Regie des Staatlichen Komitees zur Auflösung des MfS/AfNS in das Rechenzentrum der Grenztruppen überführt. Andere Datenträger gelangten noch vor dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten, in ein Rechenzentrum der NVA. Ein weiterer Teil wurde auch im Zuge der Stasiauflösung wie die Akten in den MfS-Objekten in der Berliner Stasi-Zentrale gesichert. Auch gelangte eine nicht unerhebliche Zahl von Datenträgern des MfS in Folge der Stasiauflösung in die Hände verschiedener bundesdeutscher Sicherheitsbehörden. Mit dem Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes im Dezember 1991, welches die Zuständigkeit für diese Überlieferung eindeutig festlegte, konnte der BStU die noch existierenden Datenträger wieder in seinem Archiv zusammenführen.

Der größte Teil der überlieferten Daten resultierte aus einer internen Maßnahme der HV A Mitte der 1980er Jahre: 1985/86 hatte die HV A damit begonnen, die vorhandenen SIRA-Datenbanken in ein neu aufzubauendes "EDV-Gesamtsystem der HV A" zu überführen. Bei der Übernahme der Daten in das neue System waren umfangreiche Änderungen in der Datenstruktur notwendig. Deshalb mussten damals die SIRA/GOLEM-Datenbestände technisch aufwändig konvertiert werden. Die Konvertierung dauerte bis 1989 an. Konvertierungstests wurden in dieser Phase auch mit Echtdaten ausgeführt, was nicht folgenlos blieb. Denn im Gegensatz zu den Datenträgern aus dem Echtsystem, welche zum allergrößten Teil gelöscht bzw. überschrieben wurden, sind die Datenträger mit den Echtdaten aus dem Erprobungssystem unversehrt geblieben. Der Hauptteil der vom Stasi-Unterlagen-Archiv genutzten Datenträger der HV A stammt aus der damaligen Konvertierungsphase. So ist der Datenbestand der Teildatenbank 12 in Form einer Sicherungskopie aus der Datenkonvertierung komplett erhalten geblieben.

Erschließung der Daten durch den BStU

Die Überlieferung der elektronischen Datenträger stellte das Stasi-Unterlagen-Archiv vor eine Vielzahl von Herausforderungen. Nachdem anfänglich die Zusammenführung der Datenträger im Mittelpunkt der Bemühungen stand, folgte die erste technische Prüfung, Inventarisierung und grobe inhaltliche Zuordnung. Hierfür bestand bis Ende 1997 eine Kooperation mit einem Rechenzentrum der Bundeswehr, das noch über einen Großrechner aus DDR-Zeiten verfügte.

Mit der Beendigung dieser Zusammenarbeit verlegte sich der Fokus der Bemühungen darauf, die Daten für die Recherche im Archiv nutzbar zu machen. Neben der weiteren Sicherung der Daten auf modernen Datenträgern wurde verstärkt an der Rekonstruktion dieser Daten gearbeitet.

Aus dem SIRA-System sind Daten in verschiedenen Formaten und aus unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Originals überliefert. Eine komplette Sicherungskopie des ganzen Systems existiert nicht. Große Teile der Daten waren nicht ohne weiteres nutzbar, weil sie nicht in standardisierten Formaten gespeichert wurden. Zu aktiven Zeiten nutzte die HV A zudem verschiedene Verfahren zum Schutz der Daten und zur Verringerung des Speicherbedarfs. Die logische Struktur des ehemals auf einem Großrechner installierten Systems wurde vom BStU in eine PC-Datenbank überführt. Alle vorhandenen Daten wurden auf ihre Eignung für die Übernahme in dieses neue System geprüft. Die vielfältigen Formate der überlieferten Daten und eine Fülle weiterer Probleme machte die Datenrekonstruktion zu einem sehr aufwändigen Prozess, der sich lange Jahre hinziehen sollte. Große Teile des SIRA-Systems sind allerdings dadurch wieder nutzbar gemacht worden. Nutzerinnen und Nutzer, die in diesem Themengebiet recherchieren, erhalten Dateiausdrucke, die sich an den Ausdrucken, die damals im HV A-Originalsystem erstellt wurden, orientieren.

Stephan Konopatzky, Mitarbeiter des Stasi-Unterlagen-Archivs im Bereich der MfS-Datenträger über die Beiträge der SIRA-Datenbank zu heutigen Auskünften und Recherchen.

Publikation

Der Deutsche Bundestag 1949 bis 1989 in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR

Gutachten für den Deutschen Bundestag gemäß § 37 (3) des Stasi-Unterlagen-Gesetzes

Erstmals wird mit dem Gutachten eine umfassende Dokumentation und grundlegende Forschungsarbeit zu dieser Thematik vorgelegt. Die Untersuchung zeigt den Umfang der Spionageaktivitäten des MfS auf Basis der relevanten Aktenbestände des Archivs des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen.

Weitere Informationen

Busch, Heinz: Die NATO in der Sicht der Auswertung der HV A. In: Herbstritt, Georg; Müller-Enbergs, Helmut: Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland. Bremen 2003, S. 239-249.

Konopatzky, Stephan: Möglichkeiten und Grenzen der SIRA-Datenbanken. In: Herbstritt, Georg; Müller-Enbergs, Helmut: Das Gesicht dem Westen zu... DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland. Bremen 2003, S. 112-132.

Verzeichnis der Ausgangsinformationen der Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR