Im Bezirk Leipzig kam es in allen Kreisen am 17. und 18. Juni 1953 zu Streiks oder Demonstrationen. Neben Halle war Leipzig damit der zweite Bezirk, in dem der Aufstand flächendeckend ausbrach. 

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DAs Schwarz-Weiß-Bild zeigt Demonstranten vor dem Bezirksgericht in der Leipziger Beethovenstraße.

Streiks und große Demonstrationszüge in Leipzig

Aktionen fanden beispielsweise in Delitzsch, Espenhain, Schkeuditz, Schmölln und Bad Düben statt. Schon vor dem 17. Juni war es im Bezirk Leipzig in großen Betrieben zu Streiks und Protesten gegen die Normenerhöhungen gekommen. So legten am 15. Juni die Arbeiter des VEB Sanar Roßwein im Kreis Döbeln die Arbeit nieder, am 16. Juni die Arbeiter des VEB Megu Leipzig. Berichten der Polizei ist zu entnehmen, dass diese ersten Streiks in eilig einberufenen Versammlungen wieder beendet werden konnten. Als jedoch die Nachrichten zu den Vorkommnissen in Ost-Berlin nach Leipzig drangen, gab es kein Halten mehr.

Am Morgen des 17. Juni legten die Beschäftigten des IFA Getriebewerkes im Leipziger Stadtteil Liebertwolkwitz als erste die Arbeit nieder. Wenig später folgten die Arbeiter der anderen großen Industriebetriebe. Insgesamt streikten in Leipzig 81 Betriebe mit fast 27.000 Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Angestellten. In vielen Fabriken wurden Streikleitungen gebildet. Bald gingen die Streikenden auf die Straße und marschierten aus allen Richtungen in das Stadtzentrum. Die Demonstranten riefen ihre Forderungen oder schrieben sie auf ihre Plakate: "Nieder mit der Regierung und freie Wahlen", "Wir fordern Butter und keine Kanonen, Freiheit und mehr Lohn", "Wir fordern andere Normen" und "Solidarität mit Berlin". Viele andere Leipziger Bürgerinnen und Bürger schlossen sich den Demonstrationszügen an.

Flugblatt mit der Aufschrift 'Arbeiter erklärt Euch mit den Berlinern solidarisch in dem Ihr streikt!!!'

Nach 11:00 Uhr waren mehrere Protestzüge durch Leipzig unterwegs. Während ein Teil der Arbeiter aus den Werken in den Vororten an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten, marschierte der andere Teil der Belegschaften in die Stadt. Nach Schätzungen der Staatsorgane sollen es ungefähr 40.000 Demonstranten gewesen sein, die am frühen Nachmittag durch die Straßen der Innenstadt zogen. Die Propagandaplakate und Spruchbänder der SED wurden überall heruntergerissen. Als der stellvertretende Oberbürgermeister Manfred Gerlach einem der Demonstrationszüge entgegentrat und zu den Menschen sprechen wollte, wurde er verprügelt. Danach zwangen ihn die Aufständischen, dem Zug mit einem Plakat mit der Aufschrift "Freie Wahlen" voranzugehen.

Noch am Vormittag begannen die Demonstranten, an verschiedenen Stellen der Stadt öffentliche Gebäude anzugreifen. Die Bezirksleitung der Staatsjugendorganisation "Freie Deutsche Jugend" (FDJ), das Ernst-Thälmann Haus (Sitz des Bezirksvorstandes des FDGB) und das Revier der Transportpolizei am Hauptbahnhof wurden gestürmt. Nach 15:00 Uhr stürmten Demonstranten auch das HO-Kaufhaus in der Peterstraße. Jugendliche setzten auf dem Marktplatz den Pavillon der "Nationalen Front" und einen Zeitungskiosk in Brand. Die beiden Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder.

Sturm auf Untersuchungsgefängnis und Bezirksgericht

Mehrfach versuchten Aufständische, den Gebäudekomplex der Staatsanwaltschaft, des Bezirksgerichts und der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit an der Beethovenstraße zu erstürmen. Sie wollten die politischen Häftlinge befreien. Nachdem die Polizei im Komplex den Einlass einer Delegation abgelehnt hatte, versuchten die Aufständischen an mehreren Punkten auf das Gelände zu kommen. Dabei gelang es den Aufständischen, mit der Hilfe von Rammböcken und Brechstangen in das Gebäude der Staatsanwaltschaft vorzudringen. Akten flogen auf die Straße. Im Untersuchungsgefängnis gelangten sie jedoch nur auf den Innenhof. Mehrfach gab die Polizei Warnschüsse ab und konnte die Demonstranten kurzzeitig zum Rückzug bewegen.

Auf der anderen Seite des Komplexes in der Dimitroffstraße versuchten Demonstranten, in das Amtsgericht vorzudringen. Gegen 14:00 Uhr trafen hier drei Lastwagen mit sowjetischen Soldaten ein. Mit Warnschüssen konnten sie die Menge aus der Dimitroffstraße vertreiben. Als die Soldaten um 14:30 Uhr wieder abzogen, kehrten die Aufständischen jedoch zurück und versuchten erneut, in den Gebäudekomplex vorzudringen. Dabei wurde das erste Opfer des 17. Juni in Leipzig erschossen. Der 19-jährige Gießer Dieter Teich aus Wiederitzsch bei Leipzig starb an einem Brustdurchschuss. Die Demonstranten gaben ihren Angriff auf. Auf einer Trage, die sie sich aus einem vorbeifahrenden Krankentransport besorgten, trugen sie den Toten in einem Schweigemarsch quer durch die Stadt bis zum Hauptbahnhof. Die Demonstranten wechselten sich dabei ab, den Toten zu tragen. Passanten warfen Blumen auf die Bahre und zeigten so ihre Anteilnahme. Der Zug wurde erst am Hauptbahnhof gestoppt, wo sowjetische Offiziere den Leichnam beschlagnahmten.

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Auch an anderen Stellen in Leipzig kam es nun zu Todesopfern. Wegen der Masse der Demonstrierenden hatten sich die Sicherheitskräfte bis zum Nachmittag noch zurückgehalten. Ab 15:00 Uhr begannen Volkspolizei und Kasernierte Volkspolizei jedoch, mit Gewehren und Pistolen in die Menge zu schießen. Mindestens vier Tote und zahlreiche Verletzte waren in Leipzig zu beklagen. Insgesamt kamen im Bezirk Leipzig acht Menschen zu Tode, sieben Demonstranten und ein Volkspolizist. Wie viele verletzt wurden, ist heute nicht mehr herauszufinden. Polizeiberichte sprechen von 35 verletzten Volkspolizisten und 60 verletzten Demonstranten. Gegen 16:00 Uhr verhängte die sowjetische Besatzungsmacht im Bezirk Leipzig das Kriegsrecht. Jedoch kam es auch danach noch zu Straßenschlachten zwischen Aufständischen und der Polizei. Erst der massive Einsatz von Militär ließ Ruhe in der Stadt einkehren.

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Heftige Zusammenstöße und Tote in Delitzsch

Im Bezirk rund um Leipzig kam es ebenfalls zu Protesten. In Delitzsch waren die Zusammenstöße zwischen Ordnungskräften und Demonstranten besonders heftig. Hier lebten etwa 3.000 Menschen, die in den Chemiebetrieben, in der Braunkohleindustrie und auf den Baustellen in Wolfen, Bitterfeld und Leipzig arbeiteten. Die ersten Pendler waren schon um 13:45 Uhr in ihre Heimatorte zurückgekehrt und hatten von den Ereignissen in den Städten berichtet. Delitzsch liegt außerdem an der Bahnstrecke Leipzig-Bitterfeld-Berlin, so dass auch Reisende schnell Nachricht über die Vorgänge in die Stadt brachten. Noch am Bahnhof formierte sich ein Demonstrationszug, dem sich schnell Arbeiter aus den Betrieben Delitzschs anschlossen. Im Kreis gab es eine Zahl von großen Betrieben wie das RAW Delitzsch und das Leichtmetallwerk Rackwitz.

Bereits um 14:00 Uhr erstürmten die Protestierenden die SED-Kreisleitung. Kurz nach 15:00 Uhr räumten sowjetische Armee-Einheiten das demolierte Haus. Zwei Stunden später versuchten die Bürger der Stadt einen erneuten Sturm auf das Gebäude, der jedoch scheiterte. Daraufhin machten sich die etwa 500 Demonstranten auf den Weg zum Volkspolizeikreisamt, wo sie politische Gefangene befreien wollten. Davon konnten sie weder Aufrufe von SED-Funktionären über den Stadtfunk abhalten noch der Einsatz von Wasserwerfern. Der Chef der Volkspolizei befahl deshalb, auf die Demonstranten zu schießen. Zwei junge Männer, ein Schlosserlehrling und ein Maurer, starben durch gezielte Kopfschüsse. Ihr Tod entfachte den Aufstand weiter, in Delitzsch und den umgebenden Orten kam es zu weiteren Auseinandersetzungen. Auch die Streikbewegung breitete sich im Kreis aus und dauerte bis zum 18. Juni an.

In Leipzig flackerten noch bis zum 20. Juni 1953 Streiks auf. Der letzte Streik endete im Bezirk Leipzig in Meuselwitz (Kreis Altenburg) erst am 22. Juni 1953. Der Ausnahmezustand galt für die Stadt Leipzig fast einen Monat bis zum 11. Juli 1953. In der Zeit unmittelbar nach dem Aufstand wurden fast 1.000 Personen verhaftet. Das Bezirksgericht Leipzig verurteilte 158 von ihnen zu teilweise langjährigen Haftstrafen. Der Transportarbeiter Herbert Kaiser, beteiligt an der Besetzung des Polizeireviers im Hauptbahnhof, wurde mit vier anderen Beteiligten sowjetischen Stellen übergeben. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn zum Tode. Daraufhin wurde er vermutlich nach Moskau transportiert und hingerichtet. Im Jahr 2003 rehabilitierte die Moskauer Militärstaatsanwaltschaft Herbert Kaiser.

Literatur

Publikation

17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR

Ursachen-Abläufe-Folgen

Im Buch wird anschaulich auf der Grundlage umfangreicher Quellenüberlieferungen die gesamte Breite des Volksaufstandes vom 17. Juni geschildert. In Fallstudien rekonstruiert der Autor die Geschehnisse in sämtlichen Regionen der DDR.

  • Roth, Heidi: Der 17. Juni 1953 in Sachsen.
  1. Karl-Marx-Stadt
  2. Magdeburg