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Tschernobyl, der Super-GAU und die Stasi

Kernkraftwerk Tschernobyl: Luftaufnahme des zerstörten Reaktorblocks 4

Am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl ein katastrophaler Unfall. Die Besatzung verlor die Kontrolle über den Reaktor, er explodierte. Eine radioaktive Wolke zog über Europa. Für die Stasi wurde das Unglück zur Herausforderung: sie musste die politischen und wirtschaftlichen Folgen für die SED-Diktatur eindämmen. Stasi-Chef Mielke gab den Befehl, die Sache "unter Kontrolle" zu halten.

Ein Dokumentenheft und und eine Veranstaltung des Stasi-Unterlagen-Archivs sowie eine Geschichte in der Stasi-Mediathek geben einen Einblick, wie sich die DDR-Geheimpolizei mit dem Unglück auseinandersetzte und welche politischen Folgen es für die SED-Diktatur hatte.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl war die bis dahin schwerste Katastrophe bei der Nutzung der zivilen Kernkraft. Die unkontrolliert entwichene Radioaktivität war immens, die Langzeitfolgen der Strahlenbelastung halten bis heute an.

Unmittelbar musste die Stasi den politischen und ideologische Schaden für die SED-Diktatur begrenzen. Das Credo "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" wirkte nach dem Unglück hohl. Das ehrgeizige Kernenergieprogramm der DDR verlor merklich an Vertrauen, basierten die Reaktoren doch ebenfalls auf sowjetischer Technik. Zudem erlebten die DDR-Bürger, wie Partei- und Staatsführung und die von ihr kontrollierten Medien die Katastrophe herunterspielten – während die Menschen über das wahre Ausmaß des Unglücks durch das Westfernsehen informiert waren.

Auch der Wirtschaft der DDR drohte Schaden: Die Bundesrepublik, ein wichtiger Abnehmer von Lebensmitteln aus Ostdeutschland, ließ aus Angst vor verstrahlter Ware die Lieferungen nicht mehr ohne weiteres ins Land. Nun galten Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Fahrzeugen, die die Grenze passieren wollten. Die Stasi beteiligte sich deshalb an der Dekontamination von Fahrzeugen an der Grenze, damit der Warenverkehr zwischen Ost und West weiter fließen konnte.

Zudem erhielt die ostdeutsche Anti-Atomkraft-Bewegung Zulauf durch das Unglück. "Tschernobyl wirkt überall" – unter diesem Leitsatz protestierten nach der Reaktorkatastrophe immer mehr Menschen in der DDR gegen die desolate Umweltpolitik der SED.

Audiobeitrag: Podiumsdiskussion und Vortrag über Tschernobyl, die Stasi und die Rolle der Umweltbewegungen

Am 20. April 2016 fand zum Thema eine Veranstaltung statt. Unter dem Titel "'Keinerlei gesundheitliche Gefährdungen'. Tschernobyl, die Stasi und die Rolle der Umweltbewegungen" diskutierten Thorben Becker (BUND), Manfred Haferburg, Dr. Christian Halbrock (BStU), Dr. Sebastian Pflugbeil und Dr. Anna Veronika Wendland (Herder-Institut). Sebastian Stude (BStU) hielt einen einleitenden Vortrag über die Überlieferung von Dokumenten im Stasi-Unterlagen-Archiv.

Die Angebote des BStU zum Thema im Überblick