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"Plötzlich war das Schwert stumpf"

Berlin - Im OZ-Interview spricht der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, über die Erstürmung der Zentrale des DDR-Geheimdienstes vor 24 Jahren, über die Zukunft seiner Behörde und den Umgang mit Opfern und Tätern der SED-Diktatur

OZ: Welche Erinnerung haben Sie an die Erstürmung der Stasi-Zentrale in Berlin am 15. Januar 1990?

Roland Jahn: Ganz konkrete. Ich war als Journalist in der Magdalenenstraße dabei und habe in der Folgezeit über die Arbeit des Bürgerkomitees zur Auflösung der Stasi berichtet.

Welches Gefühl hatten Sie, als ehemaliger politischer Häftling, plötzlich in der Machtzentrale des Spitzeldienstes zu stehen?

Jahn: Es war ein richtig gutes Gefühl, dort zu stehen, von wo aus die Staatssicherheit - also Schwert und Schild der SED - die Befehle zur Observierung und Bekämpfung der DDR-Opposition, zur Bespitzelung eines ganzen Volkes gegeben hat. Die Erstürmung der Stasi-Zentrale zeigte sinnbildlich: Plötzlich war das Schwert stumpf und das Schild zerbrochen. Die friedliche Revolution hatte gesiegt.

Die Stasi löste sich teils selbst auf, vernichtete Akten und elektronische Datenträger. Ein Fehler?

Jahn: Dass die Hauptverwaltung A (der DDR-Auslandsnachrichtendienst - d. Red.) - übrigens nach Entscheidung des Runden Tisches - ihre Akten vernichten konnte, war ein großer Fehler. Dennoch war der 15. Januar 1990 ein Symbol dafür, dass erstmalig in der Welt die Akten einer Geheimpolizei gesichert und den Bürgern zugänglich gemacht wurden.

Dabei waren die Stasi-Verwaltungen in den Bezirksstädten schon viel früher als die Zentrale in Berlin gestürmt worden.

Jahn: Stimmt. Die Besetzung der verhassten Stasi-Dienststellen begann am 4. Dezember in Erfurt, dann folgten rasch Rostock, Leipzig, Dresden. Das war der Beginn des Endes der Staatssicherheit.

Was hat die Aufarbeitung der Stasi-Hinterlassenschaft gebracht?

Jahn: Sie war vor allem wichtig für die vielen Menschen, in deren Leben die DDR-Staatssicherheit eingegriffen hat. Wir haben rund drei Millionen Anträge auf Einsicht in die Geheimdienst-Akten. Viele holen sich sozusagen ein Stück ihres Lebens zurück. Anhand der Dokumente können sie rehabilitiert werden. Sie können nachweisen, dass sie aus politischen Gründen in Haft saßen, im Beruf drangsaliert wurden, nicht studieren durften oder exmatrikuliert wurden. Nicht zu vergessen: die rund 1,7 Millionen Überprüfungen im öffentlichen Dienst sowie die Aufarbeitung der Wirkungsweise der Diktatur.

Die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht ging zurück, allein 2013 um 24000. Wann ist der Punkt der Schließung Ihrer Behörde erreicht?

Jahn: Wir sind ein Dienstleister. Wir sind so lange da, wie die Menschen uns brauchen. Mit über 5000 Anträgen, die jeden Monat bei uns eingehen, haben wir noch viel zu tun.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, etwa fordert die Auflösung Ihrer Behörde. Ist das Konkurrenzkampf zwischen Bundesbehörden um geringer werdende Mittel?

Jahn: Eine offene Diskussion darüber, wie die Aufarbeitung der SED-Diktatur bestmöglich erfolgt, begrüße ich. Wir dürfen dabei allerdings die Opfer nicht vor den Kopf stoßen und sollten auch die internationale Bedeutung beachten.

War das jetzt Ihr Plädoyer gegen die Überführung der Akten ins Bundesarchiv nach Koblenz?

Jahn: Nein, es ist zweitrangig, welches Schild an der Stasi-Unterlagen-Behörde draußen hängt. Wichtig ist, dass die Stasi-Akten offen bleiben, damit die Menschen in die Akten schauen können - auch in die von Angehörigen. Es darf keinen Schlussstrich geben.

Heißt dass, Sie geben den Außenstellen von Rostock bis Dresden eine Bestandsgarantie?

Jahn: Ich denke, die Stasi-Akten gehören in die jeweilige Region. Sie sind ein Kulturgut ebenso wie die historischen Orte, an denen der SED-Sicherheitsapparat einst so perfide seine Macht ausübte. Langfristig betrachtet sollte es in jedem Bundesland einen Archivstandort geben. Aber das sind alles Fragen, die die Politik klären muss.

Wieviele Ex-Stasi-Mitarbeiter sitzen zurzeit im Bundestag und in Landesparlamenten?

Jahn: Darüber führen wir keine Statistik. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Jedes Parlament entscheidet selbst, wie es mit dem Problem umgehen will. Die Frage, ob jemand bei der Stasi war, tritt ohnehin stärker in den Hintergrund. Die Frage ist heute vielmehr: Wie geht er oder sie damit um? Es gab Abgeordnete, etwa der Linkspartei, die offen mit ihrer Stasi-Tätigkeit umgingen. Etwas anderes ist es, wenn die Vergangenheit verschwiegen, der Wähler betrogen wurde.

Die NSA-Bespitzelungen heute seien schlimmer als Mielkes Stasi in der DDR, sagen manche.

Jahn: Diese Art von Vergleich oder die Gleichsetzung von NSA und Stasi sind falsch. Die Geheimpolizei in einer Diktatur, die die Macht einer Partei sichert, ist nicht gleichzusetzen mit einem Geheimdienst, der die Aufgabe hat, die Demokratie vor Terror zu schützen.

Das Interview führte Reinhard Zweigler