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Sowjetische Panzer fahren durch eine Menschenmenge auf dem Prager Wenzelsplatz.

Die Stasi und das Ende des "Prager Frühlings"

Im Spätsommer 1968 beendeten Truppen der UdSSR und der Volksrepubliken Polen, Bulgarien und Ungarn den "Prager Frühling". Stasi-Unterlagen belegen die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und die Angst der SED-Führung vor einem Zerfall des Warschauer Paktes.

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Dr. Bernd Florath, Historiker beim BStU, erklärt die Auswirkungen des "Prager Frühlings" auf die DDR.

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 marschierten Truppen der UdSSR und der Volksrepubliken Bulgarien, Polen und Ungarn in die Tschechoslowakei (ČSSR) ein. Sie besetzten das Territorium eines "Bruderlandes", um die Umsetzung der von ihnen als konterrevolutionär bezeichneten Ideen der Prager Reformer vom Frühjahr des Jahres zu stoppen. Die DDR, so stellte sich nach 1989 heraus, war mit ihrer Nationalen Volksarmee für Versorgungsleistungen und wichtige Logistik im Umfeld der Besetzung außerhalb des tschechischen Territoriums eingesetzt.

Dass die Ideen des "Prager Frühlings" in der DDR für große Besorgnis in der politischen Führung sorgten, lässt sich auch an den Stasi-Unterlagen ablesen. Der mögliche "Riss" im sozialistischen Lager, in den das Ausscheren der Prager Kommunisten durch den Versuch eines demokratischeren Sozialismus umgewidmet wurde, wurde mit großer Sorge, fast Panik betrachtet. Für kein anderes Ostblockland war der Zusammenhalt des sozialistischen Staatenbündnisses von so existentieller Bedeutung wie für die DDR.

 

Auslandsgeheimdienst entwirft "Maßnahmeplan"

Nach Monaten der Reformpolitik in der Tschechoslowakei entwarf der Chef der HV A Markus Wolf im Juni 1968 einen "Maßnahmeplan", den er Stasi-Minister Mielke persönlich zur Abzeichnung übergab. In ihm wird detailliert aufgelistet, wie Informationen aus dem Lager der "Gegner" einzuholen seien. Die Reformen im "Bruderland" galten im Sprachgebrauch der Stasi und SED längst als "Zersetzungsversuche" der Westmächte. Diese für die DDR hilfreiche These zu belegen, dafür mussten Informationen besorgt werden. Aber der Stasi lag auch daran, die Lage in der Tschechoslowakei in jeder Hinsicht "aufzuklären". Eine lange Liste an einsetzbaren IM ist das Kernstück des Planes.

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Die überall aktiven IM lieferten nun fleißig. Anfang August zum Beispiel schickte IM "Monika Seifert" Bilder einer Demonstration des Schriftstellerverbandes der ČSSR auf dem Altstädter Ring in Prag. Fotos vom Einmarsch lieferten andere IM, auch Fotos von Flugblättern in deutscher Sprache.

Fotos des Einmarsches kamen nach und nach, auch noch Wochen nach dem Ereignis. Das MfS sammelte alles. Am 26. August schlug der Leiter der Hauptabteilung IX vor, die Fotos der "Westpresse" systematisch auszuwerten, um Personen zu identifizieren, die an den "konterrevolutionären Umtrieben" beteiligt waren. Minister Mielke unterstützte und erweiterte den Plan. Es seien "... alle Möglichkeiten mit Hilfe aller operativen Linien in der ganzen Welt auszunutzen."

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Anfang September inspizierte die Stasi eine Ausstellung in Braunschweig, die die Niederschlagung des Prager Frühlings dokumentierte. Mit Fotos und einem ausführlichen Ausstellungsbericht wurde die "Hetzausstellung gegen die ČSSR" in den Akten vermerkt.

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Fast einen Monat nach dem Einmarsch gab der GI (Geheime Informator) "Hans Braun" seinen Bericht vom 21. August an seinen Führungsoffizier in Cottbus. Er übergab dem MfS mehrere Fotos mit Bildbeschreibungen von den Protesten in der Stadt České Budějovice in der ČSSR.

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt den vorderen, seitlichen Teil eines Autos. Im Auto selbst sitzen zwei Personen. An der Beifahrertür ist ein Plakat angebracht, auf dem 'Svobodu! bez Okupacních armád' steht.

Folgen des "Prager Frühlings" in der DDR

Neben der aktiven Nachrichtenbeschaffung zur Lage in der ČSSR hatte das MfS zudem die Aufgabe, jede Art von Solidaritätsbekundung mit den tschechischen Reformern im eigenen Lande zu unterdrücken. Nach Analysen der DDR-Staatsanwaltschaft wurden allein bis Oktober 1968 1.189 Personen in der DDR wegen ihrer Sympathiekundgebungen für den Prager Frühling strafrechtlich belangt. Selbst innerhalb der SED wurden gegen 3.358 Mitglieder aus diesem Grunde Parteiverfahren eingeleitet.

Die weitere Rolle der Stasi in der ČSSR

Das MfS hat darüber hinaus nach der Niederschlagung der Proteste mit den tschechoslowakischen Vertretern der "Normalisierung" aktiv die Restauration der tschechoslowakischen Staatssicherheit betrieben - in Arbeitsteilung mit dem KGB. Der Einsatz "Genesung" wie Erich Mielke die Niederschlagung des "Prager Frühlings" nannte, wurde so zu einem Erfolg für die Stasi.

Maßnahme "Donau" und Einsatz "Genesung"

Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968/69 im Spiegel der MfS-Akten
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