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MfS-Lexikon

Auswertungs- und Informationssystem

Das Auswertungs- und Informationssystem war im MfS ein zentraler Funktionsbereich, der die Bewertung und Selektion von Informationen und die Organisation des Informationsflusses intern und nach außen gewährleistete. Aus den äußerst primitiven Anfängen in den 50er Jahren entwickelte sich ein hochkomplexes System, das den gesamten Apparat erfasste und in den 80er Jahren auch umfassend mit EDV arbeitete.

Informationen zur Stimmung in der Bevölkerung wurden bereits seit 1951 von den für Postkontrolle zuständigen Abteilung M aus der geöffneten Post herausgefiltert und zu Berichten zusammengefasst. Das eigentliche Informationssystem entstand im MfS aber erst als Folge des Juniaufstandes von 1953. Als eine seiner ersten Amtshandlungen schuf der neu berufene Staatssicherheitschef Ernst Wollweber Strukturen, die gewährleisten sollten, dass die ständig anfallenden Informationen zu einer regelmäßigen Berichterstattung über die innere Sicherheitslage und die Bevölkerungsstimmung verdichtet werden konnten.

In der Zentrale und den Bezirksverwaltungen (BV) wurden Informationsgruppen gebildet, die tägliche Informationsberichte, später Informationsdienst genannt, und Sonderinformationen zu erstellen hatten. Adressaten waren der Erste Sekretär des ZK der SED, die Mitglieder des Politbüros und seiner Sicherheitskommission beim Politbüro des ZK der SED, die ZK-Sekretäre, einzelne Minister sowie die 1. Bezirkssekretäre, welche die Berichte der jeweiligen BV erhielten. Daneben waren auch die Leitungskader der Staatssicherheit, insbesondere die stellv. Minister, in den Verteilern vertreten. Ein Teil der Berichte diente ausschließlich der internen Information.

Ab Januar 1955 erschien der Informationsdienst nur noch zweimal wöchentlich, ab November nur noch 14-tägig. Von jetzt an dominierten die Einzelinformationen zu bestimmten Themen oder Ereignissen.

Im Februar 1957 gab es einen schweren Konflikt zwischen Ulbricht und Wollweber u. a. über die Stimmungsberichterstattung des MfS, die der Parteichef als legale Verbreitung feindlicher Hetze bezeichnete. Die Berichtstätigkeit und die entsprechenden Dienststrukturen wurden daraufhin reduziert, der Informationsdienst vollkommen eingestellt. Mit der Berichterstattung über die politische Stimmung tat sich das MfS künftig außerordentlich schwer.

Ab 1959 wurde der Informationsbereich wieder aufgewertet. Die bisher eigenständige Berichterstattung der Hauptverwaltung A (HV A) an die politische Führung lief von jetzt an auch über die Zentrale Informationsgruppe (ZIG). Im Dezember 1960 erließ Erich Mielke mit dem Befehl 584/60 eine genaue Regelung der Berichterstattung des MfS an die politische Führung. Neu war die Bestimmung, dass auch die Leiter der operativen Hauptabteilungen und selbständigen Abteilungen berechtigt waren, in Ausnahmefällen Informationen an Partei- oder Staatsfunktionäre zu geben. In der Folge verlagerte sich die Informationstätigkeit stärker auf die operativen Linien (Linienprinzip).

Mit dem Befehl 299/65 wurde das Informationssystem im Juli 1965 um ausgeklügelte Auswertungsverfahren erweitert, die eine Bewertung und Selektion von Informationen, einschließlich der Erstellung von operativen Statistiken, sowie die Organisation des Informationsflusses ermöglichten. Kernelemente des neuen einheitlichen Systems waren Auswertungsvorgänge, Kerblochkarten und die Zentralen Materialablagen, welche in der Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) und den Auswertungs- und Informationsgruppen (AIG) der HA, selbständigen Abteilungen und BV zu führen waren.

Im Mai 1974 wurden die Vorverdichtungs-, Such- und Hinweiskarteien (VSH-Karteien) eingeführt, die die Erfassung von Personen mit geringerer operativer Bedeutung auch unterhalb der Ebene der Auswertungs- und Informationsgruppen (AIG) und der Abteilung XII ermöglichte. Darüber hinaus wurde im März 1975 in den AIG der BV die Dokumentation "verdichteter" operativer Informationen verbindlich eingeführt, die durch eine Sichtlochkartei und eine Dokumentenkartei erschlossen wurde.

Im Mai 1980 vollzogen sich mit dem Erlass der DA 1/80 noch einmal grundlegende Veränderungen im Auswertungs- und Informationssystem des MfS, die vor allem durch die Einführung der EDV bedingt waren. Das entscheidende neue Element war die elektronische Zentrale Personendatenbank (ZPDB), die die differenzierte Zusammenführung und komplexe Verknüpfung aller eingespeicherten Informationen ermöglichte und so manuelle Auswertung mittels der Kerblochkarteien obsolet machte.

Die ZPDB gewährleistete die zentrale Einspeicherung von großen personenbezogenen Informationsmengen auch außerhalb des Relevanzbereichs der aktiven oder passiven Erfassungen. Damit wurden eine differenzierte Verarbeitung und schnelle zentrale Abrufbarkeit von unzähligen Daten ermöglicht, die mit den bisherigen manuellen Verfahren nicht oder nur dezentral erfasst worden waren. Dies kann als entscheidende Maßnahme zur Bewältigung der im MfS anfallenden Informationsflut und bedeutender Schritt bei der Perfektionierung des Überwachungsstaates DDR gelten. Ab 1984 wurde die bereits seit 1975 bestehende elektronische Datenbank Ungesetzliche Grenzübertritte (DUG) mit ihren Personen- und Sachverhaltsinformationen schrittweise in die ZPDB überführt.

Über die eigenen Datensammlungen hinaus verschaffte sich das MfS einen direkten Zugriff auf die elektronische Personendatenbank des Ministeriums des Innern (MdI). Im Aufklärungsbereich bestand mit den Teildatenbanken des Systems der Informationsrecherche der HV A (System der Informationsrecherche der HV A (SIRA)) ein eigenes EDV-gestütztes Auswertungs- und Informationssystem.

Literatur: Engelmann, Roger; Joestel, Frank: Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (MfS-Handbuch). Berlin 2009.

Roger Engelmann