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Drei Funkanlagen ('Beehive') des MfS auf einem Feld

Das Geheimnis des "ELOKA"

Im DDR-Bezirk Suhl betrieben die Lauscher des MfS ein engmaschiges Netz an Abhörstationen, Peilpunkten sowie Sende- und Empfangsanlagen. Der Bezirk Suhl bot mit seiner etwa 400 km langen Grenze zur Bundesrepublik und seiner Mittelgebirgslage beste Voraussetzungen für den "elektronischen Kampf" ("ELOKA") gegen den westdeutschen Klassenfeind. Verantwortlich für die "Funkaufklärung", "Funkabwehr", "Funkkontrolle" und "Funkgegenwirkung" war die Hauptabteilung III des MfS.

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Vielfältige "Operative Zielkontrolle"

Im "ELOKA" sollten zum einen Informationen aus dem "Operationsgebiet" abgeschöpft werden. Auf der anderen Seite wurden aber auch die "Funkkontrolle" und die "Funkabwehr" im eigenen Land sichergestellt. Folglich übernahm die Stasi somit die Oberaufsicht über alle militärischen und zivilen Nachrichtensektoren. Einen historisch-wertvollen Bestand stellen die Hinterlassenschaften der Stasi im Bezirk Suhl dar. Diese werden im Archiv der Außenstelle Suhl des BStU aufbewahrt: Es handelt sich dabei um Hunderte von Akteneinheiten, Tausende von sach- und personenbezogenen Erfassungen sowie mehr als 48.000 "Zielkontrollaufträge".

Die "Operative Zielkontrolle" war eines der wichtigsten Verfahren zur Informationsgewinnung der Stasi. Dabei wurden Fernschreib-, Datex-, Telex-, Fernsprech- und Funkfernspruchanschlüsse mit Hilfe von Rufnummernselektierungsanlagen automatisiert abgehört. Derartige Aufträge erteilten vor allem die HV A ("Auslandsaufklärung"), die HA I ("Sicherung der NVA und der Grenztruppen"), die HA II ("Spionageabwehr"), die HA XVIII ("Volkswirtschaft"), die HA XIX ("Verkehrswesen und Post"), die HA XX ("Jugend, Opposition, Sport, Medizin und Kultur"), die HA XXII ("Terrorabwehr") sowie die ZKG ("Ausreisen und Republikflucht"). Auch der sowjetische KGB und weitere osteuropäische "Bruderdienste" konnten "Zielkontrollaufträge" in Auftrag geben. Dabei variierten die Laufzeiten der "Operativen Zielkontrolle", die Wochen, Monate, oftmals aber auch Jahre betragen konnten.

Die Abhörpunkte wurden auf Erhebungen und Bergen mit hohen Antennenanlagen errichtet. Einer dieser Stützpunkte war das "Eisenacher Haus" auf dem Ellenbogen in der Rhön.

Zu sehen ist das 'Eisenacher Haus', das dem MfS als Objekt 'Blitz' diente.

In den 1920er Jahren hatte der Rhönclub das "Eisenacher Haus" als Wanderherberge auf 813m Höhe errichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag das Gebäude mitten im Grenzgebiet und der FDGB sowie die DDR-Zollverwaltung nutzten es als Ferienheim. Etwa 1963 bezog für ein paar Jahre eine sowjetische Aufklärungseinheit aus Meiningen auf dem Ellenbogen Stellung, die in der Folge das Objekt aber wieder aufgab. Nach Jahren des Leerstandes reifte ab 1967/68 bei der Stasi die Überlegung, das "Eisenacher Haus" als Horchposten zu nutzen. Dabei wurde im Speziellen hervorgehoben, dass das Bergplateau teilweise bewaldet und somit von Bayern und Hessen aus schlecht einzusehen war. Die An- und Abfahrt zum Objekt "Blitz", so die MfS-interne Tarnbezeichnung, konnte also gedeckt erfolgen.

Neben der günstigen Lage arbeitete das MfS weitere Merkmale des "Eisenacher Hauses" heraus: Der Bau war besonders massiv und günstig herzurichten. Für erste Instandsetzungsarbeiten am Objekt errechneten die Stasi-Buchhalter ein Kostenvolumen von 87.000 Mark.

Neben "Blitz" auf dem Ellenbogen verfügten die Mithörer aus der Suhler Bezirksverwaltung auch über das Objekt "Kristall" auf dem Schleifenberg bei Sonneberg. Doch damit nicht genug: Auch die Ost-Berliner Kollegen der HA III nutzten den Bezirk Suhl und betrieben teilweise halbstationäre Stützpunkte auf dem "Öchsen" bei Völkershausen, dem "Steinkopf" bei Oberzella, dem "Rockenstuhl" bei Geismar, dem "Suchenberg" bei Reinhards, dem "Großen Gleichberg" bei Römhild oder dem "Bleßberg" bei Mausendorf. Auch der sowjetische KGB, die DDR-Grenzaufklärung und die Militäraufklärung der NVA unterhielten Abhörobjekte im Thüringer Wald sowie in der Rhön.

Legendiert als Objekte der Grenztruppen

Nach Inbetriebnahme des "Blitz" 1968 regelten diverse Anweisungen und Durchführungsbestimmungen den Dienstalltag. Das "Eisenacher Haus" wurde als eine Einrichtung der Grenztruppen der DDR legendiert, wobei die Tarnbezeichnung "Blitz" nur im MfS-internen Dienstverkehr benutzt werden durfte. Die im Objekt "Blitz" tätigen Stasi-Mitarbeiter hatten sich grundsätzlich als Angehörige der Grenztruppen auszugeben. Auch durften diese den Abhörposten nur in Uniformen der Grenztruppen betreten. Sollten sich diesbezüglich Schwierigkeiten mit den Grenzern oder der Volkspolizei ergeben, so hielten die Bestimmungen weiter fest, sollte auf das Grenzregiment in Dermbach verwiesen werden. Genau hier saß nämlich der zuständige Vertreter der HA I, der Stasi-Diensteinheit, die die NVA und die Grenztruppen der DDR "abzusichern" hatte.

Weiterhin war geregelt, dass alle Fahrzeuge, die dienstlich in das Objekt einfuhren, mit Kennzeichen der Grenztruppen der DDR ausgestattet sein mussten. Zudem hatten sich die auf dem Ellenbogen befindlichen Kampfmittel, also Maschinenpistolen, leichte sowie schwere Maschinengewehre, Panzerfäuste und Granaten, stets in einem einsatzbereiten Zustand zu befinden.

Dokument in der Stasi-Mediathek ansehen

Misstrauen gegen alles und jeden war ein Wesenszug der ostdeutschen Geheimpolizei. Diesbezüglich kamen auch IM zur Absicherung des brisanten Objekts "Blitz" zum Einsatz. Im September 1970 berichtete z.B. IM "Rhönsegler" seinem Führungsoffizier: "Ergänzend zu meinem gegebenen Hinweis, dass es Diskussionen unter der Bevölkerung von Oberweid gibt, dass im "Eisenacher Haus" die Funkabwehr sei und – wenn ich in diesem Zusammenhang danach befragt werde – ob sich irgendwelche Personen geäußert hätten, so kann ich dazu sagen, dass dies von mir und auch anderen Jugendlichen Vermutungen sind."

Bemerkenswerterweise zeigte man sich auch den sowjetischen Freunden gegenüber misstrauisch. In einem Schreiben des Leiters der HA III an die Bezirksverwaltung des MfS in Suhl vom 17. September 1982 stellte dieser noch einmal unmissverständlich klar: "In zunehmendem Maße wenden sich Angehörige der sowjetischen Streitkräfte direkt auf den Stützpunkten der Linie III an unsere Mitarbeiter und bitten darum, sie bei der Durchführung ihrer Aufgaben […] zu unterstützen oder suchen den Kontakt zur Aufnahme von ausbaufähigen, freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Stützpunkten (entsprechend der von uns verwendeten Legende sind wir Mitarbeiter der NVA oder der Grenztruppen) und ihren Einheiten. […] Für die Entscheidung zur Unterstützung der Anliegen der sowjetischen Freunde ist in Erfahrung zu bringen - der Name des Kommandeurs und die Dienststellung […], - Einheitsbezeichnungen und Standort (oftmals reichen auch die Kfz-Kennzeichnen aus), - konkretes Anliegen der Unterstützung."

Den "Gegner" komplett im Visier

Aus den erhalten gebliebenen Stasi-Unterlagen wird deutlich, über welche bundesdeutschen Behörden, Institutionen und Einrichtungen das Objekt "Blitz" Informationen zu liefern hatte. Zu beschaffen seien:

  • Informationen über das Grenzüberwachungssystem des Bundesgrenzschutzes (BGS), des Grenzzolldienstes (GZD) sowie der Bayrischen Grenzpolizei (BGP);
  • Informationen über alle vom "Gegner" im Grenzgebiet der DDR festgestellten Vorkommnisse;
  • Informationen über Einheiten und Angehörige der Bundeswehr sowie der NATO-Verbände in Westdeutschland, dabei vor allem Angaben über Manöver, Alarmierungssysteme, Bewegungen, Objekte, Bewaffnung und Zusammenwirken;
  • Informationen über die Polizei der Länder und Städte;
  • Informationen über westdeutsche Staatsschutzorgane;
  • Informationen politischen, ökonomischen und publizistischen Charakters;
  • Informationen über die Potenzen der elektronischen Kriegsführung;
  • Informationen aus dem Gebiet der elektronischen Datenverarbeitung, Übertragung, Speicherung und Steuerungsprozesse.

Auch die US-Army stand über Jahre hinweg im Fokus der Lauscher auf dem Ellenbogen. So notierte z.B. ein Stasi-Auswerter im März 1986: "Des Weiteren konnte herausgearbeitet werden, dass im Basisband 368 Khz der Kanal 12 als Standkanal der US-Streitkräfte belegt ist. Hierbei handelt es sich um mehrere Leitstellen der US-Heeresfliegerkräfte mit Standorten: Fulda, Bad Hersfeld, Heidelberg. Die aufgezeichneten Aussendungen beinhalten im Wesentlichen die Durchgabe von Flugdaten sowie Starts und Landungen von Flugzeugen dieser Kräfte."

Was wusste der Westen?

Hatten die NATO oder die bundesrepublikanischen Sicherheitsbehörden fundierte Informationen darüber, was sich im "Eisenacher Haus" befand? Aus abgehörten Funkmeldungen wurde den Lauschern vom Ellenbogen bewusst, dass vor allem die jeweiligen Bauarbeiten – oftmals unter Hinzunahme eines Krans – von Westdeutschland eifrig beobachtet wurden. Der "Gegner", so das MfS, sprach diesbezüglich von der "Radaranlage Ellenbogen". Natürlich schrillten sofort die Alarmsirenen in Ost-Berlin und in Suhl.

Die Paranoia der Stasi erreichte diesbezüglich einen Höhepunkt, als bekannt wurde, dass ein Bauarbeiter 1984 die DDR "ungesetzlich" verlassen hatte. Die Stasi schlussfolgerte, dass der geflohene Bauarbeiter dem "Gegner" Informationen zum Objekt "Blitz" geliefert haben musste.

Im Zuge der Friedlichen Revolution 1989/90 gingen auch im Objekt "Blitz" die Lichter aus. Zuvor waren couragierte Bürgerinnen und Bürger aus dem Umland erschienen und hatten Kerzen vor dem Tor abgestellt und sich in der Folge auch Zugang verschafft. Die bürokratischen Hinterlassenschaften der Datensammelwut konnten zum größten Teil gesichert werden. Am 13. Januar 1990 zogen die Abhörer aus. Die operative Technik wurde demontiert, zum Teil zerstört oder der Post und der NVA übergeben. Der Rhönclub erhielt sein einstiges Domizil nicht zurück und so wurde das "Eisenacher Haus" der Gemeinde Erbenhausen zugesprochen. Bereits im November 1990 eröffnete hier eine Gaststätte. Bis zum heutigen Tag wird das "Eisenacher Haus" – einst ein brisantes Objekt im "Kalten Krieg" – als Ausflugsort, Lokal und Hotel genutzt.

Weitere Informationen

Bestandsübersicht des Archivs: MfS, BV Suhl, Abteilung III (Funkaufklärung, Funkabwehr)

Bestandsübersicht des Archivs: Hauptabteilung III (Funkaufklärung, Funkabwehr)

Findbuch für die Akten der Außenstelle Neubrandenburg: Abteilung III (Funkaufklärung, Funkabwehr) (PDF, 653 KB, Datei ist nicht barrierefrei ⁄ barrierearm)

Publikation

Hauptabteilung III

Funkaufklärung und Funkabwehr

Die Hauptabteilung III mit den ihr nachgeordneten Abteilungen III in den Bezirken war unter dem Leitbegriff "Elektronischer Kampf des MfS" innerhalb des Staatssicherheitsdienstes der DDR für die Funkaufklärung und Funkabwehr zuständig.