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Pressemitteilung

Publikation: Knastware für den Klassenfein

Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Stasi (1970 - 1989)

Mit der Studie "Knastware für den Klassenfeind", die ab heute über den Buchhandel zu beziehen ist, will die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) einen weiteren Beitrag zur Aufklärung über den Einsatz von Häftlingen in DDR-Gefängnissen für die Produktion von Waren und Gütern leisten. Von besonderem Interesse in der Studie sind die Verflechtungen dieser Produktion mit dem Ost-West-Handel und die Aktivitäten der Staatssicherheit zur Kontrolle der Häftlingsarbeit und Überwachung dieses Handels. Die Studie untersucht den Zeitraum von 1970 bis 1989, die "Honecker-Ära" in der DDR, und wurde von BStU-Forscher Dr. Tobias Wunschik erstellt.

Im Kern besagt die Studie, dass weitaus mehr als bislang bekannt westliche Unternehmen Nutznießer des Einsatzes von Gefangenen in DDR-Betrieben waren. Neben dem viel diskutierten schwedischen Möbelhaus Ikea bezogen auch etliche bundesdeutsche Firmen Möbel aus der DDR, die teilweise politische Gefangene gefertigt hatten. So wurden über einen Zwischenhändler Neckermann, Quelle, Otto, Kaufhof, Horten, Hertie, Karstadt, Möbel Hess und Möbel Steinhoff mit Einrichtungsgegenständen beliefert, an denen unter anderem Häftlinge mitgearbeitet hatten.

Darüber hinaus wurden vielfältige andere Waren in den Westen exportiert, in der Ära Honecker beispielsweise aus der Haftanstalt Cottbus 200.000 Fotoapparate und aus dem Frauengefängnis Hoheneck 100 Millionen Damenstrumpfhosen insgesamt. Letztere wurden dann von Aldi, Karstadt, Hertie, Horten, Kaufhof, Kaufhalle und Woolworth verkauft. Gefangene waren außerdem an der Produktion von Fernsehern, Motorrädern und Farbfilmen (für Neckermann), Küchenherden (für Quelle) sowie Kerzen (für Schlecker) beteiligt. Auch Werkzeugkästen und Schreibmaschinen wurden teils in Gefängnissen gefertigt und dann in den Westen geliefert. Häftlingsarbeiter produzierten ferner zusammen mit "freien" Arbeitern Kupferdraht, Elektromotoren, Mähdrescher, Gussteile, Schuhe, Glasseide, Spindeln, Schaltelemente, Autoscheinwerfer sowie Motorradteile für den Westexport. Für harte Devisen konnte die DDR in den 1980er Jahren "Knastwaren" im Wert von mindestens 200 Millionen DM jährlich absetzen.

Dokumente der Staatssicherheit zeigen, dass einige Verantwortliche der Unternehmen vom Einsatz Gefangener, auch politischer Häftlinge, wussten. Gleichzeitig war es die Aufgabe der Staatssicherheit, das devisenträchtige Geschäft vor Störungen zu schützen und negative Informationen abzuschirmen.

Industrie und Handel in der Bundesrepublik schoben angesichts niedriger Produktionskosten in der DDR Bedenken beiseite. Zwar verlangte die Bundesregierung in den 1980er Jahren von Ost-Berlin, den Export von Möbeln und Strumpfhosen zu drosseln. Doch galt dies mehr dem Schutz der heimischen Wirtschaft als dem der Häftlinge. Wer die Waren produziert hatte, wurde in bilateralen Gesprächen wohl nicht problematisiert, obwohl längst bekannt war, dass politische Gefangene an ihrer Herstellung beteiligt waren. Neben der Bundesrepublik erhielten weitere westeuropäische Staaten, aber auch Ägypten und Australien "Knastware" aus der DDR.

In einem Kapitel weist die Studie auf einen weiteren, besonders problematischen Versuch hin, die Deviseneinnahmen der wirtschaftlich angeschlagenen DDR zu erhöhen: Der kurzzeitige Verkauf von Blutkonserven an das Bayerische Rote Kreuz. Im Kontext der Recherchen zur Gefangenenproduktion wurden auch Unterlagen gefunden, die belegen, dass in den Haftanstalten Gräfentonna und Waldheim 1984/85 Blut gespendet wurde, was im Kontext der Anfang 1984 verkündeten Planung, mehr Blut für den Export zu sammeln, zu sehen ist. Krankenschwestern, das zeigen Stasi-Unterlagen, bewerteten die Situation der Gefangenen als Zwangslage und verweigerten in einem Fall die Blutabnahme im Gefängnis. Weder überlieferte Dokumente noch die Aussagen Beteiligter sprechen jedoch für eine "flächendeckende" Praxis dieser Art (in den Haftanstalten generell oder über den Zeitraum 1984-85 hinaus).

Die Studie erläutert auch die Haft- und Arbeitsbedingungen der Insassen. Charakteristisch für die Arbeit von politischen Häftlingen in DDR-Gefängnissen war, dass sie zusammen mit Kriminellen arbeiten mussten. Sie hatten zumeist mehr als "freie" Beschäftigte der volkseigenen Betriebe zu leisten, verdienten aber wesentlich weniger als diese. Arbeit war immer auch Teil der Disziplinierung und Bestrafung, weit über die festgelegten Regeln hinaus. Teilweise brachten veraltete Maschinen die Häftlinge dabei in Lebensgefahr oder ruinierten ihre Gesundheit.

Zur Vorgeschichte
Im Frühjahr 2012 provozierte die Häftlingsarbeit von Gefangenen in DDR-Gefängnissen ein großes Medienecho, als erneut bekannt wurde, dass das schwedische Möbelhaus Ikea davon profitiert hatte. Zeitzeugen berichteten, dass Ikea Waren von DDR-Betrieben bezog, die politische Häftlinge zur Produktion einsetzten. Daraufhin hatte das Möbelhaus eine eigene Untersuchung durch eine unabhängige Firma in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im November 2012 in begrenztem Umfang veröffentlicht wurden.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen bezeichnete die Erkenntnisse Ikeas als "Spitze des Eisbergs" und begrüßte, dass das Möbelhaus der Union der Opferverbände (UOKG) Mittel zur weiteren Erforschung dieses Komplexes zur Verfügung stellte. Zusätzlich regte er die jetzt vorliegende Studie in der Forschungsabteilung des BStU an. "Aufklärung über die genauen Zusammenhänge des Einsatzes von Gefangenen, politischen Häftlingen und Verflechtungen im Ost-West-Handel ist notwendig. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Wiedergutmachung begangenen Unrechts."

Weitere Informationen und eine Auswahl von Dokumenten zur BStU-Studie unter: www.bstu.bund.de/knastware

oder über die Verlagsseite www.v-r.de/

Rezensionsexemplare sind über die Pressestelle erhältlich.

Buchinformation:
Tobias Wunschik: "Knastware für den Klassenfeind. Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit",
363 Seiten mit 31 Abb. und 17 Tab., ISBN 978-3-525-35080-5, Vandenhoeck & Ruprecht, 29,99 Euro

Hinweis: Für den 18. Februar 2014 ist in der Thüringischen Landesvertretung Berlin eine Veranstaltung zum Thema geplant. Das Buch wird am 14. März 2014 auch auf der Leipziger Buchmesse in der BStU-Außenstelle Leipzig, Dittrichring 24 vorgestellt. 

Dagmar Hovestädt, Pressesprecherin

Kontakt zur Pressestelle

Dagmar Hovestädt, Pressesprecherin

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Dagmar Hovestädt

Telefon: 030 2324-7170