Direkt zum Seiteninhalt springen
Im Hochkantformat wurde in den langen Tunnel mit der gewölbten Decke hinein fotografiert. Auf beiden Seiten sind Regale voller Leinensäcke.

Kabelkrimi im Kalten Krieg

1956 inszenierten sowjetische Streitkräfte die Entdeckung eines Spionagetunnels in Berlin-Altglienicke. Mit diesem Tunnel hatten der britische Secret Intelligence Service (SIS) und der US-Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) sowejtische Nachrichtenkabel unterirdisch angezapft. Damit versiegte eine Quelle, die zwar Massen an Informationen geliefert hatte, gleichzeitig aber aber aufgrund eines Verrats nur Belanglosigkeiten preisgab. Audiovisuelle Medien aus dem Stasi-unterlagen-Archiv geben einen Einblick in den brisanten Vorgang.

Zum Inhalt springen

Geschichte

Am 22. April 1956 wurde die Schönefelder Chaussee im Berliner Stadtteil Altglienicke im Auftrag der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) aufgerissen. Unter der Straße verliefen Kabel, die die sensible Kommunikation der Sowjetarmee zwischen Moskau und dem Hauptquartier der GSSD in Wünsdorf gewährleisteten. Die von den Sowjets beauftragte Kasernierte Volkspolizei legte einen Tunnel frei, der in die Westsektoren nach Rudow führte.

Der US-amerikanische Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) und der britische Geheimdienst Secret Intelligence Service (SIS) hatten im Dezember 1953 das Unternehmen beschlossen und ihm den Decknamen "Gold" gegeben. Von Rudow aus legten sie ab Herbst 1954 einen Tunnel an. Die Briten führten den Bau aus, die Amerikaner finanzierten das Vorhaben. Im Mai 1955 waren Tunnel und Abhöranlage fertig gestellt. Das Anzapfen der sowjetischen Kabel gelang den britischen Fernmeldetechnikern unbemerkt. Dadurch wollten die Geheimdienste rechtzeitig vor einem atomaren Erstschlag der UdSSR gewarnt sein. Als Vorbild für die Aktion "Gold" diente eine ähnliche Maßnahme, bei der in Wien mit Hilfe mehrerer kleiner Tunnel sowjetische Telefonkabel vom britischen Geheimdienst abgehört worden waren.

Das Bild zeigt, hinter einigen Reihen kahler Jungpflanzen, zahlreiche dunkel gekleidete Personen, die um zwei Erdhügel herum stehen. Daran vorbei führt eine unebene, unbefestigte Zufahrt. Im Hintergrund sind Ein- und mehr Familienhäuser zu sehen.

Elf Monate lang wurden telegrafische und telefonische Nachrichten auf 50.000 Magnetbändern aufgezeichnet. Unter den 380.000 Aufzeichnungen waren zahlreiche Gespräche von politischer Bedeutung, unter anderem zu den Geschehnissen zum XX. Parteitag in der UdSSR.

Unterirdische Abhörzentrale ausgehoben  Mehr als 300 m weit trieben amerikanische Gangster einen Spionage-Tunnel in das Gebiet der DDR vor.  Am 22.April 1956 legten sowjetische Nachrichtentruppen den Abhörstollen frei, der von der auf westberliner Gebiet errichteten amerikanischen Radarstation aus in den demokratischen Sektor gewühlt war. Heimtückisch, sich unter der Erde verbergend, hatten amerikanische Spione Telefonkabel angezapft, um so für sie wichtige Angaben zu erhalten.  [Der Hintergrund des vermeintlichen Flugblattes ist der Umriss eines alten Telefonhörers sowie kleine schwarz-weiße Aufnahmen aus dem Tunnel zu sehen. Es verläuft eine vertikale Risskante.]

Allerdings waren die Sowjets, genau wie bei der Wiener Aktion, über die Pläne und den Bau des Tunnels durch ihren britischen Doppelagenten George Blake informiert. Trotzdem störten sie den Ablauf des Baus und den Betrieb der Anlage nicht, um einen ihrer wichtigsten Agenten im Kalten Krieg zu schützen.

Dem sowjetischen Regierungschef Chruschtschow diente die vorgetäuschte Entdeckung und Ausgrabung des Tunnels im Frühjahr 1956 innen- wie außenpolitisch als Demonstration der Stärke. Am 23. April 1956 gab der sowjetische Militärkommandant Kozjuba die "offizielle" Entdeckung des Tunnels auf einer internationalen Pressekonferenz bekannt. Anschließend konnten für einige Wochen Interessierte die Anlage besichtigen.

Es besuchten auch viele westliche Bürger die Stätte, nicht immer ohne Provokationen. So bestritt beispielsweise ein amerikanischer Soldat die Mitwirkung der USA am Bau, da alle technischen Geräte offensichtlich britische Fabrikate waren. Aus dieser Zeit stammt auch eine umfangreiche fotografische Dokumentation des Tunnels durch den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst. Das große Medienecho ließ Schaulustige zum Tunnel strömen. Sie waren sich in der Regel darüber einig, dass der Tunnel einen rechtswidrigen Eingriff der westlichen Geheimdienste in das Hoheitsgebiet der Sowjets und der jungen DDR darstelle. Sechs Wochen nach der Entdeckung des Tunnels bauten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Abteilung O (Telefonüberwachung) die technischen Anlagen ab.

Quellen aus den Archiven des BStU

Fotoalbum

Unmittelbar nach der Entdeckung des Tunnels legte die Stasi ein Fotoalbum an. Aus dem Originaltitel des Albums geht hervor, dass es sich um Aufnahmen des MfS handelt. Die zugehörigen Negative sind bei bislang jedoch nicht gefunden worden. Es muss sich um Negativplatten handeln, die unter der Film-Nummer 1806 in einem Negativkarteischrank aufbewahrt wurden.

Bereits am 25. April 1956 sandte der 1. Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, das Album an Walter Ulbricht, um ihm und weiteren Mitgliedern des Sekretariats des Zentralkommitees (ZK) der SED exklusiv die ersten Erkenntnisse über den Tunnel zu präsentieren. Mielke forderte Ulbricht gleichzeitig auf, das Album bei der nächsten Sitzung an ihn zurückzugeben.

Dokumente

Im Anschluss an die Freilegung des Tunnels untersuchte das MfS die Abhöranlage bautechnisch. Zur Feststellung der Bauzeit wurden auch die sogenannten Collizettel herangezogen, die an der Pressluftleitung befestigt waren. Diese Anhängezettel sind im Original in einer Akte erhalten und auch im Fotoalbum abgebildet. Anhand dieser fortlaufend angebrachten Markierungen rekonstruierte das MfS, dass der Tunnel pro Tag um 3,4 Meter gewachsen war.

[Handschriftliche Beschriftung: High [unleserlich] Line Date Sec 31, 54 Happy New Year]

In der selben Akte findet sich darüber hinaus ein nachträglich zusammengestellter Ablaufplan zur "Entdeckung des Tunnels", der aber nu als Kopie überliefert ist.

Demzufolge informierte der Minister für Staatssicherheit, Wollweber, am 22. April 1956 den Leiter der Abteilung O über die gemeinsame Grabung mit anderen bewaffneten Organen in Altglienicke. Wollweber und der Leiter der Abteilung O, Adolf Viehmann, betraten dann als Erste den Tunnel.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

In einer Ausstellung der Abteilung Agitation wenige Jahre nach der Tunnelentdeckung wurde ein Originalstück des Tunnels als Ausstellungsobjekt gezeigt. Der Tunnel von Altglienicke war eines der bekanntesten Beispiele für westliche Spionagevorhaben gegen die DDR und die Sowjetunion. Dementsprechend häufig wurde er zu Propagandazwecken jeglicher Art benutzt.

Das Bild zeigt ein Tunnelsegment vor einem großformatigen Bild des Spionagetunnels.

Audio und Video

Filmische Überlieferung zur Erstbesichtigung oder zu den öffentlichen Tunnelbegehungen in den Wochen nach der Entdeckung konnte in den Archiven des BStU bislang nicht ermittelt werden. Trotzdem ermöglicht eine fast 25 Jahre später entstandene Quelle Einblicke in die Aktion "Gold".

Der Doppelagent George Blake berichtete 1980 auf einer Podiumsveranstaltung der Schule "Edgar Andre" der Hauptverwaltung A (HV A) des MfS in Belzig über seine "Verdienste als Doppelagent im Kampf gegen den Kapitalismus".

George Blake wurde nach seiner Enttarnung 1959 in Großbritannien inhaftiert, konnte später aber in die sozialistischen Staaten fliehen. Detailreich schilderte er die Aktion, die der britische Geheimdienst im Anschluss an eine ähnliche Operation in Wien für Berlin plante, wo sich Möglichkeiten zum Anzapfen von Kabeln nahe dem Brandenburger Tor sowie in Rudow anboten.

Die Entscheidung für Rudow sei aufgrund zweier Kriterien gefällt worden: Die Maßnahme habe dort unbemerkter durchgeführt werden können. Außerdem habe man sich vom Abhören der Nachrichtenkabel des sowjetischen Hauptquartiers, die in Rudow/Altglienicke verliefen, brisantere Informationen erhofft.

Aufgrund einer ihm neu zugewiesenen Aufgabe sei Blake 1956 in Berlin beschäftigt gewesen, als die Sowjets die Entdeckung des Tunnels im April 1956 inszenierten. Es habe für ihn eine unberechenbare Zeit begonnen, während der er mit seiner Enttarnung habe rechnen müssen. Doch, so lobte er, sei es den Sowjets unter Vortäuschung falscher Tatsachen gelungen, einen technischen Grund als Ursache der Entdeckung des Tunnels glaubhaft zu propagieren und so seine Identität weiterhin zu decken.

Neben George Blake sind im gezeigten Ausschnitt der Veranstaltung auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung A auf dem Podium zu sehen. Bei der Person in der Mitte handelt es sich um Hans Fruck, ehemals stellvertretender Leiter der HV A und 1980 Rentner. Neben einer Videoaufzeichnung ist in den Archiven des BStU auch eine identische Tonaufzeichnung der Veranstaltung erhalten.