Auf Beschluss der SED-Führung erhielt das alte Chemnitz anlässlich des Karl-Marx-Jahres 1953 den Namen "Karl-Marx-Stadt". Während in anderen Regionen Sachsens hunderte Betriebe bestreikt wurden, kam es im Bezirk Karl-Marx-Stadt am 17. Juni 1953 zu weitaus weniger Streiks und Demonstrationen. 

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Wiederaufgebautes Rathaus in Karl-Marx-Stadt 1953

Streiks und politische Flugblätter in Karl-Marx-Stadt

Blick auf die Kundgebungs-Teilnehmer während der Ansprache von Ministerpräsident Otto Grotewohl.

Während in anderen Regionen Sachsens hunderte Betriebe bestreikt wurden, kam es im Bezirk Karl-Marx-Stadt am 17. Juni 1953 zu weitaus weniger Streiks und Demonstrationen. Dabei war es bereits Ende Mai in der Stadt zu mehreren Streiks in größeren Betrieben gekommen, die bis zum 15. Juni immer wieder in unterschiedlicher Intensität aufflammten. So legte am 1. Juni im VEB NAGEMA ein Viertel der 1.600 Beschäftigten für acht Stunden die Arbeit nieder. Diesem Streik schlossen sich am 2. Juni 120 und am 3. Juni 150 Arbeiter des Schleifmaschinenwerks an, die für etwa zwei Stunden die Arbeit ruhen ließen. Am 17. Juni kam es schließlich in den Betrieben VEB Vereinigte Gießereien, VEB Textima, Büromaschinenwerk und im VEB Schleifmaschinenbau zu Streiks. Im Stadtgebiet verteilten Protestierende Flugblätter und brachten Parolen an Häuserwänden an, die zum Sturz der Regierung aufriefen. Weitere Forderungen der Streikbewegung waren neben der Rücknahme der Normenerhöhung freie Wahlen, eine Freilassung politischer Häftlinge und die Rückkehr sämtlicher noch in Gefangenschaft befindlicher Kriegsgefangener.

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Die Streiks der vergangenen Wochen hatte die SED-Bezirksleitung in Karl-Marx-Stadt jedoch wachsam gemacht. Im Gegensatz zu den Funktionären anderer Städte hatte sie sich auf eventuelle Streiks und Unruhen vorbereitet und konnte größere Proteste schon im Ansatz vereiteln. In der Zeit vom 16. bis 25. Juni wurden im Bezirk Karl-Marx-Stadt 34 Personen festgenommen. Davon meldete die MfS-Bezirksverwaltung bereits am 22. Juni der zentralen Einsatzleitung in Berlin 31 Verhaftungen.

Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt zeigten ihren Unmut deshalb erst zehn Tage später. Als die SED die Bevölkerung von Karl-Marx-Stadt zu einer Kundgebung auf den Marktplatz beorderte, kamen statt der üblichen 75.000 bis 100.000 lediglich 3.000 Teilnehmer. Als die SED-Funktionäre die Erschienenen aufforderten, sich in bereitliegende Listen einzutragen und so nachvollziehbar zu machen, wer ferngeblieben war, weigerten sich die Bürgerinnen und Bürger.

Trotzdem zeigte sich die Bezirksverwaltung der Stasi in einer Analyse der Vorkommnisse zufrieden: "Alle vorgekommenen Streik-, Flugblatt- und Schmieraktionen blieben isoliert. Eine terroristische Tätigkeit, Sabotage größerer Art oder Demonstrationen fanden nicht statt."

Ereignisse im Raum Werdau - Fraureuth

Weitere Streikzentren lagen im Bezirk Karl-Marx-Stadt in den Städten Freiberg, Crimmitschau, Tannenberg, Penig, und in Werdau. Eine Besonderheit der Streiks im Bezirk war, dass sie erst in der Nacht vom 17. zum 18. Juni begannen. Gründe für die Arbeitsniederlegung waren hier neben Normenerhöhung und der Verschlechterung der Lebensbedingungen vor allem die Verhängung des Ausnahmezustandes selbst. So traten die Metallarbeiter des VEB Wälzlagerwerks Fraureuth am frühen Morgen des 18. Juni in den Streik. Zuvor hatte die Parteileitung des Betriebes versucht, die Arbeiter einzuschüchtern. Der Parteisekretär sollte Abteilung für Abteilung die Verhängung des Ausnahmezustandes verkünden und auf die Konsequenzen von Streiks hinweisen.

In der Pause um 2:00 Uhr begann der Sekretär mit der Verlesung des Ausnahmebefehls. Zwar nahmen die Arbeiter hier nach ersten Protesten die Arbeit wieder auf. Als der Sekretär jedoch in die nächste Abteilung ging, kamen 250 bis 300 Arbeiter aus verschiedenen Abteilungen zusammen. Es kam zu heftigen Diskussionen, die bis zum Ende der Nachtschicht dauerten. Als die Arbeiter der Frühschicht zur Arbeit erschienen, versammelte sich die komplette Belegschaft und formulierte Forderungen zur Normenfrage, zu freien Wahlen und politischen Veränderungen. Als die Arbeiter jedoch einen Demonstrationszug zur Stadtkommandantur beginnen wollten, mussten sie feststellen, dass sowjetische Soldaten und Volkspolizisten die Werkseingänge besetzt hatten. Nach erfolgreichen Protesten zogen sich die Soldaten jedoch schnell wieder zurück.

Dem Streik im Wälzlagerwerk schlossen sich auch andere Betriebe an, so z.B. das Vereinte Trikotagenwerk und der VEB Wärmetechnik in Crimmitschau. Die Streiks dauerten oft den ganzen Tag. Nachdem die Belegschaft des Wälzlagerwerks eine 22-köpfige Kommission gewählt hatte, nahmen die Streikenden hier die Arbeit wieder auf. Die Kommission verhandelte mit der SED und der Werkleitung und überbrachte die Forderungen der Arbeiter. Währenddessen nahm die MfS-Kreisdienststelle Werdau acht sogenannte Rädelsführer fest.

Für die Freilassung ihrer inhaftierten Kollegen legte die Belegschaft im Wälzlagerwerk am 19. Juni erneut für mehrere Stunden die Arbeit nieder. Am 22. Juni versuchten Arbeiter in Fraureuth die Sirenen in Gang zu setzen, um damit zu einer Demonstration aufzurufen. Dieser Versuch schlug aber fehl, denn die Staatssicherheit hatte die Sirenen außer Betrieb gesetzt. Bis auf zwei Verhaftete kamen alle Inhaftierten am 1. Juli wieder auf freien Fuß. Die beiden verbliebenen Häftlinge wurden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

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Aufstand in Freiberg

Am Abend des 17. Juni und in der Nacht zum 18. Juni wurden im Landkreis Freiberg Flugblätter gefunden, die vor der Staatssicherheit warnten und die Auflösung der SED forderten. Die Kreisdienststelle Freiberg meldete, dass am Abend des 17. Juni zwei Fahrradfahrer Handzettel mit dem Aufruf zur Terrorbekämpfung und Widerstandsbewegung verteilten. Auf der Baustelle der neuen Zinkhütte in Freiberg legten am 18. Juni 1953 1.300 Bauarbeiter des VEB Bau-Union Dresden die Arbeit nieder. Eine der Ursachen des Streiks waren die äußerst schlechten Arbeitsbedingungen, die sich vor allem in den katastrophalen Unterkünften für die Bauleute zeigten. In einer Versammlung wählten die Bauarbeiter eine Streikleitung und fassten ihre Forderungen zusammen. Sie forderten unter anderem: Abschaffung der neuen Normen, Rücktritt der Regierung, Neuwahlen und Aufhebung des Ausnahmezustands.

Ein kleiner Teil der Bauleute nahm am Nachmittag die Arbeit wieder auf. Die Mehrheit streikte aber bis zum 21. Juni. Diesem Streik folgten auch einige andere Betriebe in der Umgebung. Ab dem 19. Juni versuchten Agitatoren der SED und sowjetisches Militär die Streiks zu beenden. Am gleichen Tag gab es Meldungen über Festnahmen. Dabei wurden neun Personen im Raum Freiberg verhaftet. Am 22. Juni 1953 hat sich aus Sicht der SED-Führung die Lage im Freiberger Gebiet wieder beruhigt. Damit war das Aufbegehren jedoch noch nicht zu Ende. Die Stasi-Dienststelle in Freiberg meldete noch tagelang das Auftauchen von politischen Flugblättern, "Hetzparolen" an Häuserwänden und Drohgebärden der Bevölkerung gegen die Staatsmacht.

Arbeiterinnen und Arbeiter auf einem Demonstrationszug halten ein Transparent hoch mit der Aufschrift: 'Werktätige! Stärkt das Vertrauen zur Partei der Arbeiterklasse und unserer Regierung'

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Literatur

Publikation

17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR

Ursachen-Abläufe-Folgen

Im Buch wird anschaulich auf der Grundlage umfangreicher Quellenüberlieferungen die gesamte Breite des Volksaufstandes vom 17. Juni geschildert. In Fallstudien rekonstruiert der Autor die Geschehnisse in sämtlichen Regionen der DDR.

  • Roth, Heidi: "Der 17. Juni 1953 in Sachsen"
  1. Halle
  2. Leipzig