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Hand-torn documents in the Stasi Records Archive.

Torn Documents , Quelle: BStU

Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen

Anfang der 1990er Jahre begann der BStU, Unterlagen zu rekonstruieren, die von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit per Hand zerrissenen waren. Insgesamt fand sich dieses Material in 16.000 Säcken.

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In der manuellen Rekonstruktion sind seither bislang etwa 1,5 Millionen Blätter aus 500 Säcken zusammengesetzt und in das Archiv sortiert worden. Seit 2007 wird in einem Pilotprojekt ein Verfahren zu einer computergestützten Rekonstruktion entwickelt. In der Testphase seit Ende 2013 sind bislang rd. 91.000 Seiten aus 23 Säcken wieder zusammengesetzt worden. (Stand März 2017).

Ursprung der Rekonstruktion

Warum gibt es zerrissene Stasi-Unterlagen?

Während der Friedlichen Revolution 1989/90 wurden zahlreiche Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von den Mitarbeitern vernichtet. Sie folgten Vernichtungsbefehlen, die Spuren unrechtmäßigen Handelns und Personenidentitäten verwischen wollten, aber sie ließen auch Alltagsdokumentation des Ministeriums verschwinden. Unterlagen wurden zerschreddert, mit Wasser versetzt oder verbrannt. Viele Dokumente wurden zur weiteren Vernichtung vorab per Hand zerrissen und in Säcke gestopft. Mit der Besetzung der Stasi-Diensträume durch Bürgerinnen und Bürger ab Anfang Dezember 1989 wurde die Vernichtung von Material schrittweise gestoppt.

Wieviel Material wurde vernichtet?

Nach der befohlenen und von der Stasi selbst vollzogenen Zerstörung von Material im Herbst 1989 gab es in der ersten Hälfte des Jahres 1990 weitere Vernichtungen von Stasi-Unterlagen. Diesen wurde durch die politischen Gremien in der DDR (Runder Tisch und Übergangsregierung) nicht ohne Widerstand und Druck zugestimmt. Dazu gehören bspw. die Vernichtung der Akten der HV A, der Auslandsspionage des MfS, oder der Militärspionage bei der NVA, deren frühe Dokumente im Stasi-Archiv lagerten. Die Vernichtung von Karteibeständen der HA VI über Ein- und Ausreisen in die DDR hingegen entsprach allseits akzeptieren Datenschutzregelungen. Die genaue Größenordnung des vernichteten Materials durch die Stasi in 1989/1990 lässt sich bislang nicht seriös berechnen. Ein Forschungsprojekt beim BStU untersucht derzeit alle vorhandenen Quellen, um eine bessere Einschätzung zu ermöglichen.

Wie groß ist die Menge an von Hand zerrissenem Material?

Die Stasi hinterließ von Hand zerrissenes, aber noch verwertbares Material, das in rund 16.000 Säcken gelagert wurde. In jedem Sack liegen in etwa zwischen 2.500 bis 3.500 zerrissene Blätter in Schnipseln. Grob geschätzt gibt es noch ca. 400 bis 600 Millionen Schnipsel, die etwa 40 bis 55 Millionen Blätter ausmachen.

Konnte zerschreddertes Papier rekonstruiert werden?

Nein. In einigen weiteren Tausend Säcken befand sich 1990 auch enorm klein zerschreddertes Papier aus dem Reißwolf. Dieses Material wurde bereits 1991 nach Sichtung durch den BStU vernichtet. Es gibt daher kein von der Stasi zerschreddertes Papier mehr beim BStU.

Verfahren der Rekonstruktion

Warum wird überhaupt rekonstruiert?

Im Stasi-Unterlagen-Gesetz ist festgeschrieben, dass der BStU die im Archiv befindlichen Unterlagen verwahrt, sichert und für die Nutzung bereitstellt. Zentrales Anliegen ist es, den von der Verfolgung durch die Stasi betroffenen Zugang zu den über sie gesammelten Daten zu verschaffen, aber auch generell anhand der Akten Aufklärung über die Vergangenheit zu ermöglichen. Zu diesen Akten gehören auch die zerrissenen Unterlagen. Ihre Rekonstruktion ist Teil des gesetzlichen Auftrags.

Weiß man, was in den Säcken für Inhalte liegen?

In einer ersten Inventur wurden die Säcke 1991/92 erfasst und gesichtet, das Ergebnis der Erfassung in der Berliner Zentrale ist im ersten Tätigkeitsbericht nachzulesen. Seit 2008 wurden weitere Säcke dann sukzessive fein gesichtet, das heißt, zunächst nach formalen Kriterien (Registriernummern, Aktenzeichen oder Paginierungen) sortiert. Dann wurden sie auf inhaltliche Relevanz (Themen oder Hinweise auf Personen) geprüft. Abschließend wurde der Grad der Zerstörung dokumentiert. Rund 3.300 Säcke konnten bislang so feingesichtet werden. Die Erkenntnisse dienen der weiteren Auswahl von Säcken zur Rekonstruktion.

Wie werden Säcke für die Rekonstruktion ausgewählt?

Für die manuelle Rekonstruktion ist in erster Linie der Grad der Zerstörung entscheidend. Nur einfach oder zweifach zerrissene Seiten eignen sich für die manuelle Rekonstruktion. In zweiter Linie gelten dann die Kriterien, die auch für die Auswahl der Säcke für das Pilotprojekt zur virtuellen Rekonstruktion zugrunde gelegt wurden. Die Kriterien sind:

Wie läuft die manuelle Rekonstruktion ab?

1995 wurde die Arbeit an zerrissenen Unterlagen in der Projektgruppe "Manuelle Rekonstruktion" gebündelt. Einfach und zweifach zerrissene Unterlagen werden im Prozess wie ein großes Puzzle ausgebreitet, kombiniert und sobald passend, fachgerecht zusammengeklebt. Die wieder hergestellten Seiten werden anschließend von Archivarinnen und Archivaren beim BStU erschlossen und ins Archiv sortiert. Das Personal für die zeitintensive Puzzlearbeit wurde Mitte der 90er Jahre überwiegend aus einer Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Zirndorf (Bayern) rekrutiert. Angesichts der aktuellen Situation stellte der BStU die zuletzt noch vier abgeordneten Mitarbeiter des Bundesamtes sowie vier eigene, befristet eingestellte Mitarbeiter ab Anfang 2016 dem BAMF zur Verfügung. Seither wird in der Zentrale in Berlin und sowie der Außenstelle Frankfurt (Oder) manuell rekonstruiert.

Inhalte der zusammen gesetzten Unterlagen

Was steht in den Dokumenten?

Das Material stammt aus allen vier Jahrzehnten der DDR. Eine Vielzahl von Unterlagen war bereits für die persönliche Schicksalsklärung und Rehabilitierung von Bürgerinnen und Bürgern hilfreich. In der manuellen Rekonstruktion konnten zum Beispiel Dokumente der Bespitzelung und Verfolgung prominenter DDR-Oppositioneller wie Jürgen Fuchs oder Robert Havemann und des regimekritischen Schriftstellers Stefan Heym wiederhergestellt werden. Auch die Zusammenarbeit verschiedener inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit dem MfS wurde durch rekonstruierte Akten belegbar. Auch Einblicke in die Dopingpraxis des DDR-Sportes oder die Grenzabsicherung 1961 wurden möglich. Zu den prominenteren Funden gehören auch die rekonstruierten Unterlagen zur in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin Silke Maier-Witt.

Bei den virtuell rekonstruierten Seiten wurden bislang viele Inhalte aus den späten 1980er Jahren zusammengesetzt. In den Dokumenten finden sich Pläne des MfS für den Verteidigungsfall, ein Untersuchungsvorgang zu einem Nazi-Kriegsverbrecher oder die Ausspähung der Friedensbewegungen in Ost und West. Dazu gehört auch eine umfangreiche Akten des Zuträgers IM "Schäfer", der in 1980er Jahre unter Oppositionellen aktiv war.

Der Abgleich rekonstruierter Unterlagen mit den bereits vorhandenen Akten des Stasi-Archivs lässt zudem Rückschlüsse auf die Methodik der Vernichtung der Geheimpolizei im Herbst 1989 zu.

  • Giselher Spitzer, "Diskussion des Ergebnisses der Muster-Rekonstruktion von Stasi-Unterlagen", (ein Auszug aus der Studie von Johannes Weberling / Giselher Spitzer (Hrsg.), Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi – Unterlagen, 2007)

Stand der Rekonstruktion

Wie viel wurde bislang zusammengesetzt?

In 20 Jahren wurden mehr als 1,5 Millionen Blätter an Stasi-Unterlagen manuell zusammengesetzt. Das sind Materialien aus ca. 500 Säcken. Im Testverfahren der virtuellen Rekonstruktion ist der Inhalt aus 23 Säcken rekonstruiert worden, das sind rund 91.000 Seiten.

Funktioniert das virtuelle Verfahren?

Das Fraunhofer IPK hat dem BStU im Oktober 2013 nachweisen können, dass der "e-Puzzler" funktioniert. Im Gesamtprozess hat sich der Scanner der Schnipsel jedoch als Hindernis erwiesen. Er ist nicht leistungsstark genug, um hunderttausende Schnipsel in einem überschaubaren Zeitraum automatisiert zu digitalisieren. Auch die Bildverarbeitung des Scanners ist nicht optimal. Schattenbildung und mangelnde Farbechtheit müssen nach dem Scannen aufwändig wieder herausgerechnet werden, um zum Erfolg zu kommen. Das erschwert das Verfahren.

Warum dauert das Entwickeln des Verfahrens so lange?

Das Verfahren zur virtuellen Rekonstruktion hat kein Vorbild und ist weltweit einzigartig. Es handelt sich um ein Forschungsprojekt, bei dem eine Technologie von Grund auf neu entwickelt wird. Der Prozess der Entwicklung der Technologie ist durch neue Erkenntnisse unterbrochen und entsprechend neu ausgerichtet worden. Das hat Zeit- und Finanzierungsplanungen gründlich verschoben.

Wo steht die Rekonstruktion jetzt?

Der Deutsche Bundestag hat dem BStU 2015 weitere Mittel in Höhe von zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt und damit ein Signal für die Fortführung des Projektes virtuelle Rekonstruktion gegeben. Mit diesen Mitteln soll die Scantechnologie auf das vReko-Projekt angepasst werden, die schneller und präziser als bisher in der Lage ist, Schnipsel zu digitalisieren. Der Bundesrechnungshof hat zur Weiterentwicklung des Projektes in seinem 2015 begonnenen und inzwischen abgeschlossenen Prüfverfahren hilfreiche Impulse gegeben. Seit 2017 liegt nun ein neues Projektdesign beim BStU vor, das der Beirat des BStU befürwortet hat. Das bisherige Pilotprojekt hatte u.a. den Auftrag, zu prüfen, ob ein Verfahren entwickelt werden kann, auf dessen Basis die massenhafte virtuelle Rekonstruktion umsetzbar ist. Das Pilotprojekt konnte zu diesem Prüfauftrag feststellen, dass mit den derzeitigen Technologien, den finanziellen Möglichkeiten und unter Beachtung von Wirtschaftlichkeit dieses Ziel momentan nicht erreichbar ist. Gleichzeitig soll nun im neuen Projektdesign mit Blick auf Lücken in den Archiv-Beständen gezielt virtuell rekonstruiert werden. Dazu soll die bereits entwickelte Software und eine verbesserte Scantechnologie genutzt werden. BStU und Fraunhofer IPK arbeiten derzeit (Januar 2018) an der Neufassung eines Projektvertrags.