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Firmenzentrale Wismut in Chemnitz heute

Geheimsache Uranbergbau

Die ostdeutsche Wismut AG war der drittgrößte Uranproduzent der Welt. Sie ermöglichte den Aufstieg der UdSSR zur nuklearen Supermacht. Um den strategischen Rohstoff Uran zu gewinnen, entstand in der DDR ein "Staat im Staate" - die Sowjetisch-deutsche Wismut Aktiengesellschaft.

Im Jahr 2008 rief die Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Technischen Universität Chemnitz ein internationales Forschungsprojekt zum Uranbergbau in der DDR ins Leben. Ziel war es, den Stellenwert des weitgehend verheimlichten Uranbergbaus in Politik und Wirtschaft des SED-Staates sowie die Sozial- und Alltagsgeschichte der SDAG Wismut zu untersuchen. Die Ergebnisse der dreijährigen Recherche wurden am im Rahmen einer Buchpräsentation der BStU-Chemnitz der Öffentlichkeit vorgestellt.

Obwohl die SDAG Wismut kein System von Zwangsarbeiterlagern unterhielt und so eine Ausnahme unter den Uranbergbaubetrieben im sowjetischen Machtbereich darstellte, gab es auch innerhalb dieses "Staates im Staat" eine Überwachung der Mitarbeiter. Durch die Organisation der Wismut als eine Art Militärbetrieb setzten sich die Herrschaftsstrukturen aus einem Ineinandergreifen verschiedener Machtapparate zusammen. Die örtliche SED-Leitung und die staatlichen Verwaltungen arbeiteten eng mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zusammen.

Durch den Abwurf der ersten amerikanischen Atombomben fühlte sich die sowjetische Führung unter Druck gesetzt, ebenfalls schnellstmöglich Atomwaffen herzustellen. Doch erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ergab sich für die Sowjetunion die Möglichkeit, auf Metallvorkommen im sächsisch-böhmischen Raum zuzugreifen. Erste Funde von Uran veranlassten das sowjetische Innenministerium, eine breite Suche nach dem begehrten Element zu starten. Nach weiteren, erfolgversprechenden Funden gingen 1947 mehrere Bergbauanlagen im Erzgebirge auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) in sowjetischen Besitz über. Die Generaldirektion dieser "Zweigstelle der Staatlichen Sowjetischen Aktiengesellschaft der Buntmetallindustrie, Wismut" hatte ihren Sitz zunächst in Aue, ab 1949 dann in Chemnitz. Durch die Beteiligung der DDR an der Aktiengesellschaft wandelte sich die Wismut 1954 in eine Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG Wismut).

Die Jagd nach Uran für eine sowjetische Atombombe folgte, soweit dies möglich war, dem westlichen Vorbild USA. So lag die Bewachung der Produktionsanlagen in der UdSSR bei Spezialeinheiten des Ministeriums des Inneren und nicht bei der Armee, wie es bei den Amerikanern der Fall war. Um die Geheimhaltung sicherzustellen, setzte man auf die Arbeitskraft von Soldaten und Sträflingen in den "Atomstädten".

Für die Sicherheit der gesamten Uranindustrie waren in erster und letzter Instanz die Staatssicherheitsdienste der Sowjetunion und der DDR zuständig. Auf deutscher Seite übernahm die Volkspolizei die Aufgaben des Betriebsschutzes. Innerhalb des Unternehmens regelte das MfS die Bereiche Sicherheit, Ordnung und Geheimnisschutz. Dies wurde möglich durch die Einsetzung des deutschen Stellvertreters des Generaldirektors für Kader und Sicherheit, der zugleich ein Offizier des MfS im besonderen Einsatz (OibE) war und in dieser Funktion auf mehrere Einheiten zur Sicherung des reibungslosen Betriebsablaufes zurückgreifen konnte.

Bereits vor der Staatsgründung der DDR 1949 existierten in Sachsen sogenannte "Sonderzonen", in denen sich viele Bergbaubetriebe befanden. Für diese Zonen galten verschärfte Sicherheitskontrollen und erschwerte Zugangsbedingungen. Seit der Mitbeteiligung der DDR an der Wismut AG 1954 oblag die Sicherung dieser Zonen der Deutschen Grenzpolizei, die bis 1957 dem MfS unterstellt war.

Ort der BStU-Veranstaltung: die ehemalige Generaldirektion der SDAG Wismut (heute Knappschaft Bahn-See) in Chemnitz-Siegmar.

Die "Objektverwaltung Wismut" der Bezirksverwaltung">BV Karl-Marx-Stadt war zuständig für die komplexe Sicherung des gesamten Industriezweiges Wismut mit allen ihren Objekten und Betriebsstätten. Zu den Hauptaufgaben zählten die Spionageabwehr, der Geheimnisschutz und die Vorbeugung und Verhinderung von Störungsfällen aller Art. Zur Durchführung nutzte die OV Wismut alle Strukturen und Instrumente des MfS. In dem Zeitraum von 1965 bis 1975 optimierte das MfS die Sicherheitsüberwachung in den Betrieben. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) und Operative Vorgänge (OV) sollten das Risiko für Betriebsspionage und Geheimnisverrat minimieren. Im Jahr 1969 wurden beispielsweise mehr als 1200 Inoffizielle Mitarbeiter verzeichnet.

Im 1982 erging der Befehl, die Objektverwaltung Wismut aufzulösen. Mit wesentlich geringerem Personalbestand gliederte man die OV unter dem neuen Namen "Abteilung Wismut" in die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt ein. Dies ist einer der ganz wenigen Fälle, in denen die Geheimpolizei nicht unentwegt wuchs, sondern Strukturen reduzierte.

Kurz vor ihrer Auflösung 1990 waren 46 hauptamtliche MfS-Mitarbeiter für die "Abteilung Wismut" tätig. Darunter waren 25 operative und 14 operativ-technische Mitarbeiter. Sie waren verantwortlich für etwa 15 000 Beschäftigte aller Betriebssparten. Unter anderem lagen auch gesellschaftliche Organisationen in Karl-Marx-Stadt im Verantwortungsbereich der Abteilung Wismut. Die Sicherheitskräfte der aufgelösten Objektverwaltung Wismut wurden 1982 in die Wacheinheit "Fritz Schmenkel" der Bezirksverwaltung untergeordnet. Dies betraf vor allem Berufssoldaten.

Bis zur Friedlichen Revolution im Herbst 1989 konnte die SDAG Wismut ihren eingeschlagenen Weg der Verharmlosung und Abwiegelung aller Folgen des Uranbergbaues weitestgehend beibehalten. Umweltverseuchungen, Gesundheitsgefährdungen und Zerstörungen von Landschaft und ganzen Siedlungen waren tabuisiert. Wer – wie bspw. der DDR-Umweltaktivist Michael Beleites - diese Gefahren für die Bergleute, ihre Familien und die umliegenden Gemeinden öffentlich machte, wurde von der Staatssicherheit verfolgt. Erst die friedliche Revolution brachte hier eine Änderung.

1990 beschloss die letzte DDR-Volkskammer die Beendigung des Uranbergbaus, doch erst im Mai 1991 schlossen die Sowjetunion und die Bundesrepublik Deutschland ein Abkommen zur Stilllegung der SDAG Wismut. Die Langzeitfolgen des Uranerzbergbaus und der Gefahren, in die sich unzählige Bergleute tagtäglich begaben, beschäftigt die Menschen in den Montanregionen Sachsens und Thüringens noch bis heute.

Weitere Informationen

"Uran für Moskau; Die Wismut - Eine populäre Geschichte", Buch erschienen im Ch. Links Verlag