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Das stark beschädigte Unfallfahrzeug liegt abseits der Straße auf dem Dach. Daneben sind Reifen und der Inhalt des geöffneten Kofferraums auf der Wiese verstreut.

Kopfüber in den Osten

An der heutigen thüringisch-bayrischen Landesgrenze ereignete sich im August 1980 ein kurioser Verkehrsunfall. Ein Bundesbürger befuhr eine Straße entlang der damaligen innerdeutschen Grenze. Plötzlich verlor er zwischen den Ortschaften Mittwitz und Wörlsdorf die Kontrolle über seinen Pkw. Das Fahrzeug überschlug sich mehrfach und landete schlussendlich auf dem Territorium der DDR. Die HA I des MfS löste Alarm aus und setzte eine umfassende Untersuchung in Gang. Währenddessen hatten sich bereits Dutzende Schaulustige aus Oberfranken am deutsch-deutschen Unfallort versammelt.

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Verkehrsunfall an der innerdeutschen Grenze

In den frühen Morgenstunden des 10. August 1980 versetzte ein Ereignis die HA I des MfS in helle Aufregung. In der Stasi-Diensteinheit, die für die "Abwehrarbeit" in der NVA und den DDR-Grenztruppen verantwortlich war, brach in der Folge hektische Betriebsamkeit aus. Der Diensthabende der HA I beim Kommando der Grenztruppen verständigte umgehend seine ihm unterstellten Mitarbeiter im Grenzkommando Süd in Erfurt. Die wiederum benachrichtigten sofort die Genossen im Grenzregiment 15 im südthüringischen Sonneberg. Was war geschehen? In einer lauen Sommernacht war ein 20-jähriger Autofahrer aus Oberfranken im Grenzgebiet wegen überhöhter Geschwindigkeit in einer scharfen Linkskurve von der Straße abgekommen. Das Auto durchbrach die Leitplanke und landete schlussendlich auf dem Territorium der DDR.

Bereits einige Stunden später hatten sich die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden eingeschaltet und den DDR-Grenztruppen folgende Nachricht übermittelt:

"In der Nacht vom 10.08.1980 gegen 01.00 Uhr ereignete sich auf der Staatsstraße 2708 bei Wörls-dorf, Kreis Coburg, ein Verkehrsunfall, bei dem ein PKW, Typ ´Ford Eskord` (sic!) amtliches Kennzeichen: […], nach einem Frontalaufprall auf die dort befindliche Straßenleitplanke über die Grenze auf DDR-Gebiet geschleudert wurde. Das Kfz liegt totalgeschädigt im Grenzabschnitt 51, Grenzzug d, zwischen den Grenzpunkten 615 und 616, 10 m von der Grenzlinie entfernt. Der Fahrer wurde dabei leicht verletzt und kam ohne fremde Hilfe auf das Bundesgebiet zurück. Es wird gebeten, die Bergung des Kfz durch 4 Personen mit einem Traktor zu genehmigen."

Umgehend wurde eine Grenzpatrouille beauftragt die Lage vor Ort zu sondieren. Die eingesetzten Grenzer konnten zunächst keinerlei Auffälligkeiten feststellen. Doch bei einer erneuten Begehung des Terrains entdeckten sie das auf dem Dach liegende Unfallfahrzeug.

Starke Aktivitäten "gegnerischer Grenzüberwachungsorgane"

Wie aus den Unterlagen des Suhler Stasi-Unterlagen-Archivs hervorgeht, war das Terrain, in dem sich der Unfall ereignete, an seiner engsten Stelle, nämlich in Höhe der Grenzsäulen 2342 bis 2352, mit einem Grenzzaun vom Typ I abgeriegelt. Die DDR-Grenztruppen kontrollierten das weitläufige Gebiet – von Einheimischen "Liebauer Sack" genannt – nur unregelmäßig. Der Name "Liebau" geht auf eine gleichnamige Ortschaft zurück, die auf Geheiß der SED-Machthaber abgerissen wurde. In den 50er Jahren hatte sich bereits der überwiegende Teil der Liebauer Bevölkerung geschlossen in das nahe Oberfranken abgesetzt.

Am 10. August 1980, gegen 13:00 Uhr, fanden sich zwei Offiziere der HA I sowie der zuständige Offizier für Grenzaufklärung aus Sonneberg am Unfallort ein. Ihnen fiel sofort auf, dass "auf dem Gebiet der BRD eine starke Aktivität gegnerischer Grenzüberwachungsorgane [zu verzeichnen war]". Bürokratisch-penibel nahmen die Stasi-Offiziere nun den Unfall auf: Zunächst errechneten die Anwesenden minutiös, dass der beschädigte Pkw exakt 9,20 Meter auf dem Gebiet der DDR lag. Zudem stellten sie fest, dass ein Hinterrad abgerissen, die Frontscheibe zertrümmert und die Karosse teilweise stark zerbeult war. Durch die Wucht des Unfalls hatte sich der Kofferraum geöffnet und der Inhalt des Kofferraums lag verstreut herum. Den Geheimpolizisten entging auch nicht, dass die Leitplanke am Unfallort in Richtung DDR stark deformiert war.

'Ereignisortkarte' der Stasi mit genauen Eintragungen zum Unfallhergang und zur Lage des Unfallwagens im Grenzgebiet. Der Unfallort lag unmittelbar an der damaligen innerdeutschen Grenze.

Doch wie gelangte der Pkw-Fahrer so nah an die innerdeutsche Grenze? Die Stasi stellte fest, dass die bundesdeutsche Staatsstraße 2708 aus Richtung Neustadt, Kreis Coburg, über Wörlsdorf weiter in Richtung Mittwitz, Kreis Kronach, verlief. In Höhe der Grenzsäule 2349 führte die besagte Straße etwa 100 Meter parallel zur damaligen innerdeutschen Grenze entlang. Diese machte dann aber einen Winkel von 45 Grad und verlief weiter in Richtung Mittwitz. Der Vorfall konnte also nur, so die Annahme des MfS, der überhöhten Geschwindigkeit des bundesdeutschen Unfallfahrzeuges geschuldet sein.

 

Übersicht mit der Lage des Pkw aus der BRD auf dem Territorium der DDR.

Dutzende Schaulustige am deutsch-deutschen Unfallort

An jenem Sonntagnachmittag hatten sich auf oberfränkischer Seite Dutzende Personen aus der näheren Umgebung eingefunden. Alle wollten dem kuriosen Treiben am deutsch-deutschen Unfallort beiwohnen. Die Stasi-Kameras hielten lachende Kinder, fotografierende Erwachsene und sich skeptisch umschauende Beamte der Bayrischen Grenzpolizei sowie des Grenzzolldienstes fest. Auch der Unfallfahrer, der mit seinen Eltern persönliche Dinge sicherstellte, geriet später in den Fokus der Stasi-Kameras. Eine diesbezügliche Bildunterschrift lautet: "Detailaufnahme bei der Bergung des Kfz durch Personen der BRD. Gebückte Person ist Vater des Verursachers."

Das auf dem Dach liegende Unfallauto befindet sich abseits der Straße auf einer Wiese. Im Hintergrund befindet sich in einiger Entfernung vom Unfallwagen eine Gruppe Menschen. Am linken oberen Bildrand ist eine DDR-Grenzsäule zu sehen, die die Staatsgrenze der DDR markiert.

Da sich die Anwesenden in Ost und West nur wenige Meter auseinander entfernt befanden, entnahmen die Stasi-Mitarbeiter den Gesprächen, dass der Unfallverursacher vor Ort war. Ihnen fiel ein junger Mann auf, der etliche Hautabschürfungen im Gesicht aufwies. Zudem schien er Erläuterungen zum Unfallhergang zu geben. Die "Untersuchungsführenden" des MfS schlussfolgerten sodann, dass der Unfallverursacher aus Richtung Mittwitz kommend die Straße mit circa 100 km/h befahren hatte. Erlaubt waren in dem Bereich aber nur 40 km/h. In der Folge war er gegen die Leitplanke geprallt, hatte diese mit hoher Geschwindigkeit überfahren und sich mehrfach überschlagen. Für die Stasi stand fest: Aus einer rasanten Autofahrt war urplötzlich eine "Verletzung des Territoriums der DDR" geworden. Folglich gab es möglicherweise Beschädigungen an den Grenzmarkierungen und den Grenzsicherungsanlagen.

Aufgrund der Gegenstände, die sich im Kofferraum befanden, nämlich Malerwerkzeug und zwei Arbeitsnachweisbücher, erfuhr die Stasi auch die persönlichen Daten des Unfallverursachers. Zudem notierten die Geheimpolizisten akribisch, wer von den Angehörigen der bundesdeutschen Sicherheitsbehörden am Unfallort zugegen war: So konnten zweifelsfrei die Leiter der Inspektionen Coburg und Neustadt der Bayrischen Grenzpolizei sowie Mitarbeiter des Grenzzolldienstes identifiziert werden.

Nachdem die Angehörigen der HA I den Unfall aufgenommen und ausreichend Fotografien angefertigt hatten, gaben die ostdeutschen Behörden grünes Licht und die DDR-Grenztruppen genehmigten die Bergung des Unfallfahrzeuges. Diese erfolgte am Nachmittag des 10. August 1980 mittels Seilwinde durch eine Firma aus Kronach. Das Autowrack wurde auf das Gebiet der Bundesrepublik gezogen und anschließend in eine Werkstatt geschleppt. Nach Abschluss der Bergungsarbeiten bedankte sich der Leiter der Inspektion Coburg der Bayrischen Grenzpolizei bei dem anwesenden Offizier für Grenzaufklärung aus Sonneberg für die schnelle und unkomplizierte Hilfe.

Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt den stark beschädigten Unfallwagen, der mit einer Seilwinde abgeschleppt wird.. Im Hintergrund beobachten mehrere Personen, darunter auch Kinder, das Geschehen.

"…deutet das Vorkommnis nicht auf eine provokatorische Handlung hin."

Die ostdeutsche Geheimpolizei erarbeitete abschließend einen Sachstandsbericht. Sie bilanzierte, dass es bei dem Vorfall zu keinen Beschädigungen von Grenzsicherungsanlagen oder Grenzmarkierungen gekommen war. Ferner, und dies arbeitete die Stasi besonders heraus, "…deutet das Vorkommnis nicht auf eine provokatorische Handlung hin". In einem Maßnahmeplan forderten die Verantwortlichen der HA I, dass der Unfallort stärker als zuvor durch die DDR-Grenztruppen zu beobachten sei. Ergänzend dazu sollten den Verantwortlichen in der Bundesrepublik Vorschläge unterbreitet werden, um derartige Vorfälle in der Zukunft zu vermeiden. Darüber hinaus wurde festgelegt, dass das besagte Terrain hinsichtlich "gegnerischer Aktivitäten" einer besonderen Nachbeobachtung zu unterziehen sei.

Bereits am 11. August 1980 thematisierten diverse bundesdeutsche Regionalzeitungen den kuriosen Verkehrsunfall. So veröffentlichte das "Coburger Tageblatt" einen Beitrag unter dem Titel: "Salto mortale in die DDR". Der "Fränkische Tag" brachte die Schlagzeile: "Nach Unfall in der DDR gelandet". Das "Coburger Tageblatt" rundete ihren Artikel mit einer abgedruckten Aufnahme ab. Die diesbezügliche Bildunterschrift lautet: "Unter strenger Bewachung durch die DDR-Grenzposten wurde gestern ein Fahrzeug geborgen, das bei Wörlsdorf in einer scharfen Kurve mehrere Meter weit die Grenze durchbrochen hatte." Auf der Fotografie sind, neben dem Unfallverursacher und dessen Eltern, auch drei männliche Uniformierte zu sehen, die die Szenerie argwöhnisch beäugen. Es handelte sich nicht um "einfache" DDR-Grenzposten, sondern um die beiden Offiziere der HA I und den Offizier für Grenzaufklärung aus Sonneberg. Denn an jenem 10. August 1980 waren auch die drei "Untersuchungsführenden" aus der DDR in den Fokus vieler bundesdeutscher Kameraobjektive geraten.

Die bundesdeutschen Printmedien lieferten zudem weitere Aspekte zum Unfallhergang: Der Unfallfahrer hatte sich in der besagten Nacht eigenständig aus dem Grenzgebiet retten können. Er begab sich in der Folge nach Kronach und ließ sich im dortigen Kreiskrankenhaus ambulant behandeln. Während einer Vernehmung durch die Polizei gab er an, eingeschlafen zu sein. Die Beamten führten im Anschluss einen Atemalkoholtest durch, der positiv ausfiel. Der damals 20-jährige Autofahrer war also in vielerlei Hinsicht noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.