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Akten und das Beweisstück zu einer Stasi-Ermittlung zu vermeintlicher Sabotage

Ein Kronkorken unter Sabotageverdacht

Der Technische Direktor des VEB Berliner Brauereien hatte dem DDR-Ministerrat über Probleme des Betriebs mit Flaschenverschlüssen berichtet. Die Stasi beschäftigte sich intensiv mit dem Fall. Die Geheimpolizei witterte Sabotage des Westens.

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Video zum Fundstück

Margarete Wittkowski, altgediente Kommunistin jüdischer Herkunft, promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und von 1933 bis 1945 im Exil in der Schweiz, hatte schon einiges erlebt, als sie im Jahr 1961 Stellvertreterin des Vorsitzenden des Ministerrates wurde. Nun durfte sie sich dem "riskanten Wirtschaftssektor des Konsums und der Dienstleistungen" widmen, der zwar "für die sozialistische Ökonomie von nachrangiger Bedeutung" war, für die Zufriedenheit der Bevölkerung aber eine zentrale Rolle spielte.

Als sich Wittkowski im Oktober 1962 an den Minister für Staatssicherheit Erich Mielke wandte, ging es um ein brisantes Thema: Kronkorken. Der Technische Direktor des VEB Berliner Brauereien hatte ihr von den Problemen seines Betriebs mit Flaschenverschlüssen berichtet, die vom DDR-weit größten Hersteller, der Firma Bender & Merkel, geliefert wurden. Die Kork- und Pappscheibeneinlagen in den Kronkorken seien "derart schlecht eingeleimt, daß sie herausfallen und den ordnungsgemäßen Betrieb der hochwertigen Abfüllanlagen stören", teilte Wittkowski dem Minister mit. Basierend auf einem Bericht des Technischen Direktors, der die Firma im sächsischen Raschau besucht hatte, wies sie darauf hin, dass der Stammbetrieb der Firma in der Bundesrepublik lag. Ganz offensichtlich wollte Wittkowski damit andeuten, die schlechten Kronkorken könnten Folge westlicher Sabotage sein.

„Die Stasi interessierte sich für solche Fragen, weil Sie ein Mittel waren, um die Herrschaftssicherung in der DDR zu gewährleisten.“

Dr. Philipp Springer
Historiker beim BStU

Das MfS ermittelt im Fall Kronkorken

Es überrascht daher nicht, dass sich das MfS des Problems annahm. Auf Weisung Mielkes wurde die BV Karl-Marx-Stadt um "sofortige Prüfung" gebeten. In den nächsten Monaten sammelten die sächsischen Geheimpolizisten Material über die Kronkorkenfabrik. Gegen den Leiter des Betriebs veranlassten sie "operative Maßnahmen" – verdächtig erschien unter anderem, dass der Mann bis 1956 "keinerlei gesellschaftliche Betätigung" gezeigt, danach aber "aktiv die Ziele" der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft unterstützt habe.

Hinweise auf Sabotage konnte die BV trotz langer Recherchen jedoch nicht finden. Ende April 1963 meldete der Leiter Siegfried Gehlert telefonisch nach Berlin, dass eine "Veränderung zu Gunsten der Kronkorken […] eingetreten" sei. Aufgrund technischer Verbesserungen müssten die neu entwickelten Kunststoffplättchen nun nicht mehr mit Leim am Metall der Kronkorken befestigt werden. Allerdings: "Kunststoff reicht jedoch zur Zeit noch nicht aus, so daß Plättchen vorerst nur für Export Verwendung finden."

Es ist anzunehmen, dass die Ermittlungen der KD Schwarzenberg dem Minister nicht genügten. Spätestens im Mai 1963 schaltete sich die Abteilung V der Hauptverwaltung A des MfS ein. Diese Abteilung der Auslandsspionage war unter anderem für die "Aufklärung der wirtschaftlich-politischen und feindlichen Pläne der Konzerne, Banken und Unternehmerorganisationen" zuständig. Geleitet wurde die Diensteinheit von Oberst Heinrich Weiberg, der in den 1930er-Jahren Chemie und Physik studiert und nach dem Krieg zwei Jahre als Chemiker gearbeitet hatte. Er dürfte somit ein gewisses fachliches Verständnis für die Kronkorken-Problematik mitgebracht haben.

In einem Schreiben, das Weiberg über seinen Chef Markus Wolf an das Sekretariat des Ministers sandte, zitierte er einen "Genossen Spezialisten in der DDR, der jahrelang auf dem Gebiet der Herstellung von Flaschenverschlüssen in Westdeutschland gearbeitet" habe und der die "Produktion der Firma Bender" kenne. Dieser Spezialist wies das MfS darauf hin, dass in der Bundesrepublik die Kronkorken überhaupt nicht geklebt würden und somit Probleme wie die der Berliner Brauereien überhaupt nicht aufträten. "Weshalb trotz dieser Lage das in [Westdeutschland] bewährte Verfahren durch ein Klebeverfahren ersetzt worden ist, wäre zu untersuchen", hieß es raunend in dem Schreiben. Offenbar vermutete man auch hier wieder Sabotage.

Keine Hinweise auf westliche Einflussnahme

Letztlich bestätigte aber auch die HV A, dass in der Kronkorken-Frage keine Hinweise auf westliche Einflussnahme auf die Produktion zu entdecken seien. Nach Ansicht Oberst Weibergs handelte es sich "um eine vollkommen legale Sache". Durch einen vierwöchigen Einsatz eines "klugen Ingenieurs" in dem Betrieb sollte alles "in Ordnung zu bringen" sein, schrieb Weiberg an den persönlichen Referenten des Ministers, Hans Carlsohn.

Der in den Akten der Geheimpolizei überlieferte Kronkorken lässt sich durchaus als Beispiel für die Rolle des MfS in der Wirtschaft der DDR betrachten. Die Aktionen, mit denen die Staatssicherheit die wirtschaftliche Entwicklung des Staates beeinflusste, dienten dabei aber "nicht der ökonomischen Effizienzsteigerung, sondern der Herrschaftssicherung". Auch wenn das MfS wie im Fall der Kronkorken-Produktion sogar einen Fachmann mit Ermittlungen beauftragte, stand für die Geheimpolizei immer die Frage einer möglichen westlichen Sabotage und weniger die Suche nach verbesserten Herstellungsmethoden für die Flaschenverschlüsse im Vordergrund.

Sollte Margarete Wittkowski vom MfS über die Ermittlungsergebnisse informiert worden sein, so dürften sie diese nicht zufriedengestellt haben. Die Probleme bei der Kronkorken-Produktion blieben weiterhin bestehen. Der Versuch, diese mit der Störtätigkeit des kapitalistischen Gegners und nicht durch grundlegende Schwierigkeiten des sozialistischen Wirtschaftssystems zu begründen, misslang offensichtlich.

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