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"Vergebung kann nicht verordnet werden"

Roland Jahn im Interview mit der Tageszeitung "Oberhessische Presse" vom 4. November 2014

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, spricht im Interview mit der Tageszeitung "Oberhessische Presse" über einen Linken-Ministerpräsidenten in Thüringen und über den Unrechtsstaat DDR.

Herr Jahn, sollte der Linke Bodo Ramelow in Ihrem Heimatland Thüringen Ministerpräsident werden, ist das dann für Sie persönlich ein Schlag ins Gesicht oder demokratische Normalität?

Jahn: Freiheit und Demokratie in Ostdeutschland sind Ergebnis der friedlichen Revolution. Die Revolutionäre haben auch ihre Peiniger befreit, auch die SED. Aber viele Menschen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben, empfinden das schon als eine Verletzung. Sie haben die SED, PDS, Linkspartei nicht als eine Partei erlebt, die sich wirklich ihrer geschichtlichen Verantwortung gestellt hat. Jedenfalls ist das bei den Opfern nicht angekommen.

Nehmen Sie dem aus Hessen kommenden Protestanten Ramelow ab, wenn er die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet?

Jahn: Es geht um mehr als ein Papier, auf das man etwas schreibt, um vielleicht eine Regierungskoalition zusammenzubekommen. Es geht um eine glaubhafte Auseinandersetzung der gesamten Partei mit dem Unrecht, das die SED zu verantworten hat.

Aber die Linke hat im Bundestag sogar höhere Opferrenten gefordert, als sie von der Koalition beschlossen wurden.

Jahn: Ich denke, es geht um die Erfahrungen, die die Menschen im Einzelnen mit der SED-Diktatur und danach mit der Nachfolgepartei gemacht haben. Vergebung kann nicht verordnet werden. Man kann nicht ignorieren, dass die Aufarbeitung durch die Linke die Opfer bislang nicht überzeugt.

Gehört zur Normalität in Thüringen, dass frühere hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter im Landtag sitzen?

Jahn: Ich denke, dass man den Vorwurf der Stasi-Mitarbeit nicht ewig machen kann. Die entscheidende Frage ist doch, wie ist man mit der einstigen Verstrickung die vergangenen 25 Jahre über umgegangen. Und das muss vor Ort beantwortet werden. Es gibt kein Amt für absolute Wahrheit.

Wo waren Sie am Abend des 9. November 1989?

Jahn: Ich habe im Sender Freies Berlin die Pressekonferenz mit Schabowski gesehen.

Und gleich kapiert, was er meinte?

Jahn: Klar, ich habe über den Flur gerufen: Die Mauer ist offen. Ich durfte dann in einer Sondersendung der ARD die ersten Bilder der Maueröffnung kommentieren. Ein unglaublicher Abend. Ich bin später am Grenzübergang Invalidenstraße in den Osten gelaufen, während mir der Strom glücklicher Menschen entgegenkam. Sechs Jahre vorher hatte man mich gegen meinen Willen aus der DDR in die Bundesrepublik abgeschoben.

Warum hat der riesige Sicherheitsapparat der DDR, mit Stasi, Polizei, Armee, das Eindrücken der Mauer und den Untergang des Staates eigentlich nicht verhindern können?

Jahn: An jenem 9. November war die Stasi längst nicht mehr Herr des Geschehens. Die Passkontrollen an der Grenze, die der Staatssicherheit unterstanden, waren führungslos. Bereits in den Wochen und Monaten zuvor war dem Sicherheitsapparat die Kontrolle entglitten. Seine Macht zerbrach unter dem Druck von Zehntausenden mutigen Demonstranten. Schon länger hatte die Stasi an sich selbst gezweifelt. 1987 war meine Mutter in Jena verhört worden. Man drängte sie, auf mich im Westen einzuwirken, nicht mehr gegen die DDR zu arbeiten. Erfolglos. Dann meinte ein Stasi-Mann: Wir wissen, was ihr Sohn denkt. Vielleicht ist hier in zwei Jahren ohnehin alles vorbei.

Ihr neues Buch heißt "Wir Angepassten". Steckt darin der Vorwurf an die ehemaligen DDR-Bürger, sich dem System samt und sonders unterworfen zu haben?

Jahn: Ganz im Gegenteil, Anpassung ist kein Vorwurf, sie ist eine Strategie zum Überleben in der Diktatur. Niemand war nur Rebell und niemand war nur angepasst. Es gab täglich neue Entscheidungen: Breche ich den Kontakt zur Tante im Westen ab, oder gefährde ich die Karriere? Gehe ich zur Wahl oder riskiere ich meinen Studienplatz? Ich plädiere dafür, das Leben in der DDR so zu erzählen, wie es war, ohne Schuldzuweisungen, ohne Vorwürfe. Gerade jetzt, wo sich der Fall der Mauer zum 25. Mal jährt.

OP: Passt das pralle, widersprüchliche, vielfältige Leben in der DDR in den platten Begriff Unrechtsstaat?

Jahn: Ja, gerade, weil der Begriff Unrechtsstaat die Wertschätzung für das Leben der Menschen ausdrückt. Denn die mussten in einem Staat leben, der von der SED und ihrer Ideologie vereinnahmt war.

Viele Ostdeutsche empfinden Unrechtsstaat jedoch als Diskriminierung ihrer Lebensleistung. Es gab nicht nur politisches Unrecht und politische Willkür.

Jahn: Dass viele Menschen das so empfinden, hat auch damit zu tun, dass die PDS und jetzt die Linke die Kritik am SED-System auf alle Ostdeutschen überträgt. Aber die Kritik am Unrechtsstaat DDR ist klar zu trennen von den jeweiligen Lebenswegen. Es hat viele Menschen gegeben, die im Unrechtsstaat versucht haben, ein aufrichtiges Leben zu führen. Andererseits darf niemand aus seiner Verantwortung für Unrecht entlassen werden.

Das Gespräch führte Reinhard Zweigler