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Observationsfoto der Stasi vom Eingang der amerikanischen Botschaft an der Neustädtischen Kirchstraße in Ost-Berlin. Die Aufnahme ist zwischen 1988 und 1989 entstanden

Auf Tuchfühlung mit dem Klassenfeind

Am 4. September 1974, vor 40 Jahren, nahmen die Vereinigten Staaten von Amerika als 110. Land diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Wie man mit dem ideologischen Erzfeind im eigenen Land umgehen sollte, war von Anfang an eine Herausforderung für die Stasi.

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Am 4. September 1974, vor 40 Jahren, nahmen die Vereinigten Staaten von Amerika als 110. Land diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Wie man mit dem ideologischen Erzfeind im eigenen Land umgehen sollte, war von Anfang an eine Herausforderung für die Stasi.

Mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR am 21. Dezember 1972 hatte sich auch für die USA die Möglichkeit eröffnet, offizielle Beziehungen zur DDR herzustellen. US-Außenminister William P. Rogers wollte hierüber schon im Dezember 1972 mit US-Präsident Richard M. Nixon sprechen. Doch Nixon wollte abwarten und nicht gleich zu den Ersten gehören, die dem Drängen der DDR auf diplomatische Anerkennung nachgeben.

Nach der von Nixon gewollten Verzögerung und seinem eigenen Rücktritt infolge des Watergate-Skandals eröffneten die USA und die DDR schließlich ihre jeweiligen Botschaften in Washington und Ost-Berlin am 9. Dezember 1974. Sowohl für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) der DDR als auch für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) stellte sich die Frage: Wie sollten die neuen Botschaften "gesichert" werden? Zu diesem Zweck holten sich die Diplomaten des MfAA und die Offiziere der Stasi Rat von den sowjetischen "Genossen", die schon seit 1934 diplomatische Beziehungen mit den USA unterhielten.

Observationsfoto der Stasi vom Eingang der amerikanischen Botschaft in Ost-Berlin. Im Vordergrund ist ein US-PKW abgebildet. Ein Mann tritt gerade aus der Tür der Botschaft. Am linken Bildrand patrouilliert ein Polizist.

Gespräche in Moskau – Abwehr von Fluchtwilligen

Im Januar 1976 führte der Leiter der Operativgruppe des MfS in Moskau, Oberstleutnant Wolfgang Feustel, ein Gespräch beim KGB über die Herausforderung, die neue US-Botschaft in Ost-Berlin zu überwachen. Sein Gesprächspartner war der Leiter der für die "Abwehr- und Sicherungsarbeit gegenüber der US-Botschaft in Moskau" zuständigen 1. Abteilung der II. der Hauptverwaltung des KGB, Oberst Jewgeni Michailowitsch Rasschepow. Rasschepow legte den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf zwei Aspekte:

  • die Verhinderung von Besuchen von Sowjet- bzw. DDR-Bürgern in der US-Vertretung und
  • die Demoralisierung ("Zersetzung") von Botschaftsmitarbeitern, die die hilfesuchenden Bürgern mit ihren vorwiegend humanitären Anliegen unterstützen wollten

Den Erfolg dieser Taktik belegte er mit Zahlen aus der eigenen Arbeit: Von den ca. 3500 Sowjetbürgern, die die US-Botschaft im Laufe eines Jahres besuchen wollten, seien ungefähr 300 daran gehindert worden, so Rasschepow, und die Proteste der Botschaftsmitarbeiter bzw. die Protestnoten der Botschaft würden von der Miliz bzw. dem sowjetischen Außenministerium ignoriert.

Damit US-Botschaftsmitarbeiter sich möglichst von Sowjetbürgern fernhalten, unternehme der KGB verschiedene Maßnahmen:

  • man inszeniere Besuche von inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) des KGB in der US-Botschaft, die als geistesgestört oder als Hochstapler in Erscheinung traten,
  • man organisiere Einbrüchen an relativ unübersichtlichen Stellen des Botschaftsgeländes,
  • auch vor dem Zusammenprügeln von Milizposten vor der Botschaft und dem gewaltsamen Eindringen, auch mit Autos, in das Innengelände der Botschaft schrecke man nicht zurück,
  • der Einsatz von IM in unmittelbarer Nähe der Botschaft und der Wohnhäuser der US-Amerikaner, die als Betrunkene randalieren, amerikanische Frauen belästigen bzw. sich insgesamt rowdyhaft verhalten", sei eine regelmäßige Strategie.

Ob die Stasi dem Beispiel des KGB gegenüber der US-Botschaft bei der DDR und ihren Angehörigen folgte, bleibt unklar. 1984 konnte sie aber nicht verhindern, dass zum Beispiel sechs ostdeutsche Ausreisewillige in die US-Botschaft vordrangen und dort ausharrten, bis die SED entschied, sie nach West-Berlin zu entlassen.

Demonstration der Gruppe 'Frauen für den Frieden' vor der amerikanischen Botschaft in Ost-Berlin am 01.09.1983

Neuer Standort Washington

Zu Fragen der Sicherheit der DDR-Botschaft in Washington holten ihr 1. Sekretär Hannsgerd Protsch und sein Botschaftskollege, der 3. Sekretär Erhard Wiesner, im März 1975 entsprechenden Rat beim 1. Sekretär der sowjetischen Botschaft in Washington, Nikolai P. Sobolow.

Nach der Aufzeichnung des Gesprächs zu urteilen, waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen für östliche Diplomaten in Washington erheblich besser als für US-amerikanische Diplomaten in Moskau. Die sowjetischen "Genossen" hätten, so Sobolow, "in den vergangenen Jahren keine speziellen Beobachtungsmethoden der verschiedensten amerikanischen Geheimdienste festgestellt". In dem Wohnhaus, das für die ostdeutschen Diplomaten vorgesehen wurde, gäbe es, so Sokolow, "bis jetzt noch keine besonderen Vorkommnisse". Die Polizei halte Demonstranten normalerweise auf eine bestimmte Distanz fern von der sowjetischen Botschaft, wenngleich "dies auch vom politischen Klima abhängt".

Wenn es um "Selbstverteidigungsmittel" ging, könnten die notwendigen Mitteln für die Botschaften auf dem freien Markt in den USA gekauft werden, ohne dass etwas importiert werden müsste. Sobolow zeigte seinen ostdeutschen Kollegen die örtlichen Einkäufe der sowjetischen Botschaft – u. a. einen Schlagstock, der "dem Angreifer elektrische Schläge versetzt", "einen biegsamen Schlagstock, ähnlich einem Totschläger", und drei Tränengassprühdosen.

Die Eröffnung der DDR-Botschaft in Washington brachte auch für die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS neue Möglichkeiten mit sich, in den USA zu spionieren. Vermutlich fanden damals auch Gespräche zwischen der HV A und den sowjetischen "Genossen" über die Gründung und Sicherung ihrer legal abgedeckten Residentur (LAR) in der DDR-Botschaft in Washington statt, aber wegen des Abtransports bzw. der Zerstörung der meisten Akten der HV A, gibt es keine entsprechenden Akten im Archiv des BStU. Dennoch können einige verbliebene Spuren Hinweise geben.

Kurzaufsatz von Douglas Selvage:

"Die HV A in Washington" (PDF, 170KB, Datei ist barrierefrei ⁄ barrierearm) (PDF, 170 KB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)

Weiterführende Literatur

Foreign Relations of the United States, 1969-1976, Vol. XL, Germany and Berlin 1969-1972 (Washington 2008), S. 1097, Dok. 386, Geyer, David C. (Hg.)

Ansprechpartner beim BStU

Douglas Selvage, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung des BStU, ist für Fragen der Zusammenarbeit zwischen MfS und KGB ansprechbar.